mz_logo

Buchbesprechungen
Donnerstag, 23. Februar 2017 14° 5

Arno Schmidt, das gekränkte Genie

Literatur Arno Schmidts ausführlich kommentierter Briefwechsel mit Kollegen ist eine Fundgrube der Kultur- und Literaturgeschichte.

Arno Schmidt vor den berühmten Zettelkästen im Arbeitszimmer seines Bargfelder Hauses (um 1960). Foto: Arno-Schmidt-Stiftung, Bargfeld

Von Helmut Hein, MZ

Bargfeld. Fast 45 Euro kostet der ins bewährte braune Leinen gebundene und mit einem „Frontispiz“ versehene Band des Arno Schmidt-Briefwechsels mit bekannten oder (damals noch) weniger bekannten Kollegen: Episteln, die von den Schmidt-Verehrern oft auf den Knien oder zumindest tiefgebeugt verfasst und von Schmidt nicht weniger oft schnoddrig-bärbeißig abgefertigt wurden – wenn er es nicht vorzog, ganz zu schweigen oder höchstens seine Frau Alice stellvertretend und in Prokura antworten zu lassen. 45 Euro sind eine Menge Geld; und doch ist der Band ein Schnäppchen, mit allen Extras versehen und hochsubventioniert von der Arno Schmidt Stiftung in Bargfeld, dem mythischen Haide-Wohnsitz des Autors.

Arno Schmidt ist längst ein Klassiker. Die Gesamtausgabe nimmt langsam goethesche Ausmaße an; und wie beim weimarischen Olympier ist inzwischen jedes Schmidtsche Zettelchen ewiger Aufbewahrung und des Schweißes der Exegeten-Heerscharen wert. Aus dem verpönten Schmidt, dem Katholiken-Fresser und Adenauer-Antipoden, der sich so an den Rand und darüber hinaus gedrängt fühlte, dass er mit Heinrich Bölls tatkräftiger Hilfe an Auswanderung dachte (ausgerechnet nach Irland!), ist ein Gegenstand allgemeiner Verehrung geworden. Wer heute „Arno Schmidt“ sagt, ist kein Außenseiter mehr, sondern einer aus dem innersten Kreis, mit höheren Weihen versehen..

Demütigende Lohn-Schufterei

Für Arno Schmidts stetig wachsenden Nachruhm und seinen vergleichsweise komfortablen Lebens-„Abend mit Goldrand“ nach all der auszehrenden, oft auch demütigenden Lohn-Schufterei im Übersetzungs- und Radio-Essay-Betrieb ist vor allem ein Mann verantwortlich: der „Millionenerbe“ Jan Philipp Reemtsma, der sein Geld nicht in Ferrari-Flotten, sondern lieber in ausgewählte Dichter und Projekte investiert.

Wer den Schmidt-Briefwechsel liest, wird mit seinem Leben „vor Reemtsma“ vertraut, also mit dem Überlebenskampf im Wohnküchenmief der 50er Jahre. „Sobald ich in finanzieller Hinsicht nur einigermaßen klar sehe, schreibe ich Ihnen wieder“, schrieb er an Heinrich Böll. Von Großverlegern wie Ledig-Rowohlt, denen er sich demütig in den Weg stellte, wurde er weggewedelt, weil solche Herren natürlich wichtig sind und Wichtiges zu tun haben („Amerika!“). Eine Roman-Preziose wie „Das steinerne Herz“ wurde verstümmelt; ein Fall von Zensur, den jetzt Reemtsma selbst in der Gesamtausgabe in allen Details aufrollt.

Mit jeder Demütigung wurde Arno Schmidt hochmütiger, zog sich zurück in seine uneinnehmbare Trutzburg aus rarster Bildung und bösester Bilanz der Gegenwart. Wenn er Geld oder Protektion witterte (beim alten Döblin etwa oder beim noch ganz jungen Radio-Redakteur Martin Walser), verhielt er sich taktisch. Freunde, die ihm finanzielle Unterstützung nicht untertänig genug andienten, bekamen statt Dank Missachtung oder böse Worte – die von seiner Frau Alice, die nicht immer seiner Meinung, aber stets loyal war, in ihrem „Tagebuch“ überliefert wurden.

Arno Schmidt konnte biestig sein. Aber diesem heiligen Monster nahm man offenbar so schnell nichts übel. Die Verletzung simpelster Regeln des Umgangs wurde bei ihm als Zeichen des (gekränkten) Genies oder ganz spezieller Haide-Charme verbucht – und zwar längst schon bevor er sich in seine Bargfelder Einöde zurückgezogen hatte. Von jungen begabten Kollegen bekam er früh Avancen, die seinen späteren Platz in der Literaturgeschichte betrafen. Peter Hacks etwa, der elitäre Kommunist mit dem gut sichtbaren Goethe-Lorbeer auf der Denkerstirn, hatte schon im Jahr 1960 klare Vorstellungen vom 20.

Jahrhundert in summa: „Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört einfach Thomas Mann und Brecht... Was ich Ihnen als Vermutung anbiete, ist, dass die zweite Hälfte Arno Schmidt und mir gehört“, verteilte er den Nachruhm in einem Interview, kritisierte bei Schmidt die „Schrumpf-Wirklichkeit“, pries jedoch die „Haltung des Sichbehauptens und Nichtunterkriegenlassens“. Sein Resümee: „das Rüstige und Tüchtige an Schmidts arnozentrischen und hermetischen Idyllen, das macht den Leser munter“. Walter Kempowski, bekennender „Schmidt-Fan“ und lange als bourgeoiser „Reaktionär“ verschrien, sah es ähnlich. Bei einer Lesung im Bargfelder Gasthaus Bangemann stellte er kurz und apodiktisch fest: „Arno Schmidt ist der größte deutsche Autor der Nachkriegszeit! Alles andere ist mehr oder weniger Schrott.“

Die Fleißer als harmloses Frauchen

Der Briefwechsel zeigt diesen größten Autor im beschwerlichen Alltag inmitten seiner Kollegen: damals berühmten wie Döblin, Hesse und Hans Henny Jahnn, heute halb vergessenen wie Ernst Kreuder, aufstrebenden Literaturbetriebs-Experten wie Böll, Walser oder Peter Rühmkorf und vielen damals noch namenlosen Fans von Ferdinand Kriwet bis Wolf Wondratschek.

Dass auch die Familie Schmidt vor fatalen Irrtümern nicht gefeit war, demonstriert unnachahmlich die causa Marieluise Fleißer. Die hatte zusammen mit Arno Schmidt 1965 in Fulda die Ehrengabe für Literatur des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie erhalten. Sie schrieb einen vertrackten Schmidt-Verehrerbrief, erhielt aber keine Antwort, nur eine Schmidt-Neuerscheinung zur Lektüre. Im Tagebuch findet sich Alices Eintrag: „kleine ältere Dame mit Brille & langen grauen Ponis... Nettes harmloses Frauchen.“ Die schon abgeschlossene Gesamtausgabe dieses „Frauchens“, immer noch explosiv, steht bei Suhrkamp neben der noch wachsenden Schmidts.

Arno Schmidt: Briefwechsel mit Kollegen. Hrsg. von Gregor Strick. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp-Verlag, 468 S., 44,80 Euro.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht