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Kultur
Sonntag, 19. November 2017 7

Musik

Zuckersüße Liebeserklärung ans Alpenland

Das Fendrich-Musical „I am from Austria“ beinhaltet Kitsch, aber auch Selbstironie. Die fulminante Produktion kommt gut an.
Von Andrea Rieder, MZ

  • Hotelierssohn Josi und Hollywood-Sternchen Emma sorgen für viel Romantik. Foto: VBW/Deen van Meer 2017
  • Schrill und bunt geht es auf der Bühne zu. Foto: VBW/Deen van Meer 2017

Wien.Jetzt sind also auch die Lieder von Rainhard Fendrich in der Musical-Welt angekommen. Lange hatte sich der Musiker dagegen gewehrt, seine noch laufende Karriere in einer Musik-Produktion zu manifestieren. Doch die Idee hat sich am Ende durchgesetzt. Im September feierte „I am from Austria“ in Wien nach einem jahrelangen Entstehungsprozess Welturaufführung. Seitdem begeistert das Musical Abend für Abend das Publikum im Raimund Theater. Die Vorstellungen sind bis in den Dezember hinein nahezu ausverkauft und „I am from Austria“ ist auf dem besten Wege, ein voller Erfolg zu werden.

Aufwendige Tanzchoreografien sind ein wesentlicher Bestandteil des Musicals. Foto: VBW/Deen van Meer 2017

Das kommt nicht von ungefähr. Die neue Produktion der Vereinigten Bühnen Wien liefert solide alles, was ein erfolgreiches Musical mitbringen muss: eine namhafte Besetzung (Lukas Perman und Iréna Flury in den Titelrollen), eingängige Arrangements, mitreißende Tanzchoreografien und ein aufwendiges Bühnenbild. Dazu kommt in diesem Fall noch jede Menge Lokalkolorit, der vor allem die österreichische Seele streichelt.

„I am from Austria“ trägt nicht umsonst den Titel jenes Liedes, das österreichische Fußballfans gerne einmal vor einer Partie im Stadion anstimmen. Das Musical ist als Hommage an die Alpenrepublik gedacht – gespickt mit jeder Menge Klischees, aber auch vielen Liebeserklärungen an das Land. Die Heimat ist ein zentrales Thema in der Geschichte.

Für die Besetzung gab es daher ein entscheidendes Kriterium: Wo Österreich drauf steht, sollte am Ende auch Österreich drin sein. Fast alle Darsteller kommen aus dem Alpenland. Es sind bekannte Gesichter, wie Kabarettistin Dolores Schmidinger oder Fernsehmoderatorin Elisabeth Engstler, die zusätzlich für Stimmung bei den Aufführungen sorgen. Ein Mundart-Coach sorgte dafür, dass die vielen verschiedenen regionalen Dialekte auf der Bühne harmonieren. Keine leichte Aufgabe, wie Dramaturgin Elisabeth Gruber verrät.

Das Happy End ist unausweichlich

Über eines lässt sich nicht streiten: An Kitsch ist „I am from Austria“ kaum zu überbieten. Das lässt schon die Riesentorte mit der erdbeerroten Glasur und den großen Sahnetupfen erahnen, die das fiktive Hotel Edler und damit den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte darstellt. Die Handlung kommt ebenso pappsüß daher, wie der 8,6 Meter hohe und zwölf Tonnen schwere Kuchen aussieht: In einem alteingesessenen Wiener Hotel verliebt sich der romantische Hotelierssohn in eine umwerfende Hollywood-Schauspielerin. Nach einigen Turbulenzen und vielen gefühlvollen Szenen gibt es – natürlich auf dem Wiener Opernball, wo auch sonst – das fulminante Happy End. Kritiker bezeichnen die glatt polierte Handlung als „Notting Hill“-Abklatsch. Weil die Macher des Fendrich-Musicals damit aber eher kokettieren, als den Kitsch allzu ernst zu nehmen, wirkt er wie ein bewusst eingesetztes Stilmittel, das zur Belustigung der Zuschauer ab und an gerade extra auf die Spitze getrieben wird. So geht es für das Liebespaar Emma und Josi ausgerechnet im Herzblatthubschrauber zur Gipfelhütte und in einer anderen Szene fangen plötzlich die Torten in der Kühlung an, in das Lied von Protagonistin Emma mit einzustimmen.

