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KZ überlebt
Donnerstag, 27. Juli 2017 21° 7

Ausstellung

Ein Fotograf, der die Seele porträtiert

Der Regensburger Stefan Hanke hat KZ-Überlebende fotografiert. Er zeigt sie als starke Persönlichkeiten, nicht als Opfer.
Von Katharina Kellner, MZ

Stefan Hanke mit dem Überlebenden Maurice Cling 2011 in der KZ-Gedenkstätte Dachau Foto: Stefan Hanke

Regensburg.Wenn Stefan Hanke von seinem Projekt erzählt, kann man nur gebannt zuhören. Hanke hängt gerade mit zwei Helfern im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein seine Fotoausstellung „KZ überlebt“. Einige der großformatigen Schwarz-Weiß-Bilder sind schon an ihrem Platz, andere lehnen am Boden. Hanke berührt die Exponate mit weißen Handschuhen und schon jetzt, in all dieser Unfertigkeit, erschließt sich die Magie der 73 Porträts von Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager, die hier ab Freitagabend zu sehen sind.

Hanke spricht hochkonzentriert. Er hat ein unerschöpfliches Repertoire von Geschichten im Gedächtnis gespeichert: Lebensläufe, historische Hintergründe, Anekdoten. Nur bei den polnischen Doppelnamen nimmt er das Buch zu Hilfe. Irgendwann schaut man auf die Uhr. Vier Stunden sind wie nichts vergangen.

Aus 30 Porträts wurden 121

Dies ist keine gewöhnliche Fotoausstellung. Es ist das engagierte Projekt eines Menschen, der an die Verbrechen in den Konzentrationslagern erinnern will und dafür bis an die Grenze seiner finanziellen Ressourcen arbeitete. Zu seiner eigentlichen Arbeit als Werbe- und Industriefotograf kam eine intensive Phase des Recherchierens und Reisens, die viel Zeit in Anspruch nahm. Seit mittlerweile 13 Jahren beschäftigt sich Hanke mit „KZ überlebt“. Über seinen anfänglichen Plan, etwa 30 Überlebende zu porträtieren, lächelt er heute milde.

In seinem 2016 erschienenen Bildband „KZ überlebt“ sind 121 Schwarz-Weiß-Porträts abgebildet. Für manche Aufnahmen ist Hanke tausende von Kilometern gereist, er hat in sieben Ländern Überlebende getroffen und in intensiven Gesprächen ihrer Geschichte nachgespürt, um das Besondere jedes Lebensweges zu finden. Keines dieser Porträts ist ein Schnappschuss – der Betrachter spürt in ihnen die intensive Auseinandersetzung des Fotografen mit der Vita und der Gefühlswelt des Porträtierten. „Es sind unglaubliche Begegnungen, die mich bis zum Lebensende bereichern werden“, sagt Hanke im Rückblick.

„Es sind unglaubliche Begegnungen, die mich bis zum Lebensende bereichern werden.“

Stefan Hanke

Die Porträts zeigen unverkennbar, worum es dem Fotografen geht: Sie stellen nicht das Opfer heraus, sie zeigen einen unverstellten Blick auf das Individuum mit seiner Geschichte und seinem Blick auf das Leben, ohne zu mystifizieren. Zum Beispiel bei Coco Schumann, einem der bedeutendsten Jazz- und Swing-Gitarristen der Nachkriegszeit: Hanke porträtierte ihn mit Gitarre, denn es war die Musik, die ihn überleben ließ. Als er 1944 von Theresienstadt nach Ausschwitz-Birkenau deportiert wurde, erkannte ihn ein Blockältester, der seine Berliner Konzerte besucht hatte. Er stellte Schumann den KZ-Oberen als Musiker vor. So musste dieser mit anderen Musikern „La Paloma“ spielen, während vor seinen Augen Kinder in die Gaskammern getrieben wurden. Auf Hankes Porträt blickt Schuhmann in die Ferne, als zögen die Bilder von damals an seinem inneren Auge vorbei.

Das Projekt „KZ überlebt“

  • Das Buch:

    Hanke hat alle von den Nationalsozialisten verfolgten Gruppen zu porträtieren versucht: sowjetische Kriegsgefangene, Juden, Christen, Zeugen Jehovas, sogenannte „Asoziale“, politische Häftlinge. Weil ihm der Tod zuvor kam, gelang es nicht, einen wegen seiner Homosexualität Inhaftierten zu treffen.

