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Junge Kultur
Montag, 20. November 2017 3

Harte Kerle duschen nicht

MZ-Serie Jenseits der etablierten Kunstformen bewegt sich was. Junge Künstler, Musiker und Autoren haben eigene Ausdrucksformen gefunden, die das Kulturleben bereichern.

  • Die Metal-Band Akrea aus Erbendorf im Landkreis Tirschenreuth: Christian Simmerl, Jonas Nelhiebel, Sebastian Panzer, Stephan Schafferhans und Fabian Panzer (von links nach rechts)Foto: Severin Schweiger

Von Fred Filkorn, MZ

Weiden/Regensburg. Die beiden jungen Heavy-Metal-Musiker Jonas Nelhiebel (19) und Christian Simmerl (21) sind noch etwas blass um die Nase. Sie hatten am Vorabend einen Auftritt in der Amberger Disco „Rockdomizil“. Ihre Band heißt seit 2008 „Akrea“, vorher firmierten die fünf Jungs aus Erbendorf im Landkreis Tirschenreuth unter dem englischen Namen „Inner Aggression“. Doch dann entschied sich die Band, die in einer Fantasiewelt angesiedelten Texte auf Deutsch zu singen, was in der Metal-Szene eher unüblich ist. Das etablierte deutsche Metal-Label Drakkar aus Witten, das Akrea im vergangenen Jahr unter Vertrag nahm und das zweite Album „Lebenslinie“ am 24. April herausbringt, bestärkte die Band in ihrer Absicht, den englischen Bandnamen abzulegen. „Zu deutschen Texten passt ein deutscher Bandname oder ein Fantasiename einfach besser“, sagt Nelhiebel. Mit Akrea ist es letztlich ein reiner Fantasiename geworden.

Gigtausch über MySpace

Akrea spielen melodiösen Death Metal. Beim Death Metal sind die Instrumente sehr tief gestimmt und der Sänger artikuliert seine dem Tod gewidmeten Texte mit einem tiefen Brüllen (im Fachjargon „Growl“ genannt). Um an Auftritte heranzukommen, verabreden Metal-Bands untereinander über MySpace einen Gigtausch: Als Gegenleistung für ein in der Heimatregion organisiertes Konzert wird eine Band zu einem Auftritt in einer anderen Stadt eingeladen. So hat man die Gelegenheit, sich einem neuen Publikum vorzustellen und Bandfreundschaften zu schließen.

Da die drei anderen Akrea-Mitglieder Sebastian Panzer, Stephan Schafferhans und Fabian Panzer mittlerweile in Bayreuth und Nürnberg leben, läuft auch das Komponieren der Stücke über das Internet: Die Songs werden zwischen ihnen hin- und hergeschickt und nach und nach zusammengebaut. Zu Proben trifft sich die Band nur noch unmittelbar vor Konzerten und Studioaufnahmen.

In der Regel treten bei Metal-Konzerten mindestens drei Bands an einem Abend auf. Da jede Band höchstens 45 Minuten spielt, ist für Abwechslung gesorgt. „Mehr würde auch auf die Nerven gehen“, meint Nelhiebel. Um sich Konzerte anzuschauen, fahren Metal-Fans nicht unbedingt in die umliegenden größeren Städte, sondern eher raus aufs Land, wo in Sachen Metal mehr geboten ist. So feiern Akrea die Release-Party ihrer neuen CD am 9. Mai in der Blue Oyster Bar in Waldsassen, fünf Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt, wo auch schon unbekanntere Metal-Bands aus Brasilien vor 250 und mehr Besuchern aufgetreten sind. Das erklärte Ziel der Newcomer-Band für dieses Jahr ist es, „einmal auf einem großen Festival mitzuspielen – notfalls auch ohne Bezahlung!“

Europas größtes Metal-Festival

Deutschland scheint das europäische, wenn nicht gar das internationale Zentrum der Metal-Welt zu sein. „Den gesamten Sommer über gibt es jedes Wochenende mindestens ein Metal-Festival irgendwo in Deutschland“, meint Akrea-Bassist Simmerl. „Bands aus dem Ausland sind von der agilen deutschen Szene begeistert“.

Das mit 95000 Besuchern größte Metal-Festival Europas findet jährlich am ersten August-Wochenende im schleswig-holsteinischen Wacken statt. „Auf fünf Bühnen wird von 11 Uhr bis 4 Uhr in der Früh Programm geboten“, erzählt Simmerl begeistert, der 2006 in Wacken war. „Es gibt täglich eine eigene Festival-Zeitung und der örtliche Supermarkt ist am Festival-Wochenende nur mit Brot, Bier und Wurst gefüllt, alles andere wird beiseite geräumt“. Auch die Wackener Kinder profitieren vom Festival: „Für einen Euro bieten sie den Festivalbesuchern eine Gartenschlauch-Dusche an und für zwei Euro transportieren sie mit einem Leiterwagen den gekauften Bierkasten zum Campingplatz“, so Simmerl.

