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Theaterkritik
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Uraufführung

Ein Egoist bekommt kalte Füße

„Ein große Aufbruch“ enttarnt Lebenslügen: Am Theater Regensburg wird der spannende Stoff schlüssig inszeniert.
Von Michael Scheiner, MZ

Franziska Sörensen, Louisa Stroux, Gunnar Blume und Gerhard Hermann (von links) in einer Szene von „Ein großer Aufbruch“ Foto: Quast

Regensburg.Zweifel an sich selbst, erkennbare Nachdenklichkeit oder sich (und sei es nur ein klitzekleines) in Frage stellen lassen – solche Übungen gehören nicht zum Repertoire von Holm (Gerhard Hermann). Schon gar nicht, wenn Familie und Freunde, die Ex und ein geisterhafter Ratgeber namens „Helmut“ eingeladen sind, an seinem „Großen Aufbruch“ teilzuhaben. Zum „letzten Abendessen mit mir“ hat Holm seiner kaltschnäuzigen Tochter Marie (Louisa Stroux) geschrieben. So ködert er sie, ihre Geschäftsreise nach New York abzusagen und seiner Einladung Folge zu leisten. Marie bringt Heiko (Gunnar Blume) mit, ihren Freund und Chef.

Es soll eine Abschiedsfeier werden – für immer. Danach will der ehemalige Entwicklungshilfe-Ingenieur Holm sein Ränzel packen, sich von seinem Freund Adrian (Michael Haake) in die Schweiz fahren lassen und begleiteten Suizid begehen. „Selbstbestimmt“, denn das war er ja immer! Sein Krebs ist nach fünf Jahren zurückgekehrt und ist inoperabel, also todbringend.

Katharina (Silke Heise) umarmt Holm (Gerhard Hermann): eine Szene aus „Ein großer Aufbruch“ Foto: Quast

„Der große Aufbruch“ ist die für Bühne umgeschriebene Fassung des gleichnamigen Fernsehfilms, mit dem der Kölner Autor Magnus Vattrodt einen bemerkenswerten Erfolg hatte. Der starbesetzte Film hatte die Diskussion um Sterbehilfe und selbstbestimmtes Sterben neu befeuert. Dabei ist dieser Aspekt im Stück eigentlich nur ein raffinierter Aufhänger. Dennoch schiebt es das brisante Thema an und konturiert es.

Lesen Sie mehr über „Ein großer Aufbruch“: hier

In der starken und lebensnahen Geschichte geht es aber vor allem um die Selbstbezogenheit und den brutalen Egoismus eines „dummen Menschenfreundes“, wie sich Holm in einem Anfall triefenden Selbstmitleids schwülstig charakterisiert. Noch eine Drehung weiter, richtet Vattrodt und mit ihm Nicolai Sykosch, der das Stück für Regensburg inszeniert hat, seinen Blick auf eine ganze Generation: die Achtundsechziger. Die Hippies und Gammler, die Langhaarigen und Kiffer, Aussteiger und die – vermeintlichen – Nonkonformisten: Sie nehmen Vattrodt und Sykosch ins Visier und erinnert sie an ihre Verantwortung. Verantwortung für die eigenen Kinder, letztlich für ein verantwortliches und vor allem auch genaues Bewusstsein für das eigene Leben mit all seinen Fehlern, Lügen und Falschheiten. Bei der geplanten Abschiedsfeier treten mehr und mehr dieser Falschheiten zu Tage. Mit jedem Gast, der eintrifft, beginnen neue Abrechnungen und Vorhaltungen. Alte, nie wirklich verheilte Wunden brechen auf, bittere Vorwürfe treffen nicht nur den selbstgefälligen „Gutmenschen“ Holm, sondern auch die Ex-Ehefrau Ella (Franziska Sörensen) und reihum jeden Mitspieler.

