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Kultur
Freitag, 22. September 2017 21° 2

Uraufführung

Herbe Schönheit: „Power of Nature“

Das Regensburger Vokalensemble Cantabile hinterlässt mit den intensiven Werken von Schütz und Schronen nachhaltigen Eindruck.
Von Gerhard Dietel, MZ

Komponist Alwin Michael Schronen Foto: AMS

Regensburg.„Nacket bin ich von Mutterleibe kommen. Nacket werde ich wiederum dahinfahren“. Mit dieser biblischen Beschreibung menschlicher Vergänglichkeit in der Vertonung von Heinrich Schütz eröffnet das von Matthias Beckert geleitete Vokalensemble Cantabile sein Konzert in der Regensburger Niedermünsterkirche. Doch nicht die Trauer, sondern den Trost lässt der Chor in seiner Interpretation der Schützschen „Exequien“ überwiegen, gestützt vom Orgelcontinuo (Franz Schnieringer, Heinrich Wimmer). Weich und rund wirken die Klänge, wobei der Textvortrag stets in die Vokallinie eingebunden bleibt. Nahtlos fügen sich solistisch besetzte Klanggruppen und großer Chor ineinander, und besonders nachhaltigen Eindruck hinterlässt die doppelchörige, in räumlicher Verteilung musizierte Motette „Herr, wenn ich nur dich habe“.

Die Musik wächst aus dem Nichts heraus

Eine Uraufführung steht im Zentrum des Programms: „Power of nature“ des zeitgenössischen Komponisten Alwin Michael Schronen, der den Beifall für seine Novität am Ende selbst entgegennehmen kann. Gleichsam aus dem Nichts wächst das Stück heraus: Eine leere Quinte stellt der Chor anfangs in den Raum, gefolgt von zaghaftem Flüstern, bevor eine Gesangslinie entsteht, sich in sanften Reibungen verzweigt und bis zu strahlendem Vollklang entwickelt. Wirkungsvoll setzt Schronen danach Mittel wie Parallelakkordik oder Quartenschichtungen ein: Schön ist es, dass diese herb-schöne „Power of Nature“ als Zugabe am Schluss des Konzerts nochmals zu erleben ist.

Zuvor präsentiert Cantabile den Hörern in der Niedermünsterkirche noch Unbekanntes, doch höchst Kennenswertes: Chorsätze von Hans („Janos“) Kössler, dem gebürtigen Oberpfälzer, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts an die Budapester Musikakademie berufen wurde und das dortige Musikleben maßgeblich prägte. Mit klarer Zeichengebung und, bei dynamischen Steigerungen, auch weit ausgreifenden Bewegungen animiert Matthias Beckert seine Sängerinnen und Sänger zu einer intensitätsgeladenen Darbietung der „Drei ernsten Chöre“ und zweier Psalmvertonungen Kösslers, die stets dem Textgehalt nachspürt.

Sänger machen den Text hörbar

Den Höhepunkt bildet der für Doppel-Soloquartett und Doppelchor angelegte 46. Psalm, bei dem zum einen weiche und gerundete Klänge zu vernehmen sind, die auf Mendelssohns geistliche Vokalmusik zurückverweisen, aber auch eine Öffnung zur Moderne hin hörbar wird. Wo der Psalmtext von Schrecknissen redet, da lässt Cantabile überraschend harte und aggressive Wendungen vernehmen, die jegliches bloße Wohlklang-Ideal sprengen.

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