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Theaterkritik
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Theater

Freundschaft überwindet alle Hürden

Im Velodrom erlebt Erich Kästners Klassiker „Pünktchen und Anton“ als Weihnachtsstück eine gelungene Premiere.
Von Michael Scheiner

Pünktchen (Marianna McAven) und Anton (Ludwig Hohl) halten zusammen, obwohl soziale Milieus sie eigentlich trennen. Foto: Christina Iberl

Regensburg.Za-Boing! Dem Schlag mit der Bratpfanne folgte ein kollektiver Aufschrei. Das voll besetzte Velodrom bebte vor Vergnügen. Einige Kinder sprangen von ihren Sitzen auf, johlten und ahmten die Bewegung „der dicken Berta“ (Doris Dubiel) nach. Die hatte mit dem praktischen Küchengerät „Robert, dem Teufel“ (Felix Breuel) eins übergebraten. Sein Einbruch in die noble Villa von Pünktchen (Marianna McAven) und ihren Eltern, Herrn (Markus Schramm) und Frau Pogge (Susanne Berckhemer) war damit vorerst gestoppt. Klar, dass er noch einmal eine drüber bekam, als er sich wieder aufzurappeln versuchte.

Die deftige Actionszene auf der Bühne war sehnlichst erwartet worden, die Spannung hatte endlich ein Ventil gefunden. Das Theater Regensburg hat Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ als Familienstück für die diesjährige Vorweihnachtszeit ausgesucht. Spritzig inszeniert hat es Mia Constantine, Gabriele Neubauer hat die Schauspieler ziemlich zeittypisch eingekleidet, mit einigen farblichen Ausreißern, und Michael Lindner hat ein schickes, bewegliches Bühnenbild gebaut, das Spielraum für Fantasie lässt.

Drei Bühnenabschnitte bespielt

Der Clou dabei, die ärmliche Mietwohnung Antons (Ludwig Hohl) und seiner kranken Mutter (Ines Hollinger) ist am linken Bühnenrand angesiedelt. Wenn das Geschehen rechts in der feinen bürgerlichen Behausung Pünktchens spielt, ist sie in dämmriges Licht getaucht. Auf der rechten Bühnenseite ein gedeckter Esstisch – an dem später Robert mit Handschellen gefangen hängt – Sessel und Stehlampe. Dazwischen Platz für Straßenszenen, Weihnachtsmarkt und nächtlichen Rummel mit Gendarmen, dem nichtsnutzigen Erpresser Klepperbein (Marcel Klein) und dem Kindermädchen Fräulein Andacht (auch: Ines Hollinger) mit ihrem liederlichen Freund Robert. Der nutzt sie aus und setzt die verliebte Nudel unter Druck, ihm beim Geld beschaffen zu helfen, was das Frauenzimmer leichtgläubig auch tut.

Ungleichheit und Freundschaft

Kästners Klassiker dreht sich um die große Ungleichheit in der Gesellschaft, um Freundschaft und die Frage eines gewissen Ausgleichs. Selbstverständlich kann man fragen, ob ein solches Setting heute noch den Erfahrungen und Bedingungen unserer Zeit entspricht. Zigarre rauchende Fabrikbesitzer sind heute meist verdrängt von anonymen Kapitalgesellschaften, deren Hauptzweck es ist, Kosten auf Staat und Gesellschaft abzuwälzen und sich eigenen Verpflichtungen so weit wie möglich zu entziehen. Andererseits ist die Geschichte von den beiden Freunden noch immer anschaulich und lebensnah genug, um daraus Lehren fürs Leben und das eigene Tun ziehen zu können. Zwar sind seither auch Familienpatriarchen weniger geworden, doch die Muster familiärer Strukturen und Beziehungen, die auch imitierendes Lernen umfassen, haben sich nur wenig verändert.

Die von den andauernd beschäftigten Eltern vernachlässigte Pünktchen und Anton, der als Schuhputzer Geld verdienen muss, um sich und die Mutter durchzubringen, wachsen in diesen gegensätzlichen sozialen Milieus auf. Sie setzen sich aber über diese Grenzen hinweg und halten zusammen. Gegen den unsensiblen Lehrer Herr Bremser, der nur die schlechten Leistungen Antons sieht, aber nicht ihre Ursachen, wie gegen den verräterischen, gleichaltrigen Klepperbein. Den sozialromantischen Schluss, als Pünktchens Eltern beschließen, Anton und seine genesende Mutter – als Ersatz für das gefeuerte Kinderfräulein – bei sich wohnen zu lassen, kann man heute anders deuten. Die Aufnahme von Flüchtlingen, wenn eine Wohnung leer steht, und die ehrenamtliche Unterstützung beim Lernen beispielsweise gehen in die gleiche Richtung. Wie häufig bei Kästner enthält die Erzählung mehr Fingerzeige in Richtung Erwachsene und ihre oft eingefahrene, geordnet wirkende Welt. Die Kinder sind diejenigen, die die Großen dazu bringen, sich zu bewegen und etwas zum Besseren zu verändern.

Das Original und seine Inszenierung

  • Erich Kästners Klassiker

    ist 1931 kurz vor der Machtergreifung der Nazis erschienen. Das Stück beschäftigt sich mit sozialem Ausgleich. Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich wird nicht aufgehoben, aber es stellt sich etwas mehr Gerechtigkeit ein.

  • Schulvorstellungen

    finden fast täglich im Velodrom in Regensburg statt: 29. November und 30. November um 9 und 11 Uhr; 1. Dezember um 9 und 11 Uhr; 3. Dezember um 14 und 16 Uhr. Weitere Infos gibt es im Netz unter www.theater-regensburg.de.

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