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Musik-Kritik
Dienstag, 12. Dezember 2017 4

Morrissey: Low In High School

Rock - Etienne Records

  • Morrissey - Low In High School
  • Morrissey äußert sich auf seinem neuen Album vermehrt zum Weltgeschehen und macht "Low In High School" zu so etwas wie seiner Israel-Platte. Foto: Ian Gavan/Getty Images
  • Wer ist Steven Patrick Morrissey? Zur Klärung dieser Frage trägt "Low In High School" nur wenig bei. Foto: Sam Rayner

Dass man das noch erleben darf: einen sozusagen lebenspraktischen Rat vom Mozzer. Er empfehle dringend, keine Nachrichten anzuschauen, singt Morrissey in der Single-Auskopplung mit dem irreführend harmlosen Titel "Spent The Day In Bed" aus dem neuen Album "Low In High School". Warum? "Because the news contrives to frighten you / To make you feel small and alone". Alles Fake News also, ausgedacht, damit man sich klein und verloren fühlt? Hätte man das mal eher gewusst! Da wäre einem viel erspart geblieben. Zum Beispiel Morrisseys Sympathiebekundungen für den Brexit-Vater Nigel Farage. Oder für die französische Populistin Marine Le Pen. Oder seine Einlässe zur britischen Einwanderungspolitik nach dem Anschlag in seiner Heimatstadt Manchester. Es sind verwirrende Zeiten für jene, die die Aphorismen des Dichters seit den Tagen der Smiths im Herzen eintätowiert haben.

Wer also ist Steven Patrick Morrissey? Immer noch der Schutzheilige des kultivierten Außenseitertums? Oder nur noch ein xenophober alter Griesgram mit Hang zur Verschwörungstheorie? Wer "Low In High School" hört, des Sängers erstes neues Album seit drei Jahren, hat zur Klärung dieser Fragen viel Textarbeit vor sich. Mit vagen Erfolgsaussichten.

Überall begegnet einem eine politische Weltbühne: Arabischer Frühling, Proteste in Venezuela, nukleare Aufrüstung, der lustig chiffrierte Brexit ("Jacky's Only Happy When She's Up On The Stage"). Und nur eine Gehirnwindung weiter: erotisches Begehren als Weltfluchtfantasie sowie das übliche Lamento über Heimatlosigkeit und Einsamkeit. Es ist ein Spiel mit Andeutungen und Provokation. Vielleicht hält er uns alle zum Narren.

Möglicherweise würde man das alles bereitwilliger abkaufen, wäre die musikalische Verpackung reizvoller. Doch des Dichters Songwriting-Partner, allen voran der treue Boz Boorer und US-Keyboarder Gustavo Mansur, lassen nur in Bruchstücken die alte Morrissey-Magie aufflammen. Teils ist es schrecklich muskulöser Breitwandrock (Produktion: Joe Chiccarelli), teils eine Art politische Kaffeehausmusik mit Keybordgeklimper und orientalem Ornament. Dazu passt des Weltleidenden gedankliche Hinwendung in den Nahen Osten.

Hinten raus wird "Low In High School" - darf man es so sagen? - zu Morrisseys Israel-Platte. Nicht weniger als drei Stücke widmet er seinem neuen Sehnsuchtsland, darunter das fast sechsminütige "Isreal" ganz am Ende. Zu pathetischem Trommelwirbel überschlägt sich die Stimme: "And they who rain abuse upon you / They are jealous of you as well / Love yourself as you should, Israel."

Wie diese verbotene Liebe wohl aufgenommen wird im öffentlichen Diskurs? Das entnehmen Sie dann bitte der Systempresse Ihrer Wahl. Oder Sie tun wie geheißen und bleiben tatsächlich einfach eine Weile im Bett. Je länger man darüber nachdenkt ... Es ist vielleicht wirklich kein schlechter Rat.

Bewertung: überzeugend

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