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Freitag, 28. August 2015 31° 4

Sicherheit

Ein böses kaltes Märchen, das man uns nicht erzählt

Marlene Streeruwitz entwirft in „Die Schmerzmacherin.“ eine gnadenlose Innen- und Außenwelt.
von Claudia Bockholt, MZ

Es beginnt im gleißend weißen Schnee in der bayerisch-tschechischen Grenzregion, irgendwo bei Furth im Wald. „Die Schmerzmacherin.“ ist ein kaltes, quälendes Buch – eine Geschichte, die nirgends ganz erzählt wird, ein Thriller ohne griffigen Plot, ein Drama, das nicht die Empathie des Lesers erheischt. Amy, eine 24-jährige Österreicherin, hat bei einem international agierenden Sicherheitsunternehmen angeheuert. Keines also, das nur auf Konzerten für Ordnung sorgt oder Bodyguards für Prominente stellt.

Auf perfide Weise gequält

Vielmehr eines, das die Funktionen von Polizei und Militär – bevorzugt in Krisengebieten und Kriegen – übernimmt und seine Mitarbeiter wie Geheimdienstler ausbildet. Wie bringe ich einen Verdächtigen zum Reden? Durch Folter. Doch wie bringe ich einen Menschen dazu, andere zu foltern? Amy scheint der Aufgabe nicht ganz gewachsen, keine natural born „Schmerzmacherin“. Sie wird ja selbst auf perfide, unheimliche Weise gequält. Sie erlebt alptraumhafte, unwirkliche Szenen, umringt von Kollegen, die wie Roboter agieren. Die Organisation ist der dunkle, unfassbare Feind. Sie wird unter Drogen gesetzt und geschwängert. Sie erlebt eine Fehlgeburt. Sie flieht, sie blutet, rennt, wird in einer Verhörsimulation brutal geschlagen, dem Geliebten werden die Knie zertrümmert, der Vergewaltiger ist am Ende tot.

Die Hintergründe bleiben vielfach dunkel, der Leser muss sich die Geschichte über weite Strecken selbst zusammenreimen. Was passiert hier? Streeruwitz will es uns nicht erzählen. Sie mutet uns stattdessen fortwährend Schmerz zu, körperlichen, geistigen, seelischen, alles durchdringenden Schmerz.

Eine dezidiert politische Autorin

Amy erträgt die Quälerei (die oft genug Selbstschinderei ist, um die Ausbildung erfolgreich abzuschließen), mit beobachtender, befremdender Distanz zu sich selbst. Der Schmerz erscheint als selbstverständlicher Teil ihrer Identität. Sie ist das Kind einer Drogenabhängigen, die sich von ihr endgültig abgesetzt hat. Die ihr innewohnende Unruhe, mutmaßt Amy, könnte Teil der „Verlassenschaft ihrer Mutter“ sein, das fatale Erbe. Ihren Vater kennt sie nicht.

Amy ist groß und schön, doch fragil. Eine geworfene Existenz, zur Sprache gebracht von der Schriftstellerin in den für sie typischen fragmentarischen Sätzen: „Aus dem Bauch stieg ein Elend auf. Ein noch nie gekanntes Elend. Sie spürte sich sitzen mit dem hängenden Kopf und die kraftlosen Hände im Schoß. Und wie sie nicht einmal schluchzen konnte und sich ihr etwas abringen wollte. Dass sie es nicht wert war. Dass sie nichts wert war. Dass sie nichts. Dass es. Dass es sie nicht. Nicht geben sollte und dass es. Dass es.“ Die Sprache zersplittert wie das Ich.

Marlene Streeruwitz ist eine dezidiert politische Schriftstellerin. Sie hat, wie sie 1997 in einem „Emma“-Gespräch mit Elfriede Jelinek ausführte, nie resigniert und sie werde auch weiter anschreiben gegen eine grundfalsch eingerichtete Gesellschaft, in der die Männer die Definitionshoheit haben, in der kluge, aufbegehrende Frauen zur Strafe entsexualisiert werden, in der, ja, auch Frauen sich den Instanzen der Macht andienen. In ihrem neuen Roman, Anwärter auf den Deutschen Buchpreis, transferiert Streeruwitz das Problem, dem sie ihre schriftstellerische Existenz widmet, auf eine allgemeinere Ebene: das fremdbestimmte Individuum in einem skrupellosen, freiheitsentziehenden, entmenschlichenden, auf Machtgewinn und Profit ausgerichteten System.

Lukrative Geschäfte machen mit „pain und anger“: Anglizismen finden Verwendung, wenn der Horror eine globale, betriebswirtschaftliche Dimension hat. Schlimme neue Welt? Die Recherchen, die die Schriftstellerin für den Roman betrieben hat, sind ganz heutig. Auf Amnesty International, auf „Der Detektiv“ – Fachzeitschrift für das Sicherheitsgewerbe, auf „Sicherheitsanbieter weltweit“, „Gewaltmonopol des Staates“, „Das Milgram Experiment“ verweist die Linkliste auf Streeruwitz’ Homepage. Erinnerungen an den Irakkrieg werden wach, an die höchst fragwürdige und umstrittene Rolle, die private Sicherheitsanbieter darin spielten. Blackwater Worldwide beispielsweise, heute Xe Services, angeheuert von der US-Regierung. Deren Leute sollen Zivilisten gefoltert und ermordet haben. Allzu leichtfertig, so die Kritiker, haben die USA das staatliche Gewaltmonopol outgesourced, militärische Aufgaben an ein Unternehmen weitergereicht, das selbstverständlich kein Interesse daran hat, einen Krieg zu beenden, weil es schließlich bestens daran verdient. Mag nach der Lektüre jeder für sich entscheiden, wie futuristisch „Die Schmerzmacherin.“ noch ist.

Marlene Streeruwitz ist eine Angstmacherin, sie will und muss es sein. „Im Schmerz“, heißt es in ihrem Video-Essay „Über das Leben reden“, „erhält sich die einzige Erinnerung an ein Selbst. Der Schmerz ist das letzte Archiv eines Selbst, das sich auf einen Entwurf von Befreiung berufen kann.“

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