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Theaterkritik
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Bühne

Schwungvoller Harmoniegesang mit Gezänk

Das Theater Regensburg eröffnet die Freiluftsaison mit einer runden Inszenierung der Geschichte der Andrews Sisters.
Von Michael Scheiner, MZ

  • Die Künstler Gisa Flake, Fenja Schneider, Verena Maria Bauer und Sebastian M. Winkler (v.l.n.r.) boten ihren Zuschauern gute Unterhaltung. Foto: Martin Sigmund
  • Die singenden Schwestern, gespielt von Gisa Flake, Fenja Schneider und Verena Maria Bauer, auf der Bühne im Hof des Thon-Dittmer-Palais. Foto: Martin Sigmund

Regensburg.Waren bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts fast immer Eltern die treibende Kraft hinter „Girl Groups“, sind es ab den 90ern Agenturen und Casting-Shows, aus denen vokale Popgruppen, wie die Spice Girls oder die No Angels, hervorgegangen sind. Häufig mit dem Sexappeal eines perfekt kalkulierten Retortenprodukts. Die Andrews Sisters aus Minneapolis waren eine frühe amerikanische „Girl Group“ und neben den etwas älteren Konkurrentinnen der Boswell Sisters die Blaupause für viele andere weibliche Vokalgruppen, die nachfolgten. Auch sie wurden anfänglich von ihrer Mutter, einer Norwegerin, gefördert und der griechische Vater mischte kräftig mit, wenn es um Karriere und Einkommen der singenden Töchter ging.

Das ging so weit, dass er den jüdischen Manager des Terzetts mit einer Pistole bedrohte, als dieser seine mittlere Tochter heiraten wollte. In „Sisters of Swing – Die Geschichte der Andrews Sisters“ wirft die dramatische Episode ein erhellendes Licht auf das Verhältnis der jungen Sängerinnen untereinander und zu ihren Eltern. Am Wochenende erlebte die diesjährige Freiluftproduktion des Theater Regensburg im Hof des Thon-Dittmer-Palais ihre erfolgreiche Premiere. Der begeisterte Beifall ebbte nur deshalb einigermaßen rasch ab, weil die abendlichen Temperaturen lausig kalt waren. Immerhin ließen sich die stimmlich hervorragend harmonierenden LaVerne (Gisa Flake), Blondschopf Patty (Fenja Schneider) und Maxene (Verena Maria Bauer), als mittlere der Schwestern, zu „Mr. Sandman“ als Dreingabe hinreißen. Damit fiel die ansonsten sehr gelungene Inszenierung ein wenig aus dem Rahmen, denn der Sandmann ist eigentlich ein Welthit von den „The Chordettes“, einer Girl Group, die nach den Andrews Sisters entstanden ist.

Steiniger Weg

Es war eine steinige Entwicklung, welche den drei unterschiedlichen Schwestern von Ende der 30er bis in die 50er Jahre eine Bilderbuchkarriere ermöglichte. Höhen traten spät ein und Tiefen immer wieder. Davon erzählt das Stück, das im Aufbau an die typischen Musikfilme der 30er und 40er Jahre aus Amerika erinnert, der Zeit, in welcher die Andrews Sisters zu internationalen Stars geworden sind. Am Anfang stand ein Talentwettbewerb in ihrer Heimatstadt Minneapolis, den sie gewannen. Unter den Fittichen des Orchesterleiters Larry Rich (Sebastian Winkler) machten sie die Ochsentour durch kleine Städte und Bühnen, sinnbildlich in der Eingangsszene mit Koffern, Schirmen und in Mänteln dargestellt. Geschickt lässt Regisseur Uwe Schwarz anfänglich zwei Ebenen parallel laufen, das Leben der Mädels und ein Moderator, der Stückaufbau und Entwicklung von außen reflektiert und kommentiert. Mit dem vielfach gecoverten Evergreen „Bei mir bist du schoen“ landeten sie ihren ersten Millionenhit, dem etliche folgten, ausdrucksstark und schwungvoll interpretiert von den drei singenden Schauspielerinnen. Begleitet von einer kleinen, variablen Besetzung mit Michael Gottwald, Schlagzeug, Ralf Schurbohm, Piano, Robert Prill, Bass, und Florian Friedel, Posaune, versetzte das Trio das Publikum im Herzen der bayerischen Stadt in die Welt einer durchchoreografierten amerikanischen Swingshow.

Eifersüchteleien und Gezänk

Umrahmt von bunt flackernden Stars & Stripes stand im Ambiente eines Aufnahmestudios die künstlerische Karriere des Terzetts mit rund 20 Songs im Mittelpunkt. Dazwischen eingestreut zerrissen wüstes Gezänk der drei, Eifersüchteleien und Auseinandersetzungen über das Verhältnis zum autoritären Vater, das Heile-Welt-Bild, welches sie mit ihrer Musik nach außen boten. Zwar wirkte das vereinzelt etwas pflichtschuldig, ließ aber ein sehr menschliches Bild der Sängerinnen entstehen und bot einen winzigen Einblick in die Mechanismen des amerikanischen Showgeschäfts. Eine Parodie auf das aggressiv-regressive Nazideutschland mit Anleihen bei Charlie Chaplins „Der Große Diktator“ lenkte den Blick vor der Pause auf die kommenden Jahre. Die verbrachten die Andrews Sisters im Rahmen der amerikanischen Truppenbetreuung singend in Casinos weltweit, „dann gehen wir rüber ins Krankenhaus und singen für die Patienten in ihren Zimmern oder in den Fluren…“ oder vor einem einzelnen Beinamputierten, wie auf der Bühne im Thon-Dittmer-Palais.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben größere Erfolge aus. Die Inszenierung geht darüber hinweg und springt ins Jahr 1966, wo die gealterten Schwestern in grässlichen Babydoll-Kleidern und wunderbar hässlichen Frisuren einen letzten Auftritt haben, bevor die Älteste, LaVerne, an Krebs starb und das Terzett sich auflöste. Bei diesem Auftritt in der berühmten Johnny Carson (Sebastian Winkler) Show riss Benno Schulz mit einer kurzen Szene, in der er sekundenschnell zwischen mehreren Rollen – als Lou Levy, Bing Crosby, Vater Andrew – hin und her switchte, die Zuschauer fast von den Sitzen. Schon wegen dieser Szene lohnt sich der Besuch dieser überzeugenden Inszenierung. Was schmerzlich fehlte? Ein echter Kontrabass, E-Bass wurde in den 30er und 40er Jahren keiner gespielt.

Nächste Vorstellungen: Dienstag und Mittwoch 23./24. Mai, Freitag, Samstag und Sonntag, 2./3. und 4. Juni, Beginn jeweils 20.30 Uhr

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