mz_logo

Musik-Kritik
Montag, 27. März 2017 17° 1

Conor Oberst: Salutations

Singer/Songwriter - Nonesuch

  • Connor Oberst - Salutations
  • Verstärkung für seine neue Platte hat sich Conor Oberst (dritter von links) unter anderem von den Felice Brothers geholt. Foto: Warner

Als Conor Oberst im vergangenen Jahr sein viertes Soloalbum "Ruminations" quasi aus dem Nichts veröffentlichte, waren viele Fans irritiert. Oberst hatte klamm und heimlich zehn Songskizzen aufgenommen, vorrangig auf dem Piano, begleitet nur noch von seiner Stimme und einer Mundharmonika. Mit "Salutations" veröffentlicht er jetzt die zehn Songs von "Ruminations" im neuen Gewand, mit Band, aber auch immer noch mit Mundharmonika. Oben drauf gibt es sieben gänzlich neue Tracks. Der straighte Folk- und Country-Sound ist dabei vielleicht der erwachsenste, den der mittlerweile 37-jährige Singer/Songwriter je produziert hat.

Wie im falschen Film muss sich Conor Oberst gefühlt haben, als im Dezember 2013 eine Frau im Internet behauptete, der damals 23-jährige hätte sie nach einem Konzert im Jahr 2003 vergewaltigt. Das Internet brodelte. Fast zwanghaft checkte Oberst regelmäßig Kommentare in den Sozialen Netwerken. Wollte seine Tour absagen, aus Angst man würde ihn von der Bühne jagen.

Im Juni 2014 gab die Frau zu, sich die Vorwürfe ausgedacht zu haben und entschuldigte sich. Oberst nahm die Entschuldigung an. Als surreal beschreibt er heute diese Zeit, die ihre Narben hinterlassen hat. Sie machte sein 2016 erschienenes Album "Ruminations" zu einem der eindringlichsten und ehrlichsten seiner Karriere. Nur mit Piano, Akustik-Gitarre und Mundharmonika bewaffnet führte er Krieg gegen die eigenen Dämonen.

Was auf dem Vorgänger eindringlich war, ist es auf "Salutations" nicht minder. Oberst bleibt sich lyrisch treu, doch findet auch einen vorher so nicht dagewesenen zynischen Witz: "You know I don't mind the money. It beats betting on sports. And though it might get expensive, it's cheaper than divorce", singt er im Opener "Too Late To Fixate".

Musikalisch zehrt das Album vor allem von der Verstärkung, die sich Oberst mit ins Studio geholt hat. Seine Lieblingsband The Felice Brothers und die ständigen Tour-Begleiter Dawes waren ebenso an der Entstehung beteiligt wie die langjährige Weggefährtin Maria Taylor.

"Salutations" ist ein unaufgeregtes Statement. Wunderschön und warm. Beeindruckend unbeeindruckt. Traurig aber zuversichtlich. Während er in "Counting Sheep" auf "Ruminations" noch den Tod zweier örtlicher Jugendlicher mit "I hope it was slow, I hope it was painful" besang, korrigiert er auf "Salutations" diesen düsteren Gedanken: "I hope it was quick, I hope it was peaceful".

Entstanden sind 17 Songs die mehr ein klassisches Folk- und Americana-Album ergeben als ein klassisches Singer/Songwriter-Album. Wobei Oberst eigentlich immer konstant zwischen diesen beiden Polen schwang und mit "Ruminations/Salutations" erstmals konsequent an beiden Extremen haftet. Erstaunlich mag das sein, für den ein oder anderen auch ambitionslos oder langweilig. Vor allem ist es aber eins: wohltuend. Für Oberst selbst. Aber auch für seine Fans, die sich seit eh und je, um seine psychische und physische Verfassung bangend an jede Songzeile klammern, als wäre es seine letzte.

Bewertung: ausgezeichnet

teleschau - der mediendienst

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht