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Junge Kultur
Montag, 20. November 2017 3

Regensburg.

Nachts wird die Stadt bunter

Jenseits der etablierten Kunstformen bewegt sich was. Junge Künstler, Musiker und Autoren aus der Region haben eigene Ausdrucksformen gefunden, die das Kulturleben bereichern.

  • Sticker von Sven Broy
  • „Xtine“, ein Werk von Licca
  • Ein besprühter Adressaufkleber
  • „Paste-Up“ von Sven Broy
  • Sigurd Roscher alias LiccaFoto: kk
  • Eine Gemeinschaftsarbeit Regensburger Street-Art-Künstler auf der Rückseite eines Verkehrsschilds Foto: privat

Von Katharina Kellner, MZ

Am Telefon hat er als Treffpunkt spontan die „Apotheke“ vorgeschlagen, eine etwas düstere Kneipe, abends oft brechend voll, an diesem Nachmittag gehört sie aber nur einer Handvoll Besuchern. Sven Broy (Name geändert) passt mit seinen schwarzen Haaren und dunkler Kleidung farblich ins Bild des schwarz möblierten Raumes. Doch das ist nur eine oberflächliche Betrachtung, denn seine Kunst ist farbig, springt ins Auge. Broy ist Street-Artist, sein kreatives Betätigungsfeld der öffentliche Raum. Die Fotos seiner Werke hat er auf CD gebannt, er zeigt sie auf dem Laptop.

Wenn Broy tagsüber in der Stadt unterwegs ist, dann schaut er seine Umgebung anders an als andere. Sein Blick kundschaftet Flächen aus, die sich zum Bekleben eignen: Türen, Wände, Dachrinnen, Telefonzellen, Verteilerkästen, die Rückseite von Verkehrsschildern.

Sprayer leben gefährlich

Broy hat sich bewusst dafür entschieden, im öffentlichen Raum nur Sticker oder „Paste-ups“, also mit Kleister oder Leim aufgezogene Plakate, zu platzieren. Denn im Gegensatz zum Graffiti-Sprayen, das in der Regel als Sachbeschädigung gilt, weil der Untergrund beschädigt wird, sind die aufgeklebten Bilder oft ohne Rückstände ablösbar. Wenn nicht, können auch die Aufkleber unter den Straftatbestand der Sachbeschädigung fallen. Seine Bilder bereitet Broy zu Hause vor. Draußen muss er sie nur noch aufkleben. Weil das schnell geht, ist es unwahrscheinlich, dass er erwischt wird. Graffiti-Sprayer leben gefährlicher, denn die „Arbeit“ passiert direkt draußen. Weil das Zeit kostet, können Sprayer leichter auf frischer Tat ertappt werden.

Broy zieht nachts los, meistens mit anderen befreundeten Street-Artisten, denn in Regensburg kennt sich die überschaubare, aber sehr aktive Szene. Die perfekte Gelegenheit, eigene Bilder in den öffentlichen Raum zu kleben, sei während der Fußball-WM gewesen: „Da waren die Straßen wie leer gefegt“, sagt Fußballverweigerer Broy. Seine Bilder entstehen mit Hilfe von Schablonen. Er sprüht sie auf Papier, das er als „Paste-Up“ aufklebt.

Street-Artists lieben Post-Aufkleber Als Sprayer war Broy sieben Jahre lang aktiv, wenn auch nur auf legalen Flächen, auf Leinwänden oder den sogenannten „Halls of Fame“, legalen Sprühplätzen. Bei einem Festival in Gera sprühte er mit bekannten Sprayern aus der ganzen Welt. Dann hörte er auf, weil er das Gefühl hatte, nicht weiterzukommen: „Ich fand mich nicht gut genug, um den professionellen Weg zu gehen, hätte ich mehr Zeit investieren müssen“, sagt er.