  • Eröffnung:

    Die Ausstellung wird am Freitag, 24. März, 19 Uhr, im Kunst- und Gewerbeverein eröffnet. Es sprechen der Vorsitzende Georg J. Haber, Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und Stefan Hanke. Überlebende wurden eingeladen – die meisten sind allerdings hoch betagt oder bereits gestorben.

Hankes Motivation ist das Erinnern – „mein Projekt richtet sich explizit an die zukünftige Generation“, sagt er und verweist auf ein Zitat von Adam König, der fünf Konzentrationslager überlebte und später an der Berliner Humboldt-Universität Geschichte unterrichtete: „Wer das vergisst, was während der faschistischen Zeit geschah, der kann gezwungen sein, das Geschehene wieder erleben zu müssen.“ König hat das 2011 gesagt – es erscheint hellsichtig vor dem Hintergrund, dass aktuell in vielen europäischen Ländern Rechtspopulisten und -radikale auftrumpfen

Hanke, Jahrgang 1961, trieb das Thema schon als Schüler um – gerade deshalb, weil es in den 1960er und 70er Jahren tabuisiert wurde. Im Geschichtsunterricht seien Griechen und Römer ausführlich besprochen worden – „nach Abhandlung der Weimarer Republik beschleunigte sich enorm das Tempo“, schreibt Hanke im Vorwort zu seinem Buch. Als 17-Jähriger wollte er es wissen und trampte nach Dachau, um in der KZ-Gedenkstätte Antworten zu finden. Aus seinen Fotos dort konzipierte er an seiner Realschule eine erste Ausstellung. Niemand an der Schule unterstützte ihn, sagt Hanke. Vielmehr stellte ihn der Direktor zur Rede und riet ihm, „ich solle doch eher auf die Roten sehen, die seien schlimm“.

„Die Überlebenden sollten erzählen, nicht erklären müssen.“

Stefan Hanke

Hankes Porträtserie begann 2004 mit Otto Schwerdt, dem Vorsitzenden der Regensburger Jüdischen Gemeinde. Schwerdt verschaffte ihm Kontakte zu anderen Überlebenden. Als er 2007 starb, lag das Projekt für einige Zeit brach. Hanke las sich intensiv in das Thema ein: „Die Überlebenden sollten erzählen, nicht erklären müssen.“ Das Gros seiner Aufnahmen entstand zwischen 2010 und 2014.

Verdichtete Zeitgeschichte

Höhen und Tiefen lagen während der langen Arbeit an diesem Projekt für Hanke oft eng beieinander. Wie 2014, als sein Wagen in Polen von einem Auto zu Schrott gefahren wurde und er seine Ausrüstung einbüßte. Dem Unglück war genau ein Höhepunkt seiner Arbeit vorausgegangen: Zu einem Treffen mit dem Überlebenden Philip Bialowitz war er am Tag zuvor zum 1200 Kilometer entfernten ehemaligen Vernichtungslager Sobibór an der polnisch-ukrainischen Grenze gefahren, wo etwa 250 000 Menschen ermordet worden waren. Dort war Archäologen soeben eine historische Entdeckung gelungen: Sie hatten die Überreste der Gaskammern freigelegt und konnten damit unumstößlich deren Existenz beweisen. Hanke gelang in Sobibór ein atemberaubend vielschichtiges Bild: Im Vordergrund steht Philip Bialowitz, der im Lager Todgeweihten die Haare schneiden musste. Er hält den Ziegelstein einer Gaskammer in den Händen – im Hintergrund legen zwei Archäologen letzte Mauerreste frei. In diesem Bild verdichten sich 71 Jahre Zeitgeschichte.

Und doch sind Hankes Aufnahmen nicht dokumentarisch, sondern kunstvoll inszenierte Porträts, die den Betrachter emotional berühren. Man kann nur der Zeitzeugin Marie Tykalová zustimmen, die einst im tschechischen Widerstand aktiv war und Hanke viele Kontakte zu Überlebenden vermittelt hat. Sie sagte über ihn: „Ich dachte, zu mir kommt ein Fotograf. Aber Sie sind ein Porträtist der Seele.“

Lesen Sie auch: Der Triumph des Überlebenden: Stefan Hanke zeigt in seiner Ausstellung „KZ überlebt“ im Kunst- und Gewerbeverein Porträts von Siegern, nicht von Opfern.

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