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Theaterkritik
Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Premiere

Aus dem pikanten Spiel wird ein Exzess

Applaus für „Die Schaukel“ im Jungen Theater: Fünf Darsteller brillieren im Stück um die Vergewaltigung einer 14-Jährigen.
Von Susanne Wiedamann, MZ

Die 14-jährige Leonie, glänzend dargestellt von Franziska Plüschke, beginnt auf dem Spielplatz ein gefährliches Spiel. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Fünf Jugendliche treffen sich zufällig auf dem Spielplatz. Die 14-Jährige will schaukeln, die einige Jahre älteren Jungen wollen Fußballspielen. Erst soll das Mädchen den bolzenden Jungs weichen, doch dann beginnt ein ausgelassener Reigen aus jugendlichem Kräftemessen, aus Anmache, Balzerei und Imponiergehabe. Leonie, das „kleine Mädchen“, wie die jungen Männer zwischendurch provozierend feststellen, ist cool, schnodderig, hat eine große Klappe und lässt sich nichts gefallen.

„Wer die Macht hat, trägt auch die Verantwortung. Immer!“

Die Anklägerin (dargestellt von Franziska Plüschke)

„Ich habe vor nichts Angst“, behauptet sie hoch erhobenen Hauptes. Das wollen die Jungs genauer wissen, locken sie mit einem Motorradausflug und nächtlichem Schwimmen. Und Leonie gefällt das, mit den Großen scheinbar auf Augenhöhe aufzutrumpfen. Die Warnungen von Max (Marcel Klein), die anderen wollten sie doch nur flachlegen, schlägt sie in den Wind und stößt ihn vor den Kopf.

Die Konstellation lässt nichts Gutes erwarten. Das Publikum verfolgt das Spiel der Jugendlichen gebannt. Jede Angeberei von Leonie (Franziska Plüschke), mit der sie sich bei dem smarten Niklas (Stephan Hirschpointner) einschmeicheln will, macht die daraus entstehende Spannung unerträglicher. Man wartet auf den großen Knall, auf das Verbrechen, das vor Gericht (aus dem Off: Michael Haake als Richter) verhandelt wird.

Umkreist von jungen Wölfen

Maria-Elena Hackbarth hat Edna Mazyas Stück „Die Schaukel“ im Jungen Theater Regensburg ausgezeichnet inszeniert. Ganz leicht und jugendlich frisch geht das Treiben bei der Premiere am Samstag los und schaukelt sich langsam gefährlich hoch. Fast nebenbei nimmt das Rudel junger Wölfe Witterung auf, treibt das kecke Lamm auf der Drehscheibe hin und her und nimmt es immer mehr in die Zange – und das Schaf bleibt ahnungslos.

Leonie versucht, Niklas (l.), Jonas und Alex (r.) durch das Wegschlucken von drei Dosen Bier zu beeindrucken. Foto: Jochen Quast

Britta Langanke hat für Hackbarths Inszenierung einen genial einfachen Bühnenraum gestaltet. Das Publikum verfolgt von zwei Seiten das Geschehen in seiner Mitte. Links und rechts davon an der Wand hängen Bilder von jungen Schönen männlichen und weiblichen Geschlechts. Ein paar davon verschwinden hinter Gitterstäben. Die vier Jugendlichen werden sich später dort vor Gericht wiederfinden. Auf der anderen Seite ist ein treppenartiges Podest, auf dem Franziska Plüschke dann als Anklägerin die Lage der 14-Jährigen darstellen wird. Und wo sie den vier Jugendlichen klar die Schuld zuweist: „Wer die Macht hat, trägt auch die Verantwortung. Immer!“

Die Doppelrollen der Darsteller, die jeweils die Jugendlichen und ihre Verteidiger spielen, sind ein wunderbarer Kunstkniff, um die Machenschaften der Einzelnen quasi aus Erwachsenensicht zu durchleuchten. Um Gerechtigkeit geht es dabei aber nicht in jedem Fall. Das Opfer wird nicht geschont.

Blitzschnelle Szenenwechsel

Blitzschnell und nur durch das Scheinwerferlicht unterstützt (Licht: Leo Göbl) wechseln die Figuren vom Spielplatz in den Gerichtssaal und zurück. Absolute Hochachtung für das Ensemble, allen voran Franziska Plüschke, der es bewundernswert gelingt, nachdem sie als Leonie von drei der Jungen vergewaltigt wurde und zerstört am Boden liegt, in die schwarze Robe der Anklägerin zu schlüpfen und sich kühl und sachlich die Angeklagten vorzunehmen. Überhaupt werden die Rollen von den Darstellern (neben den Genannten Ludwig Hohl als gewitzter Alex und Johannes Lukas als schlaksiger Jonas) prall ausgefüllt, mit Spielfreude und packender Präsenz.

Die Geschichte hinter dem Stück

  • Hintergrund:

    Von 1990 bis 1992 fand in Haifa ein Prozess statt, in dem sieben Jugendliche wegen Vergewaltigung angeklagt waren. Laut Anklage hatten sie mit noch vier anderen Jungen ein 14-jähriges Mädchen mehrere Tage lang missbraucht.

  • Urteile:

    Die Jungen wurden freigesprochen. Das Mädchen schien dem Gericht nicht glaubwürdig. In der Revision wurden vier der Jugendlichen schuldig gesprochen. Edna Mazya wurde vom Theater Haifa beauftragt, den Stoff zu dramatisieren.

  • Die Inszenierung:

    Die Regensburger Inszenierung von Mazyas „Die Schaukel“ von Maria-Elena Hackbarth wird im Jungen Theater Regensburg am 2., 4., 5., 8., 9., 10., 24., 29., 30. und 31. Mai um 10 Uhr gezeigt, am 6. und 26. Mai um 19.30 Uhr. Das Stück ist für Jugendliche ab 15 Jahre und Erwachsene geeignet. Es dauert rund eine Stunde. An die Aufführung schließt sich eine etwa halbstündige Diskussion mit den Darstellern an. Weitere Informationen zu Stück, Regieteam und Ensemble gibt es auf der Homepage des Theaters Regensburg .

Mazyas Stück in Hackbarths Inszenierung ist raffiniert. Die Schaukel ist ein Symbol für Justitias Waage, die mal für die eine, mal für die andere Seite Partei ergreift. Leonie, die für die Jungs einen verführerischen Tabledance hinlegt, wie ihn eine 20-Jährige nicht besser hinbekäme, hat auf der anderen Seite keine Ahnung, was diese wirklich von ihr wollen. So erfahren wie sie tut, so unwissend ist sie in Wirklichkeit.

Max, der Leonie mehrfach warnt, fällt schließlich als erster über sie her. Bitter auch, dass Niklas, der glatte Verführer, straffrei davonkommt – aus Mangel an Beweisen. Der sexuell Erfahrene hielt sich während der Vergewaltigungen Leonies geschickt zurück – und verfolgte das Geschehen kühl von der Schaukel aus. Viel Stoff, der einem nicht so schnell wieder aus dem Kopf geht. Und eine beachtliche Leistung des jungen Ensembles.

Lesen Sie auch: die Kritik zu „Bilder von uns“, einer Inszenierung am Theater Regensburg

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