An Street-Art interessiert ihn besonders, dass die Ausdrucksformen so vielfältig sind. Street-Artisten arbeiten nicht nur mit Schablonen- oder Siebdrucktechnik, sie bemalen oder besprühen die in der Szene beliebten Adressenaufkleber der Post, zeichnen mit Kreide auf die Straße oder kleben Bilder aus Bügelperlen an die Wand. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Street-Artisten geht es im Gegensatz zu vielen Graffitisprayern weniger darum, möglichst viele ihrer Werke im öffentlichen Raum zu platzieren. Sie wollen in erster Linie qualitativ hochwertige Bilder herstellen. „Ich habe keinen illegalen Namen, mit dem ich meine Bilder signiere“, sagt Broy. „Mir geht es nicht um fame.“

Street-Artisten kommunizieren über ihre Bilder. Broy sah kürzlich aufgeklebte Raketen an einer Wand. Spontan platzierte er das Bild eines Netzes darüber, dass es so aussah, als wären die Raketen darin gefangen. Nach einigen Tagen hatte jemand das Bild ein weiteres Mal ergänzt: Ein aufgeklebter Astronaut mit einer Schere in der Hand befreite die gefangenen Raketen. So gerät die kreative Arbeit zum spielerischen Austausch.

„Wenn jemand aus der Szene auf ein Bild reagiert, empfinde ich das als Bestätigung.“ Dass die kleinen Kunstwerke im Freien nur eine kurze Lebensdauer haben, hält Broy für künstlerisch wertvoll: „Ich finde es reizvoll, wenn die Natur mein Bild beeinflusst und ich zusehe, wenn es sich langsam verändert und vergilbt. Ich bin nur genervt, wenn ich sehe, dass ein Bild mutwillig zerstört worden ist.“

Doch auch wenn es sie in der Realität nicht mehr gibt, weil Wind und Regen ihnen zugesetzt haben, leben die Kunstwerke auf Broys Fotos weiter. Denn sobald er eine nächtliche Tour hinter sich hat, geht er den Weg kurz darauf bei Tageslicht ab und dokumentiert seine Bilder mit der Kamera. Und so bleibt der vergänglichen Straßenkunst ein Stück Ewigkeit.

Eine Chance auf die Ewigkeit haben neuerdings auch die Kunstwerke von Licca. Der freie Diplom-Designer, der im echten Leben Sigurd Roscher heißt, hat das illegale Sprayen an den Nagel gehängt. Einige Jahre ist das nun schon her. Wir treffen ihn in seinem Büro in der Regensburger Altstadt, wo Licca Websites gestaltet und Filme für Auftraggeber produziert.

Liccas Kunst muss warten bis zum Feierabend. Graffiti, Street-Art, Webdesign, Doku- und Animationsfilme – er ist ein vielseitiger Künstler. Die Fläche, auf der er sich austobt, ist heute nicht mehr die Straße, sondern die Leinwand, manchmal macht er auch T-Shirts. Eine in stundenlanger Handarbeit ausgeschnittene Schablone liegt auf dem Boden seines Büros. Der Computerausdruck eines Frauenkörpers diente dem Regensburger als Vorlage. Sie gibt die Konturen vor.

In geduldiger Feinarbeit schneidet er Schatten, Augen, dekorative Elemente in die Schablone. Mit ihr hat er eine Fläche gestaltet, die aus vielen kleinen quadratischen Leinwänden besteht. Den Hintergrund gestaltet er mit Sprühdose, Dispersion oder Acryl. Auf den Quadraten dominiert Gold auf schwarzem Untergrund. Den Umriss des Körpers kann er beliebig neu zusammensetzen, indem er die Qua-drate anders anordnet (siehe Foto).

Seine Motive sind stets figürlich: Frauenkörper, die sich in aufreizenden Posen räkeln, eine weibliche Brust, die sich wie eine fliegende Untertasse im Raum bewegt, während sich eine Libelle auf ihr niederlässt oder sich ein Krebs in die Brustwarze verbeißt. „Meine Sachen sollen was Witziges haben. Und ich habe den Anspruch, jedes Mal was Neues zu machen“, sagt Licca. Künstlerisch arbeitet er nicht nur als Einzelkämpfer, sondern er hat den Kunstverein GRAZ im vergangenen Jahr neu mitbegründet.

