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175 Jahre Walhalla
Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Porträt

Die Widerständlerin in der Walhalla

Sophie Scholl ist wohl die einzige moderne „Heldin“ in der Ruhmeshalle. Vermutlich wäre ihr diese Ehrung nicht recht gewesen.
Von Katharina Kellner, MZ

Franz J. Müller, Vorsitzender der Weiße Rose-Stiftung (links) und der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber betrachteten am 22. Februar 2003 die Büste von Sophie Scholl, die genau 60 Jahre nach ihrer Hinrichtung durch die NS-Diktatur in der Walhalla aufgestellt wurde. Foto: dpa

Regensburg.Sophie Scholl hat eben wieder Schlagzeilen gemacht – 74 Jahre nach ihrem Tod. Zusammen mit ihrem Bruder Hans ist sie Namensgeberin der Aktion „Scholl 2017“ des Künstlerkollektivs „Zentrum für politische Schönheit“ (ZpS). Die Geschwister Scholl hatten 1943 ihren Flugblatt-Wurf in den Lichthof der Münchner Universität mit dem Leben bezahlt. Sie gelten heute als Ikonen des Widerstandes gegen das NS-Regime. Vor 75 Jahren, im Sommer 1942, schrieb die Widerstandsgruppe Weiße Rose, zu der die Scholls gehörten, ihr erstes Flugblatt.

Die Gedenkaktion „Scholl 2017“ kam als Bildungsinitiative getarnt daher: Das ZpS forderte Schüler und Studierende im Namen eines erfundenen „Ministeriums für Bildung, Kultur und Demokratie“ dazu auf, ein Flugblatt gegen eine „Diktatur ihrer Wahl“ zu formulieren. Der Verfasser des überzeugendsten Textes sollte eine Reise in eine Diktatur gewinnen und das Flugblatt dort verteilen. „Wie würden Sophie und Hans Scholl das Schweigen heute brechen? Wie würden sie die Welt von Tyrannen befreien?“, fragte ein Erklär-Video. Kontrovers diskutiert wurde „Scholl 2017“, weil das „Zentrum für politische Schönheit“ verschleierte, dass der Aufruf zum Widerstand gegen Diktaturen tatsächlich eine Kunstaktion war.

Die Walhalla braucht Sophie Scholl

Hans und Sophie Scholl Foto: dpa

Was auch immer man von dessen erweitertem Kunstbegriff halten mag – in einem lag das „Zentrum für politische Schönheit“ sicher richtig: Sophie und Hans Scholl sind für zeitgeschichtliche Persönlichkeiten mit denkbar hohem Identifikationspotenzial. Dass Sophie Scholl wohl das prominenteste Gesicht der Weißen Rose ist, daran haben Verfilmungen wie „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (Regie: Marc Rothemund) oder „Fünf letzte Tage (Regie: Percy Adlon) einen großen Anteil. Deren Dramaturgie stellt Sophie Scholl heraus, die die einzige Frau und das jüngste Mitglied im engen Kern der „Weißen Rose“ war.

Und als Einzige aus der „Weißen Rose“ ist sie mit einer Büste in der Walhalla verewigt. Dabei war Sophie Scholl erst später zur Weißen Rose gestoßen. Erst ihre Mitwirkung bei der Herstellung und Verbreitung des fünften Flugblatts im Januar 1943 ist gesichert – die Hauptinitiatoren der Gruppe waren ihr Bruder Hans und Alexander Schmorell. Später kamen noch Christl Probst, Willi Graf und der Philosophie-Professor Kurt Huber dazu.

Lesen Sie auch: Vier Künstlerinnen wiesen 1994 auf den Frauenmangel hin. Ein CSU-Politiker verhalf ihnen unfreiwillig zu Publicity.

Sophie Scholl selbst lag es wohl fern, einen Sonderstatus für sich in der Gruppe zu beanspruchen. Die Berliner „Tageszeitung“, die im Februar 2003 über die Aufstellung der Büste von Sophie Scholl in der Walhalla berichtete, zitierte deren Schwester Elisabeth Hartnagel, dass „Sophie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde“ angesichts der Ehrung, weil sie nie „anders als die anderen“ innerhalb der Widerstandsgruppe hatte behandelt werden wollen. Auch den Münchner Historiker Winfried Süß, Verfasser eines Standardwerkes über die Weiße Rose, führt die „Taz“ an: Er finde es „problematisch, einen der sieben damals Hingerichteten herauszustellen“.