Sehen Sie hier ein Video von der Premiere:

Letztendlich ist die Einfachheit des Erzählstrangs auch der Besonderheit einer Jukebox-Produktion geschuldet. Um bereits vorhandene Lieder und Liedtexte muss eine Geschichte konstruiert werden. Bei den mittlerweile mehr als 600 Liedern, die Fendrich geschrieben hat, war das eine Mammutaufgabe. Immer wieder wurden Songs von der Liste gestrichen, Plots verworfen. Doch die beiden Autoren Titus Hoffmann und Christian Struppeck leisteten ganze Arbeit und schafften es am Ende, Lieder wie „Tango Korrupti“, „Strada del Sole“ und „Nix is fix“ zu einem runden Handlungsstrang zusammenzufügen. Sie schrieben eine in sich schlüssige Geschichte, die nur an wenigen Stellen künstlich zusammengebaut wirkt. Etwa dann, wenn mal eben ein Fitnessstudio eröffnet wird, um den Hit „Es lebe der Sport“ unterzubringen. Entscheidend war in diesem Fall wohl, dass der Song im Musical vorkommt. Die glanzvolle Tanzrevue lässt den holprigen Übergang aber schnell vergessen.

Songs orchestertauglich gemacht

Für die Choreografien zeichnete Kim Duddy verantwortlich, die sich bei Produktionen wie „West Side Story“, „Bodyguard“ und „Titanic“ einen Namen gemacht hat. Dass die Fendrich-Songs auf der großen Musical-Bühne nicht fehl am Platz wirken, ist Broadway-Arrangeur Michael Reed zu verdanken. Tatsächlich schaffte er es, Fendrichs Melodien orchestertauglich zu machen und ihnen gleichzeitig ihren Wiedererkennungswert zu lassen.

Nur ein Lied fällt aus der Rolle, dafür ist Fendrich selbst verantwortlich. Es ist der einzige Song, den er extra für „I am from Austria“ geschrieben hat. Genau das ist der Knackpunkt: „Wo gehör’ ich hin“ kommt zu sehr als klassische, wenn auch sehr gelungene Musical-Ballade daher und will nicht wirklich in die Reihe der 20 anderen Lieder passen.

Eine besondere Leserreise

  • Das Musical:

    „I am from Austria“ erzählt die Geschichte eines Hollywood-Stars mit österreichischen Wurzeln. Als Emma Carter in ihre alte Heimat zurückkehrt, verliebt sie sich in einen Hotelierssohn und das Chaos beginnt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist das fiktive Hotel Edler in Wien. Das Musical besteht aus den Hits des Austropop-Musikers Rainhard Fendrich.

  • MZ-Leserreise:

    Für Leser der Mittelbayerischen Zeitung ist vom 24. bis 25. März eine Sonderleserreise nach Wien mit Besuch des Musicals geplant. Dank der Kooperation von M-Tours Live mit den Vereinigten Bühnen Wien erhalten die Teilnehmer eine exklusive Werkeinführung der Dramaturgin und dazu Sekt und Häppchen. Informationen unter www.m-tours-live.de

Bei dieser Komposition kommt Fendrichs Vergangenheit durch. Seine Karriere nahm auf den Theaterbühnen Wiens seinen Anfang. Er spielte den Judas in „Jesus Christ Superstar“ und den Billy Flynn in der Broadway-Produktion „Chicaco“, bevor er zurückhaltendere Töne anschlug und zur Austropop-Legende wurde.

Fendrich gehört heute zu den bekanntesten Vertretern dieses Genres und prägte es entscheidend mit. Mittlerweile blickt er auf eine 35-jährige Karriere zurück. Und sie ist mit dem Start von „I am from Austria“ noch nicht zuende. Erst 2016 erreichte sein aktuelles Album „Schwarzoderweiß“ Platinstatus. Im Februar 2017 startete seine Tournee durch Österreich und Deutschland.

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