Silke Heise, Gerhard Hermann, Gunnar Blume und Louisa Stroux (von links) in einer Szene von „Ein großer Aufbruch“ Foto: Quast

Ella, die Mutter von Marie und Charlotte (Andine Pfrepper), hat sich einst aus der Beziehung zu Holm und ihrer Drogensucht gelöst und damit die Mädchen „im Stich gelassen“, wie man ihr um die Ohren haut. Als einzige unter allen Anwesenden weiß sie, wie es um Holm steht. Tochter Marie dagegen vermutet sofort eine der üblichen Lügen hinter Holms schließlich erfolgter Erklärung, dass er entschieden habe zu gehen, und wittert eine taktische Erpressung. Katharina (Silke Heise), Adrians Frau und – wie sich herausstellt – die heimliche Geliebte von Holm, verweigert sich verzweifelt und wutentbrannt der Wahrheit. Adrian andererseits steht selbst nach der Aufdeckung des jahrelangen Ehebruchs zu seinem Freund, was ihm die Verachtung seiner Frau einbringt, und den Vorwurf der Nibelungentreue.

Prächtige Ensemble-Leistung

Lediglich am höchst erfolgreichen Kanzleichef Heiko prallen Spitzen und Vorwürfe ab. Wie sich gegen Ende zeigt, hat er als Einziger tatsächlich eine Ahnung, was selbstbestimmtes Sterben hautnah bedeutet. Mitten im emotionalen und ganz realen Schlachtfeld erzählt er nüchtern und doch mit spürbarer Empathie, dass seine sterbenskranke Frau diesen Schritt ebenfalls tun wollte – und damit gescheitert ist.

Da ist Holm längst demontiert. Er sitzt zusammengefallen zwischen verspritzten Speisen und zerschlagenem Geschirr. Er hat die Zwiebel-Allergie der erfolglosen Tochter Charlotte ignoriert, wie so vieles in einem Leben, in dem er andere verletzt, benutzt, enttäuscht und respektlos behandelt hat. In einem allergischen Schock, den Charlotte erleidet, reißt sie alles vom Tisch. Am Ende bekommt Holm, barfüßig, auch noch kalte Füße.

Emotionale Hochspannung

  • Der Film:

    Magnus Vattrodt wurde 2016 für den Fernsehfilm „Ein großer Aufbruch“ mit dem Deutschen Fernsehpreis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Die Jury lobte, es sein emotionale Hochspannung, packende Dramatik und mit einem bewegenden Thema beste Fernsehunterhaltung gelungen.

  • Das Stück:

    Jetzt hat Magnus Vattrodt den Stoff im Auftrag des Theaters Regensburg für die Bühne bearbeitet. Regie führt Nicolai Sykosch. Die nächsten Vorstellungen sind am 22. und 25. November, sowie am 2., 10. und 13. Dezember (jeweils 19.30 Uhr) im Theater am Bismarckplatz

Zwischen schwarzem Humor, galligem Spott und ziemlich trostlosen Enthüllungen entwickeln die Schauspieler das schlüssig und pointiert inszenierte, tragikomische Stück in einer prächtigen Ensembleleistung. Anfängliche Befürchtungen, das Stück könne sich zu stark an den ironischen Pointen entlang hangeln, erweisen sich ziemlich bald als unbegründet. War der Einstieg noch etwas geschraubt, entwickelte sich mit dem Eintreffen der Gäste ein flüssiges, sehr plausibles und punktgenaues Spiel, bei dem die höchst unterschiedlichen Charaktere und Sichtweisen der Protagonisten wunderbar klar herausgearbeitet sind. Louisa Stroux sticht mit ihrer stacheligen, immer zur Abwehr bereiten Ella heraus.

Sehr gelungen sind Bühne und Kostüme (beide von Beatrice von Bomhard). Auf der schräg gestellten Bühne kommen sämtliche Gewissheiten und Selbstgewissheiten ins Rutschen.

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