mz_logo

Theaterkritik
Mittwoch, 21. Februar 2018 5

Musicalpremiere

Das geht schief mit den Verliebten

Viel Beifall gab es für die nur teilweise überzeugende Inszenierung von „The Black Rider“ als burlesker Zirkus-Western.
Von Michael Scheiner

Käthchen (Verena Maria Bauer) und der teuflisch schöne Sebastian M. Winkler als geheimnisvoller „Stelzfuß“ in einer Szene von „The Black Rider“ Foto: Jochen Quast

Regensburg.Es ist vielleicht die spannendste Szene, gleichzeitig eine der ruhigsten: Wenn Käthchen (Verena Maria Bauer) in geisterhaft-blaues Licht getaucht ihrem begehrten Wilhelm (Matthias Zera) hingebungsvoll „I’ll shoot the moon… for you baby“ hinterhersingt. Während dieser mehr verwirrt als verzweifelt über die Bühne stolpert, jammert dazu eine singende Säge. Geisterhaft schön dazu die Musik der formidabel guten Band unter Leitung von Bernd Meyer. Und das Panoptikum der übrigen schrägen, abgeranzten Figuren wirkt in diesem fast eingefrorenen Moment nicht mehr wie vom Rummel, sondern wie in einer nächtlichen Puppenstube.

Spätestens in dieser Szene ist wohl auch dem Letzten klar, das geht gründlich schief mit den beiden Verliebten. Dafür gibt es, wie auch sonst noch einige Male bei der Premiere des Musicals „The Black Rider“ von Tom Waits und William S. Burroughs im Velodrom, heftigen Szenenapplaus.

Regisseur Jan Langenheim hat die schwarze Ballade des amerikanischen Autorenduos – eigentlich Dreigestirns, nimmt man Robert Wilson als Gestalter mit dazu – als kuriose Mischung aus heruntergekommener Westernstadt, Zirkussetting und Comicwelt inszeniert. Vor einem halben Jahrhundert hat man mit solchem „Schund“, wie es damals oft hieß und der sich später als Trashkultur langsam in die Mitte der Gesellschaft schob, das gebildete Bürgertum und noch mehr die kleinbürgerlichen Nachrücker in helle Aufregung versetzt. Heute dient es quer durch alle soziale Schichten als Unterhaltung. Nicht selten auch als Erholung von den Anstrengungen, welche avantgardistische oder zeitgenössische Produktionen der Hochkultur ihren Rezipienten abverlangen. Wobei das Auseinanderhalten unterschiedlicher kultureller und damit sozialer Ebenen schon merklich abgeflacht ist und verschiedene alternative oder Subkulturen immer wieder Symbiosen mit so genannter Hochkultur eingehen.

Abschüssiger Wohnzimmerboden

Fürs Theater sind deshalb Stoffe und Themen wie „Black Rider“ auch deshalb wichtig, weil damit ein anderes und jüngeres Publikum angesprochen werden kann. Praktisch zeitgleich mit dem Musical in Regensburg hatte David Bowies „Lazarus“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere und spült garantiert viele jüngere, wenig theateraffine Zuschauer in den Kulturtempel.

Vermutlich gelingt das auch mit der hiesigen quietschbunten Produktion, obwohl sie nur teilweise überzeugt. Klasse ist die Bühne (Anja Jungheinrich) mit einem heruntergekommenen, einstöckigen Holzhaus, das zweigeteilt ist. Aufgeklappt dient es als Jahrmarktsbude mit blechernem Orakel (Gunnar Blume), Wohnzimmer mit gefährlich abschüssigem Boden und Terrasse, von der Waits-Songs geschmettert werden. Auch die geschickt eingesetzten Lichtwechsel und atmosphärischen Stimmungen sind stimmig und gehen Hand in Hand mit dem beweglichen Bühnenbild, welches zusammengeschoben die düstere Botschaft „Live is a killer“, das Leben ist ein Mörder, als Graffiti auf der Fassade trägt. Wenig Grund zu meckern bietet die manchmal etwas pennälerhaft gestaltete Choreographie. Diese setzt mit heftig treibender, elektronischer Musik im diktatorischen Viervierteltakt schon vor dem Start des Stücks ein. Der energiegeladene Auftakt mit dem berockten Kuno (Gunnar Blume) und der Zirkusdirektorin (Andine Pfrepper) als Tanzende ist wohl vorrangig ein Signal an junge Szenemenschen, „hey, guckt doch mal zu uns rein“, auch wenn die Clubmusik keine Sekunde lang zur altmodischen Musik Tom Waits passt. Dessen Songs, vom melancholischen „November“, dem heiter-bösen Eingangschor „The Black Rider“ über walzernde Duette zwischen den Liebenden bis zum wild-verzweifelten Schrei von „Lucky Day“, orientieren sich an Walzer, Blues, Skiffle und anderen altbekannten Formen von Rock bis Americana.

Vom engagiert spielenden Ensemble überzeugen neben den mitreißenden Pfrepper und Blume, beide gleich in mehreren Rollen, der als burleske Mischung aus Clown, Cowboy und Indianer herumschlappende Vater von Käthchen, der Förster Bertram (Oliver Jaksch) und seine Frau Anne (Ruth Müller) im Leopardenanzug.

Wie ein bedauernswerter Tropf

Blass dagegen wirkt Jägerbursche Robert (Robert Herrmanns), auch stimmlich, als Gegenspieler zum Hochzeiter Wilhelm (Matthias Zera). Dieser jedoch wirkt in seiner spießigen Biederkeit wie ein bedauernswerter Tropf in der burlesken, fremden Welt. Allerdings kommt bei dem talentlosen Schützen, der sich um Kopf und Kragen schießt, soviel Unsicherheit und Tölpelhaftigkeit zum Vorschein, dass der Verdacht keimt, das geht über die Figur hinaus und betrifft den überforderten Schauspieler selbst. Zudem trifft Zera den Ton nicht beim Singen, was bei Songs, bei denen viele Zuhörer die kratzige Reibeisenstimme des Komponisten Waits im Ohr haben, besonders schmerzlich wirkt.

Gesanglich schlagen sich die übrigen Schauspieler ganz ordentlich. Die herausfordernd-ironische Wait’sche Tonlage treffen Ruth Müller und vor allem der teuflisch schöne Sebastian M. Winkler als verführerischer und dennoch aufrichtiger „Stelzfuß“ am besten. Dafür gab’s auch viel Beifall.

Lesen Sie auch, wie das philharmonische Orchester Regensburg Charly Chaplins Klassiker „The Kid“ in einem Filmkonzert vertonte.

Mehr aus der Kultur lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht