mz_logo

Theaterkritik
Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Oper

Eine „Salome“ voll unfassbarer Magie

Im Theater am Bismarckplatz: Bravo-Rufe und donnernder Applaus für Brigitte Fassbaenders Version der Strauss-Oper
von Andreas Meixner, MZ

Dara Hobbs gibt Salome, Adam Kruzel den Propheten.Fotos: Jochen Quast

Regensburg.Es gibt ein vergilbtes Bühnenfoto aus dem frühen 20. Jahrhundert. Lange wurde fälschlich behauptet, es zeige Oscar Wilde selbst in dem orientalischen Frauengewand, knieend vor dem abgeschlagenen Kopf des Jochanaan, jenes starköpfigen Propheten, der sich der schönen Prinzessin bis in den Tod verweigert.

Für Regisseurin Brigitte Fassbaender war es Inspiration genug, die Geschichte von Salome aus der Perspektive des englischen Autors zu entwickeln, von dem das ursprüngliche Theaterstück stammt. Eine Abendgesellschaft im Hause Wilde wird zum Schöpfungsmoment. Die geladenen Gäste verwandeln sich in die handelnden Personen, nach und nach weist er seinem Liebhaber, den Eltern und Freunden die Rollen zu, für die er sie geeignet hält. Als stummer Tänzer übernimmt er die Regie in seiner eigenen Phantasiewelt, seine Bibliothek wird zum Königspalast und Verlies.

Der Dichter wird zum Beobachter

Die Idee, eine Erzählebene zu verschieben, ist sicherlich nicht neu. Allerdings erhält das in diesem Falle eine besondere Note, weil es Fassbaender auf geniale Weise gelingt, die tragischen Aspekte der Lebensgeschichte von Wilde mit dem großen Drama von Salome und Jochanaan zu verweben. Der Schöpfer geht dabei in seinem Werk auf, ohne selbst zur Rolle zu werden. Anfangs leitet er noch die Charaktere an, führt sie auf ihre Positionen. Der kreative Prozess des Schriftstellers wird sichtbar, bis die Dynamik der Geschichte schließlich greift und die Rollen sich emanzipieren.

Dann wird Wilde zum Beobachter, hilft lediglich dem geschundenen Jochanaan beim beschwerlichen Treten des Mühlrads, mit dem er selbst als wegen Unzucht verurteilter Strafgefangener bittere Erfahrung am eigenen Leib machen musste. Und auch im Tanz der Salome wird er zum imaginären Partner, führt die Prinzessin durch die lasziven Bewegungen, bis er sich in der erotischen Ekstase des Tanzes vor Herodes völlig verliert und entblößt.

Bis die Spannung unerträglich wird

Das alles geschieht in einer eigenen, unfassbar schönen Magie. Beide Erzählstränge berühren sich stets sanft, die kurzen Kontakte sind zärtlich, fast ein Hauch von Nichts. Und dennoch bleibt der unaufhaltsame Verlauf des großen Dramas unberührt, mehr noch: Die Wucht der Musik, die orientalischen Anleihen und die Leistung der Sänger und Musiker werden scheinbar befeuert und die Spannung zum unvermeidlichen grausigen Höhepunkt unerträglich. Das ist Musiktheater in Reinform!

Nicht nur Martin Dvorák verzaubert als Oscar Wilde mit seiner tänzerischen Eleganz das Publikum, sondern auch alle anderen Sänger bis runter zur kleinsten Partie. Natürlich, Dara Hobbs als Salome begeistert mit einer unglaublichen sängerischen Leistung. Da ist aber auch der unverwüstlich nobel singende Adam Kruzel als glaubhaft standhafter, aber auch verzweifelte Prophet, dessen Leben an der Laune einer verwöhnten Königstochter hängt. Johannes Preißinger gibt einen wunderbar tölpeligen und überheblichen Herodes, die Rolle der linkischen Herodias bekommt mit Vera Egorova eine Idealbesetzung. Unter der Leitung von Ido Arad läuft das Philharmonische Orchester Regensburg zur Höchstform auf, die großen Bläserstellen sorgen für Gänsehaut. Kleine Regieeinfälle, wie die fünf betenden Juden, die die Bibliothek zur Klagemauer umfunktionieren, sind Veredelungen der wuchtigen, aber genauso feinen und liebevollen Inszenierung einer großen Strauss-Interpretin und -Kennerin.

Am Schluss sind Bravo-Rufe und donnernder Applaus die verdiente Ernte einer wahrlich atemberaubenden Salome-Aufführung.

Weitere Kritiken und Rezensionen lesen Sie hier – in unserem digitalen Kulturteil

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht