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Kultur
Montag, 23. Oktober 2017 12° 7

Einstand

Madesta hängt den Kaviar an die Wand

Peter Bäumler räumt das Feld für die neue Inhaberin, die Galerie-Chefin gibt Einblick in ihr künftiges Programm – und das Kunstvolk strömt.
Von Helmut Hein, MZ

  • Andrea Madesta, die neue Inhaberin der Galerie Peter Bäumler, mit ihrem Vorgänger bei ihrer Ausstellung zum Einstand am Freitagabend Foto. altrofoto.de
  • Neuer Blick auf neue Künstler: in der Galerie Peter Bäumler am Freitagabend Foto. altrofoto.de
  • Neuer Blick auf neue Künstler: in der Galerie Peter Bäumler am Freitagabend Foto. altrofoto.de
  • Neuer Blick auf neue Künstler: in der Galerie Peter Bäumler am Freitagabend Foto. altrofoto.de
  • Besucher beim Opening von Andrea Madesta in der Galerie Bäumler Foto. altrofoto.de

Regensburg.Peter Bäumler sah bestens aus. Kein Wunder. Er hatte bei schönstem Frühlingswetter eine kleine Harley-Tour ins nahe Tschechien unternommen. Und außerdem war er die Sorgen los. Monat für Monat 10 000 Euro Kosten, das zehrt mit der Zeit. Und jetzt? Ein sorgloses Leben nach der Kunst? Das nicht unbedingt. Peter Bäumler hat schon Pläne, die groß, sehr groß sind, aber geheim gehalten werden müssen. Aber mit der Galerie im engeren Sinn haben sie nichts zu tun.

Die Galerie heißt zwar, auf ausdrücklichen Wunsch der neuen Inhaberin, noch drei Jahre lang Galerie Peter Bäumler. Aber es ist natürlich jetzt das Spielfeld von Dr. Andrea Madesta, einst ambitionierte Chefin der Ostdeutschen, jetzt, wie man aus allem schließen kann, Gott sei Dank selbstständig. Mit Bäumler und Madesta haben sich zwei gefunden, zwei Alphatiere, die sich nur kurz beschnüffeln mussten und dann wussten: Es passt.

Eine Art Kompetenzzentrum

Madesta wäre nie in den Ring gestiegen, sagt sie beim Abend ihres Einstands, wenn Bäumler nicht aufgehört hätte. Denn Bäumler ist ein Champion, ein Schwergewicht: „Mit ihm ist nicht zu spaßen.“ Bäumler wiederum war, als sein Entschluss feststand, froh, dass da unverhofft eine auftauchte, die sein Lebenswerk in seinem Sinn und auf gewohntem Niveau weiterführen würde. Dafür stellte er dann, was manche sicher überraschte, nicht nur die schönen Räume und das Galeristen-Know How, sondern auch seine Verbindungen zur Verfügung.

Kontinuität also, aber auch neue Konzepte. Was bleiben wird, ist die bewährte Mischung aus herausragender regionaler, überregionaler und internationaler Kunst. Was dazukommen muss, ist natürlich ein neuer Künstler- und Kundenmix, denn man (und frau) ist aus nachvollziehbaren Gründen immer am meisten zuhause, auch am kompetentesten, wenn’s um die, wie es neudeutsch heißt, eigene Generationskohorte geht.

Arbeit mit Studenten forcieren

Also: Ein Galerist wird älter. Und die Künstler und Kunden altern mit ihm. Das nennt man auch Treue. Andrea Madesta wird, schon aus Eigeninteresse, dem, was Bäumler ästhetisch und kommerziell aufgebaut hat, verbunden bleiben. Aber es werden neue, jüngere Künstler und Kunden dazukommen (müssen). Zum Konzept der Ex-Museumsfrau, die ihre Herkunft nicht verleugnen kann und will, gehört zudem der Wunsch, mehr zu sein als „nur“ Galerie, mit der Zeit so eine Art Kultur- und Kompetenz-Zentrum zu werden.

Die Arbeit mit Schülern und Studenten will sie forcieren, Maler sollen nicht nur ihre Bilder zeigen, sondern das, was sie da tun, dem geneigten Publikum auch seminarartig vermitteln. Und Madesta denkt darüber hinaus daran, als kundige Dienstleisterin Nachlässe zu betreuen, Publikationen zu erarbeiten usw.

Das Interesse war an diesem ersten Abend einer neuen Zeit riesengroß. Fast schien es, als werde die Sensation des Bäumler-Abschieds vor vier Monaten jetzt vom Wunder des Bäumler-Neubeginns mit Andrea Madesta noch übertroffen. Opening hieß die erste Ausstellung, sehr schlicht und doch offenbar für viele sehr vielversprechend.

Kunst auf kulinarische Art

Die neue Galerie hat ein Konzept. Bei der ersten Ausstellung war der große Plan aber noch nicht unbedingt zu erkennen. Es regierte der Wille zur Vielfalt, Diversität, der Wunsch, möglichst viele Künstler, die demnächst eine Rolle spielen werden, schon einmal appetizermäßig vorzustellen. Am meisten Appetit erregte, nicht nur beim begeisterten Kollegen Jürgen Schönleber, eine kleine Arbeit des großen Georg Herold, der witzig zeigt, dass Kunst auch eine kulinarische Angelegenheit ist: „Kaviar“, heißt die Arbeit. Und daneben steht: „Öl auf Leinwand“. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn was fasziniert ist ja der „echte“ Kaviar, der da ins Bild rückt.

Ist das nun abstrakt oder figurativ oder ein fernster Happening-Nachklang? Das kann man sich bei Kunst heute öfter fragen. Die Entscheidung fällt dann schwer; und ist oft überflüssig. So wie die späte Moderne überhaupt souverän zwischen asketischer Strenge und trunkener Romantik, zwischen entschiedener Reduktion und wüstem Übermaß changiert.

Wie man mit ganz wenig viel erreicht, das demonstriert Inken Hilgenfeld, die aus Nürnberg kommt (wo auch Andrea Madesta sozialisiert wurde), im Andreasstadel mal ein Atelier hatte und, wenn nicht alles täuscht, zu den künftigen Künstlern der Galerie zählen dürfte.

Ein Coup: Johannes Hüppi

Bei anderen Künstlern packt selbst den versierten Kunst-Erwerber Bäumler der pure Neid. Jahrelang war er hinter Johannes Hüppi her, bekam ihn nie zu fassen. Jetzt hängt er zur Eröffnung gleich mit einer Reihe von Arbeiten in der Galerie. Bei ihm ist die Figuration mythisch entrückt, die Frühromantiker hätten gesagt, in den Geheimniszustand erhoben. Das gilt, ganz anders, auch für die Hochgebirgs- und Föhrenbilder des Markus Orsini Rosenberg, bei dem man erst durchschauen muss, mit welchen Strategien er Auge und Herz vereinnahmt. Sonst kann alles zu spät sein.

In Franco Kappls gedämpfter Farbenfreude schläft die Vernunft. Oder sollten es die „Löwen“ sein, die sonst in unserem Inneren wüten und nie Ruhe geben und jetzt („Lions After Slumber“) plötzlich ganz zerstreut wirken?

Wenn man auf der neuen schwarzen Couch sitzt, weil Kunstbetrachtung doch das Verweilen, manchmal auch das Gespräch braucht, dann hat man einen schönen Durchblick auf A. R. Pencks Blätter aus seiner Bütten-Serigraphie „ur end Standard II“. Wirklich? Noch einmal Penck? Aber es ist immer ein Fehler, wenn man meint, schon alles gesehen zu haben.

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