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Theaterkritik
Dienstag, 20. Februar 2018 5

Universität

Auf der Bühne für Frieden und Freiheit

Mit „Hair“ wagten sich Regensburger Studenten der Musikpädagogik an ein besonderes Projekt. Das Publikum war begeistert.
Von Curd Wunderlich

Die Hauptprotagonisten Berger (Alexander Wutz, links), Claude (Johannes Abt) und Sheila (Franziska Eberl) leben den Hippie-Lifestyle in einer lustvollen Dreiecksbeziehung aus. Foto: Wunderlich

Regensburg.Es ist eine neue Generation Musiklehrer, die da heranwächst. Mit einer punktgenauen Analyse großer klassischer Werke hat es auf jeden Fall nichts zu tun, was die angehenden Musikpädagogen der Universität Regensburg mit ihrer Interpretation (Regie: Julia Renz-Köck) des Musical-Welterfolgs „Hair“ im Theater an der Uni bieten. Mit jeder Menge Flower Power, Sex und Drogen feierten die Studenten am Mittwochabend eine umjubelte Premiere. Am heutigen Freitag und am morgigen Samstag gibt es „Hair“ jeweils um 19 Uhr nochmals zu sehen. Die Vorstellungen sind ausverkauft. Wer sein Glück versuchen will, kann sich an der Abendkasse auf eine Warteliste setzenlassen und hoffen, dass Kartenbesitzer doch nicht kommen können.

Das Thema des Musicals, das seine Broadway-Uraufführung 1968 erlebte, ist schnell erzählt: Der aus patriotisch-bürgerlichen Verhältnissen stammende Claude (Johannes Abt) wird von einer Hippie-Gruppe rund um Berger (Alexander Wutz) und Sheila (Franziska Eberl) von deren Idealen angesteckt. Claude wird so in einen inneren Konflikt getrieben: Soll er seine pazifistischen Ideale ignorieren und seiner Verpflichtung nachkommen, als Soldat in Vietnam zu dienen? Oder soll er den Kriegsdienst verweigern und die gesellschaftliche Ächtung in Kauf nehmen?

Parallelen zur Gegenwart

Mit ihren langen Haaren – dem Symbol der Hippie-Ära – rebelliert die Jugend auf der Bühne nicht nur gegen konservative Eltern, autoritäre Gesellschaftsstrukturen, Rassismus und Chancenungleichheit. Im Mittelpunkt steht der Kampf gegen den Vietnamkrieg und das Einstehen für eine friedlichere Welt: „Make Love, Not War“.

Auf beiden Ebenen – der gesellschaftlichen wie der politischen – zieht die Regensburger „Hair“-Fassung Parallelen zur Gegenwart. Die – nur auf den ersten Blick – spießige Margaret, bejubelt gespielt und gesungen von Johanna Göttler, appelliert von der Bühne aus direkt an die Eltern im Saal: Sie sollen ihre Kinder freilassen und sie tun lassen, was sie wollen. Und auf einem wirren Trip erscheinen den Hippies Donald Trump und Kim Jong Un: Wild geworden und völlig außer Kontrolle geraten tanzen sie im chaotisch flackernden Licht vor der Szenerie New Yorks mit dem World Trade Center, das die Welt symbolisiert, welche die Hippies verachten. Dass die Zwillingstürme aus dem Bühnenbild erst 1973, also acht Jahre nach der Handlungszeit von „Hair“, fertiggestellt waren: geschenkt.

Gelebte Inklusion auf der Bühne

Die Darsteller auf der Bühne glänzen durch die Bank. Mit Franziska Rummel, die Dionne spielt, zeigen die Studenten zudem, wie gelebte Inklusion funktioniert: Nach einem Bänderriss kurzzeitig eingeschränkt, spielt sie ihre Rolle einfach aus dem Rollstuhl heraus. Alle anderen Sänger verausgaben sich während der Vorstellung, geben körperlich, schauspielerisch und gesanglich alles, was in ihnen steckt.

Die zehnmonatige schweißtreibende Probenzeit hat sich bezahlt gemacht. Im perfekt harmonierenden Zusammenspiel bieten Darsteller, Chor und Band eine Show, die das Publikum staunen, lachen und mitwippen lässt. Und auch die angehenden Musiklehrer – die mit Sicherheit auch in der Lage sein werden, klassische Musik penibel zu analysieren – können viel aus diesem ganz besonderen Projekt mitnehmen: Nicht nur die Bühnenerfahrung mit der Notwendigkeit, sich unter anderem auch für Sexszenen zu öffnen. Sondern vor allem Erfahrungen in der Organisation solcher Projekte für ihren späteren Lehrerberuf.

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