Dass Kunst vergänglich sein kann, ist er noch von seiner Zeit als Sprayer gewohnt. Er fing mit 13 Jahren mit Graffiti an, sprühte aber zunächst nur die wenigsten seiner Entwürfe in den öffentlichen Raum – die Sprühdosen waren so teuer, dass er nur die besten Vorlagen umsetzte.

Wie es so üblich ist unter Sprayern, war Licca ab 1993 zusammen mit Gleichaltrigen unterwegs, um in Konkurrenz zu anderen Gruppen ihre Namensschriftzüge (Tags) zu verbreiten. In der Sprache der Szene nennt sich das das „Getting-up“, das Bekanntmachen des eigenen Namens in der ganzen Stadt und auch darüber hinaus.

Natürlich fanden es Licca und seine Freunde ziemlich cool, illegal ihre „Tags“ zu sprühen: „Der Kick, erwischt zu werden, war definitiv der Anreiz“, sagt Licca und fügt an, dass ihm das heute zu anstrengend wäre: „Das hat nichts mit Kunst zu tun, wenn man ständig Schiss vor der Polizei hat.“ Ihre Aktionen bereiteten sie gemeinsam vor, kundschafteten den Ort des Geschehens Tage vorher aus und legten dann den günstigsten Zeitpunkt fest.

Am Regensburger Dultplatz entstand eine „Hall of Fame“, ein zentraler Treffpunkt der Sprayer. „Ab 1995 waren sehr viele Sprayer unterwegs. Alle hatten mehrere Namen, legale und illegale.“ Licca und seine Freunde nannten sich unter anderem „DBT“, was für „Deutsche Bahn Touristen“ steht. Die Polizei war ihnen stets dicht auf den Fersen, ertappte Licca aber nicht auf frischer Tat. Erst, als seine Zeit des illegalen Sprayens schon vorbei war, standen eines Morgens die Beamten im Zimmer und konfiszierten Malutensilien und den Computer mit der Facharbeit. Denn Licca schrieb gerade über die Regensburger Sprayer-Szene. Die Polizei erhoffte sich Insiderinformationen, doch Licca hatte keine Namen von Szenegängern genannt. Sein eigener Name war einem Sprayer beim Polizeiverhör entwischt.

Heute kann Licca über diese Zeit grinsen. Er wurde zu einer Jugendstrafe verurteilt und musste einige Wände weißeln. Das ist der Grund, warum er kein Problem hat, mit seinem richtigen Namen in der Zeitung zu stehen: „Ich bin bestraft worden und habe das Kapitel abgeschlossen. Früher waren wir radikal: Leinwände waren verpönt, wir wollten nur draußen sprühen. Heute sehe ich das anders. Mittlerweile gefallen mir die Schriftzüge nicht einmal mehr.“

Nach seinem Abi am Albrecht-Altdorfer-Gymnasium 1997 begann Licca, seinen künstlerischen Drang in professionelle Bahnen zu lenken. Er studierte zunächst in München, dann an der Würzburger Fachhochschule für Kommunikationsdesign. Im Hauptstudium wählte er den Schwerpunkt Dokumentar- und Animationsfilm. Nach dem Studium verbrachte er eineinhalb Jahre in Shanghai und Peking, was ihn nachhaltig beeindruckte und sich in seiner Kunst spiegelt.

Heute macht er Street-Art auf Leinwand. Manchmal auch draußen, aber legal. Für die 15. Regensburger Kurzfilmwoche gestaltete er eine Wand bei der Kino-Kneipe. Und für die Street-Art-Ausstellung des Kunstvereins GRAZ besprühte er eine Wand an der „Hall of Fame“ in Lappersdorf. Das Bild zierte den Flyer für die Vernissage. So macht Licca auch heute noch die Stadt mit seiner Kunst bunter. Nur nicht mehr heimlich bei Nacht.

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