Dass die oft düster dreinblickenden Metaller einen ausgeprägten Sinn für Humor haben, beweisen jene Zeitgenossen, die sich mit einer Verstärkeranlage vor den Duschkabinen aufbauen und die Festivalbesucher mit dem Spruch „Duschen ist kein Heavy Metal!“ von der Körperreinigung abhalten wollen. Nicht umsonst ist das Wacken-Festival, das heuer sein 20-jähriges Jubiläum feiert, Jahr für Jahr weit im Voraus ausverkauft. Nun wird mit „Wacken Rocks South“ ein Südableger ins Leben gerufen: von 21. bis 23. Mai trifft sich die Metal-Welt in Rieden-Kreuth im Landkreis Amberg-Sulzbach. Riedens Bürgermeister Gotthard Färber (58) kann die harte Heavy-Metal-Musik zwar nur maximal eineinhalb Stunden ertragen: „Persönlich höre ich lieber die Klostertaler und die Kastelruther Spatzen“. Doch er möchte jungen Leuten etwas bieten: „Die schwarz gekleideten und gepiercten jungen Menschen sind größtenteils friedlich. Schwarze Schafe gibt es doch überall.“ Die Bürger der Gemeinde würden hinter dem Festival stehen, trotz der dreitätigen Beschallung. Natürlich gebe es auch handfeste wirtschaftliche Gründe, das Metal-Festival nach Rieden-Kreuth zu holen. Und der Markt Rieden macht sich einen Namen – nicht nur in Metal-Kreisen.

„Auf Europas größtem Pferdesportzentrum mit 200 Hektar Fläche haben wir in Rieden-Kreuth die optimale In-frastruktur für ein solches Festival“, sagt Färber. Dass „Wacken Rocks South“ ausgerechnet dort eine zweite Heimat gefunden hat, „liegt an den guten Beziehungen“. Da das norddeutsche Wacken-Festival regelmäßig aus allen Nähten platzt, haben die Veranstalter sich nach Ausweichmöglichkeiten umgeschaut. Den Kontakt nach Rieden habe Thomas Hess hergestellt, der das Open-Air Gelände in seiner Funktion als Chef einer Nürnberger Security-Firma kennengelernt hat. „In den vergangenen acht Jahren hatten wir hier Open-Air-Konzerte mit Herbert Grönemeyer, oder den Böhsen Onkelz“, erzählt Färber. Eine gute Ausgangssituation also, dass das „Wacken Rocks South“ in Kreuth ein Erfolg wird. Die Metal-Szene in der Oberpfalz zeigt sich damit umtriebig.

Das große Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Szene sind für die Regensburger Marion Baumeister (26) und Christofer Gilch (22) vom „Verein zur Förderung des Heavy Metal in Bayern“ wichtige Gründe, dort aktiv zu sein: „Das Netz spannt sich von Skandinavien über Israel bis nach Brasilien“, so Baumeister. Der im Jahr 2002 gegründete Verein hat zur Zeit 132 Mitglieder. Baumeister schätzt, dass davon zwölf bis 14 im Raum Regensburg leben. Die 26-Jährige ist mit Heavy Metal aufgewachsen, „echte Musik, die zu jeder Lebenslage passt.“ Auch wenn sie nächstes Jahr ihr Mathematik- und Biochemie-Studium in Flensburg aufnimmt, möchte sie der Metal-Szene treu bleiben.

Eines passt den beiden Metal-Aktivisten überhaupt nicht: Seit Anfang des Jahrzehnts machen sich verstärkt rechtsradikale Strömungen im Black Metal breit. Auf der Vereins-Homepage distanzieren sie sich von diesen Strömungen: „Metalheads gegen rechte Gewalt“ ist dort zu lesen. Auch die Band Akrea spielt aufgrund dieser Problematik keinen Black oder Pagan Metal, „zumal wir ja auch noch deutsche Texte haben.“ Gemeinsame Auftritte mit rechten Bands lehnen sie ab.

Gilch, Bassist der Passauer Black- Metal-Band „Nazarene Decomposing“, und Baumeister, die nebenbei den Webshop des Ulmer Metal-Labels Ketzer Records betreut, organisieren für den Verein sechs bis sieben Konzerte im Jahr. Da viele der Besucher unter 18 Jahre alt sind, sollen die Konzerte vor Mitternacht enden, damit alle Konzertgänger auch den Headliner zu sehen bekommen. Die Bands werden in erster Linie nach dem eigenen Geschmack ausgesucht, laut Baumeister spielen kommerzielle Interessen dabei eine untergeordnete Rolle. Um Konzerte guter Bands zu sehen, fahren die beiden auch schon mal nach München oder Nürnberg, ansonsten finden Konzerte kleinerer Bands in Jugendklubs im Umland statt. „Es ist immer wieder was los“ sagt Baumeister, „im ,Titty Twister’ in Schierling oder im ,Juz’ in Burglengenfeld etwa“. Die Metal-Szene ist lebendig, auch wenn sie „Todesmetall“ hört.

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