Die Initiatorinnen der Würdigung, die Politikerinnen Hildegard Kronawitter, Renate Schmidt und Hildegard Hamm-Brücher, hatten lange um die Aufnahme der Sophie-Scholl-Büste gerungen. Sie wollten diesem Vorwurf begegnen und sprachen sich dafür aus, dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus allgemein eine Gedenktafel zu widmen. Eine solche ist heute unter der Scholl-Büste angebracht.

In diesem Jahr feiert die Walhalla in Donaustauf ihr 175-jähriges Jubiläum. Unsere Timeline erzählt ihre Geschichte:

Scholl kommt innerhalb der Walhalla eine Sonderstellung zu: Sie ist eine der wenigen Frauen (zwölf von insgesamt 195 geehrten Persönlichkeiten), und unter all den Herrscherinnen und Ordensfrauen die Einzige, die als „moderne Heldin“ zur Identifikation einlädt. Als einzige Widerstandskämpferin im Ruhmestempel bildet sie unter all den Monarchen und Feldherren eine Art demokratisches Feigenblatt. Ob es ihr gefallen hätte, in die Nähe so vieler Gestriger gerückt zu werden, darüber kann man nur spekulieren. Was Professor Dieter Borchmeyer, Präsident der Akademie der Schönen Künste, bei der Aufstellung der Büste für den Dichter Heinrich Heine sagte – „Heine braucht die Walhalla nicht, aber die Walhalla braucht ihn“ – stimmt ebenso auf Sophie Scholl.


Durch die Aufstellung ihrer Büste ist die Walhalla als Aufmarschort für neue Nazis mindestens unattraktiv geworden. Bayerns Kunstminister Hans Zehetmair verkündete im Jahr 2000 die Entscheidung des bayerischen Ministerrates, dass zum 60. Jahrestag der Hinrichtung von Sophie Scholl am 22. Februar 2003 ihre Büste in der Walhalla aufgestellt würde. Zur MZ sagte er, man wolle ein Zeichen setzen, „uns vom dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte abzuheben.“

Sie wollte keine mildere Strafe

So ist im demokratischen Spektrum – vom provokant-progressiven Zentrum für politische Schönheit bis zur CSU – eine breite Identifikation mit den Überzeugungen der mit 21 Jahren ermordeten Studentin möglich. Sophie Scholl steht für zeitlose Tugenden wie Mut, persönliche Integrität, geistige Unabhängigkeit und hohes Verantwortungsbewusstsein. Als jüngstes Mitglied der „Weißen Rose“ bat sie nach ihrer Verhaftung darum, nicht milder als ihr Bruder Hans bestraft zu werden. Richter Roland Freisler, der berüchtigte Vertreter der NS-Gesinnungsjustiz, verurteilte Sophie und Hans Scholl zusammen mit Christoph Probst am 22. Februar 1943 zum Tod wegen „Wehrkraftzersetzung“, „Feindbegünstigung“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“.

Ehrungen für Sophie Scholl

  • Das politikwissenschaftliche Institut

    der Ludwig-Maximilians-Universität München heißt seit 1968 Geschwister-Scholl-Institut.

  • Hans und Sophie Scholl

    wuchsen in Forchtenberg bei Ulm auf. 2006 wurde ein Platz beim Ulmer Rathaus in „Hans-und-Sophie-Scholl-Platz“ umbenannt. Ein Wagen der Straßenbahn Ulm trägt ihren Namen.

  • Nach den Geschwistern Scholl

    wurden etliche deutsche Straßen benannt, besonders viele in der ehemaligen DDR.

  • Briefmarken

    mit Sophie Scholl erschienen in den 60ern sowohl in der DDR als auch in der BRD.

Heute steht die Weiße Rose als einer der wenigen Lichtblicke des deutschen Widerstandes gegen die Nationalsozialisten. In ganz Deutschland sind Straßen, Plätze und Schulen nach ihren Mitgliedern benannt. Sophie Scholls Leistung fasste Traudl Junge, die eine von Hitlers Sekretärinnen gewesen war, im Dokumentarfilm „Im toten Winkel“ zusammen: „Eines Tages bin ich an der Gedenktafel vorbeigegangen, die für die Sophie Scholl an der Franz-Joseph-Straße befestigt war, und da hab ich gesehen, dass sie mein Jahrgang war und dass sie in dem Jahr, als ich zu Hitler kam, hingerichtet worden ist. Und in dem Moment hab ich gespürt, dass das keine Entschuldigung ist, dass man jung ist.“

Hier geht es zu unserer MZ-Serie „175 Jahre Walhalla“.

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