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Kultur
Dienstag, 20. Februar 2018 4

Theaterpremiere

Zu Bach passt kein Badeanzug

Die szenische Aufführung der h-Moll Messe von Johann Sebastian Bach bricht unter der Last der Regie zusammen.
Von Andreas Meixner

Das Geschehen auf der Bühne nimmt der h-Moll-Messe bisweilen den Gehalt und die Tiefe.Foto: Jochen Quast

Regensburg.Der Regisseur Jochen Biganzoli erlag schon im Vorfeld einem gewaltigen Irrtum. Er meint, die Musik der h-Moll Messe wäre vom lateinischen Text des Messordinariums ablösbar und eigenständig. Wer sich auch nur annähernd mit dem kompositorischen und religiösen Kosmos Johann Sebastian Bachs beschäftigt, weiß von der theologisch-symbolischen Akribie, mit der Bach seine Werke und vor allem seine hohe Messe anlegte, und sei es nur durch bewusste Verwendung von Graduale-Melodien des Gregorianischen Chorals oder alten Kompositionsstilen als Reminiszenz an klassische Vokalpolyphonien.

Provokation erschließt sich nicht

Das ist einer der Webfehler, der die gesamte, knapp zweistündige Inszenierung durchzog. Denn: Mögen die überkonfessionellen Heilsaussagen der liturgischen Texte auch zur Abstraktion und aktuellen Umdeutung taugen, braucht es dafür ein feines Florett und Gespür, um der Musik nicht ihren Gehalt und Tiefe zu nehmen. Schon das Duett für zwei Soprane im „Christe eleison“ (Sara Maria Saalmann und Vera Semieniuk) wird gleich zur ersten Herausforderung, wenn die beiden Damen sich tanzend bis auf einen Badeanzug entblößen, singend auf Badeliegen räkeln und dem Strandkellner mit Lippenstiften die Wundmale auf den Körper und in die Hände malen. Das muss man mögen, zumal sich die Sinnhaftigkeit dieser Provokation nicht erschließt.

Das Regensburger Publikum bleibt erstaunlich standhaft, niemand verlässt das Theater. In der Folge spielt sich vieles in einem Flüchtlingsheim ab. Auf Bildschirmen flimmern in loser Reihenfolge und mit Wortverdrehungen die zehn Gebote durch, In einem der kleinen und engen Zimmer wird der Geburtstag eines Säuglings durch die beiden Eltern liebevoll vorbereitet, um sich dann schlagartig zur Trauerzeremonie zu verwandeln, während der Chor das „Qui tollis peccata mundi“ singt. Das bringt man mit etwas guten Willen mit dem Bild des Opferlamms zusammen. Die demente Mutter, die durch die Szene irrt und versucht, ihre Zimmereinrichtung zu beschriften, bleibt dagegen ebenso ein Geheimnis wie die Idee, die Sopran-Arie „Laudamus te“ (Anne Preuß) zur moderierten Stimmbildungseinheit umzufunktionieren. In der Bassarie „Quoniam tu solus sanctus“ müht sich Jongmin Yoon vor allem damit, die Drehbühne immer wieder in die andere Richtung zu schieben.

Trubel auf der Bühne wie beim Kirchentag. Foto: Jochen Quast

Das Ende des „Gloria“ wird tanzend und ausgelassen im Kirchentagsfieber begangen, was der Präzision der Chorfuge nur wenig zuträglich ist. Ein gelungener und berührender Moment dann jedoch zum Anfang des „Credo“, als ein Moslem die leere Bühne betritt, den Teppich ausbreitet und seinen Gebetsritus eröffnet. Der Text ist dem Credo erstaunlich ähnlich, was den hinzutretenden Chor aber nicht daran hindert, ihn mit Papierfetzen symbolisch zu steinigen. Eine weitere starke Szene folgt noch, wenn zum „Cruxifixus“ die christliche Erlösung als grelle Lichtbänder langsam auf den Boden sinken und den Moslem endgültig vertreiben.

Publikum applaudiert kräftig

Im weiteren Verlauf ziehen riesige Videocollagen von internationalen Katastrophen, sowie Impressionen aus Politik und Wirtschaft die Aufmerksamkeit auf sich. Vor dem Sanctus gibt es eine witzige Belehrung zur Weltwirtschaft aus Kindermündern, der zweite Hosanna-Ruf kommt nur noch aus einem Ghettoblaster. Zum Ende hin werden die Ideen der Inszenierung dünner. Die Benedictus-Arie (Martin Platz), sowie das „Agnus Dei“ (Vera Egorova-Schönhöfer) bekommen den intimen Raum, den sie brauchen, ehe vor der in Gold gefassten Signatur „Soli Dei Gloria“ die Aufführung nahezu klassisch enden darf. Das Publikum applaudiert kräftig, weil es zwei Dinge anerkennt: Das eine ist das Ringen und Suchen um eine aktuelle Deutung des Werks über seinen historischen und musikalischen Wert hinaus. Das andere ist die zweifellos respektable Leistung des Opernchors, der Solisten und des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Alistair Lilley.

Das Orchester erreichte dabei über weite Strecken einen beachtlichen barocken Gestus, es fehlte jedoch an einer zwingenden Gestaltungsfreude und dynamischer Kraft. So blieben die festlichen Fugen und Chöre meist statisch, das Faszinosum dieser einzigartigen Partitur blieb aus. Der Opernchor hatte es ohnehin nicht leicht, bei vielen körperlichen Aktionen auch noch gestalterisch in jede Feinheit zu gehen. Hinzu kam, dass die Sänger bis auf einige Stellen nicht ohne ihre Partituren auskamen. Ein Manko, das sich sowohl darstellerisch als auch musikalisch auswirkte. Die Solisten hingegen blieben ohne Tadel, gestalteten ihre Partien ausdrucksstark und differenziert. An Ihnen lag es nicht, dass Bachs Musik unter der Last der Neudeutung und erzwungenen Entmystifizierung letztendlich zusammenbrechen musste. Der Versuch der Entstaubung und Aktualisierung mit verkopften Assoziationen und seichten Provokationen kostete der Aufführung ihren Hauptdarsteller: die Messe in h-moll von Johann Sebastian Bach. Immerhin schenkte der Abend die simple Erkenntnis, dass dieses Werk keiner weiteren Interpretation bedarf, außer die der Musikalität und religiösen Beseeltheit. Nur dann beginnt es mit seiner ganzen Kraft und Größe zu leuchten.

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