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Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Performance

Eine sehr dünne „Decke mit Ärmel“

Finissage beim Regensburger Kunstverein Graz: Ein ambitioniertes, Literatur und Malerei verschmelzendes Konzept scheitert.
Von Stephan Grotz, MZ

Sigurd Roscher in Aktion Foto: Grotz

Regensburg. Ohne Password ging am Montagabend nichts im Regensburger Kunstverein Graz. Denn jeder, der die Finissage zur aktuellen Ausstellung „Grazifikation XII. Möglichkeiten eines Dialogs“ besuchen wollte, musste eine Losung parat haben oder sich eine aus den Fingern saugen. Natürlich war die künstliche Eintrittshürde Teil des künstlerischen Konzepts, und so rangen sich die meisten Gäste die eine oder andere kreative Parole ab.

Hatte man endlich die resolute Türsteherin, die sich die Einfälle der Eintretenden notierte, hinter sich gebracht, hielt drinnen der Untertitel der Ausstellung durchaus, was er versprach. In der Tat waren mehrere Spielarten eines Dialogs zu erleben. Den Anfang machten Eva Karl und Sigurd Roscher mit einer Wortmalerei im buchstäblichen Sinn. Eva Karl las eine selbstgeschriebene Geschichte vor, der die Regensburger Autorin den Titel „Decke mit Ärmel“ gegeben hatte. Und Sigurd Roscher hatte das Vorgetragene sogleich mit Pinsel und Farbe auf die Leinwand zu übertragen.

Nicht mehr als bloße Nabelschau

Im Grunde ist das eine großartige Idee: zwei Kunstformen so miteinander in Beziehung treten zu lassen, dass die eine – die Malerei – mit ihren eigenen Mitteln spontan auf die andere – die Wortkunst – reagiert, sie weiterspinnt, kommentiert oder auch karikiert. Gleichwohl mochte man an diesem Abend nicht in Sigurd Roschers Haut stecken. Roscher bekam es nämlich mit einem Text von Eva Karl zu tun, der kaum über eine spätpubertäre Bauchnabelschau hinauskam. Das war auch kein Wunder, da die Autorin nach eigenem Bekunden „einen Diss-Text auf mich selbst“ mitgebracht hatte. Das mochte ironisch gemeint sein. Es half aber nicht viel. Zu hören bekam man eine Aneinanderreihung vielfältiger Probleme, die sich einem jungen Mutterglück mit kreativen Ambitionen auf dem platten Land entgegenstellen.

Gewöhnlich ist man als Künstler in der Außenseiterposition. Besonders leicht hätscheln läßt sich diese Rolle aber in rustikaler Umgebung. Da reicht es schon, wenn frau beispielsweise ihr Lebensglück nicht darin findet, den Sonntag am Seitenstreifen des dörflichen Fußballplatzes als Spielergattin zu verbringen. Oder wenn sie keine krachlederne Einstellung zum Alkoholkonsum ihres Gatten hat und Gespräche über die Ernährung des Nachwuchses sie nicht ausfüllen.

Die Hauptsache: etwas sagen

Was auch immer Eva Karl mit ihrer Geschichte wollte – ein Künstlerschicksal sieht definitiv anders aus. Entsprechend ratlos reagierte Sigurd Roscher mit seinen Bild-Einfällen. Glücklicherweise war die Leinwand bereits mit einem weiß-blauen Rautenmuster grundiert. Darauf trug Roscher mit rotem, blauem und schwarzem Strich nach und nach ein Gesicht mit aufgerissenem Mund, ein schreiendes Gör mit ausgestreckten Armen oder auch Wörter wie „allein“ oder „nett“ ein. Pünktlich zum Ende der Lesung hatte Roscher seine Leinwand voll. Was auf seine Weise kongenial war: Roschers Produkt könnte eine Gleisunterführung genauso zieren wie Eva Karls Text ein Stadtmagazin.

Nach der Pause kamen dann die anfangs gesammelten Passwörter zum Einsatz. Kia Böck und Johannes Koch inszenierten einen Dialog, bei dem sie die Parolen verwurschtelten, die dem Publikum anfangs entlockt worden waren. Das recht schräge und amüsante Gespräch gipfelte schließlich in der Erkenntnis: „Eigentlich ist das die Hauptsache: irgendetwas sagen“. Das klang wie ein unfreiwillig komischer Kommentar zum ersten Teil der Finissage. Ein Teil des Publikums hat sich dennoch ganz prächtig amüsiert. Das ist doch schon mal ein Anfang.

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