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Theaterkritik
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Uraufführung

Vertrackter Krimi: „Nord West 59“

Das Theater Regensburg zeigt die Verstrickung in Schuld und Sühne: beeindruckend, manchmal aber auch überfordernd.
Von Peter Geiger

Die Akteure in „Nord West 59“ (von links: Zeynep Buyraç, Josef Simon und Deniz Baser) folgen präzise dem Weg in den Abgrund. Foto: Jochen Klenk/Theater

Regensburg.Zunächst meint man: Das ist ein Stoff, aus dem auch ein Krimi gestrickt sein könnte. Einer von der Sorte „SOKO Wien“, beispielsweise. Oder ein guter „Tatort“. Und das ist tatsächlich sehr ernst gemeint – und keineswegs ein mit biegsamer Hintertürchen-Mechanik ausgestatteter Satz.

Im Zentrum steht Mika (sehr souverän seine Naivität vorführend: Deniz Baser). Der ist Marionettenspieler und wurde dabei erwischt, wie er einer Flüchtlingsfamilie zum Grenzübertritt verhalf. Wegen angeblicher Schlepperei wurde er verurteilt, zu eineinhalb Jahren Gefängnisstrafe. Die 5000 Euro, die im Handschuhfach gefunden wurden, dienten dem Gericht als Beweismittel. Dass seine Gattin Conny (restlos überzeugend in ihrer Verblendung: Zeynep Buyraç) aber einen Zweitschlüssel für seinen Lieferwagen hatte, darüber schweigt er sich aus.

Nach seiner Freilassung ist Conny mit Flo (unbeirrt und unbeirrbar: Josef Simon), seinem nun ehemals besten Freund, liiert. Und der Gefängniskumpel Mats (lächelt als Bösewicht alle Anfeindungen freundlich-zynisch zugrunde: Robert Herrmanns) verlangt 5000 Euro von Mika dafür, weil er die Haft körperlich unbeschadet überstehen konnte. Mika, dem unschuldig Verurteilten, steht nunmehr endgültig alles Schmutzwasser dieser Welt bis zur Oberkante seines einst so reinen Oberstübchens und fließt ihm munter durch die Halskrause. Deshalb folgt er dem Ratschlag von Mats und entführt Aynur, die (auf der Bühne gar nicht erscheinende) Tochter von Alia (glaubhaft angsterfüllt: Verena Maria Bauer) und Rashid (glaubhaft wütend: Philipp Quest) in die Gartenlaube mit der Adresse „Nord West 59“.

Nach 80 Minuten hat das Schicksal das Ziel seiner finsteren Launen erreicht. Und einer ist tot. Weil ihn ein anderer abgestochen hat.

Allenfalls erahnbar

So weit, so gut also, möchte man meinen. Autor Lorenz Langenegger aber setzt textkompositorisch auf eine Art von Cut-up-Technik. Er wirft die Erzählfäden so aus, dass die Sprechrollen wie Infopakete daherkommen, oft zeitlich ungeordnet oder auch unsortiert, wie entgegenkommende Federbälle, die – entsprechend hart aufschlagen – wie eine Flugpostwurfsendung auf die Rezeptionsorgane des Publikums treffen. Es stellt sich so etwas wie systemische Überforderung ein. Man weiß zwar: Es gab einen Justizirrtum, der einen braven Familienvater und talentierten Künstler aus der Bahn geworfen hat. Und der erst zum Straftäter geformt wurde, als er schon gänzlich weichgekocht war. Und nach allen Regeln der Rechtspflege durch die Justizmühlen gedreht worden war. Aber diese Mechanismen des offenkundig inkriminierten Rechtsprechungsapparats wie auch das angedeutete Flüchtlingsdrama – irritierenderweise bleibt das alles allenfalls erahnbar.

Die Akteure in „Nord West 59“ (von links: Deniz Baser, Robert Herrmanns) folgen präzise dem Weg in den Abgrund. Foto: Jochen Klenk/Theater

Weshalb man jetzt mutmaßen könnte: Setzt der Rezensent nun an, zum endgültigen Todesstoß? Und verdammt die gesamte Inszenierung von Regisseurin Charlotte Koppenhöfer in Bausch und Bogen? Nein, das tut er nicht. Würde er dann doch glatt all jene spielerischen Elemente ausblenden, die diese bild- und metaphernstarke Übertragung (Federbälle!) auf die Bühne (Julie Weideli) so sehenswert machen. Und weil dieses frontale Auftreten der einzelnen Figuren, diese Verweigerung von Auge-in-Auge-Kommunikation, unter zusätzlichem Einsatz von atmosphärischen Filmsequenzen (Arpad Dobriban) und minimalelektronischen Musikinterventionen (Paul Neidhart) eine so fulminante Zusatzdimension entfalten, die weit hinausweist über bloße Fragen des Plots. Das lässt inhaltliche Mäkeleien vergessen.

Sprechopernhafter Text

Was die sechs Schauspieler hier als geschlossene Ensembleleistung abliefern, ist von manufakturhafter Präzision und folgt einer eigenen Mechanik, die die Abwärtsbewegung des Protagonisten konterkariert. Je tiefer Mika versinkt, im moralischen Strudel, umso kompakter steht das im Schuld- und Sühnekonglomerat verstrickte und verbackene Team – alle in helles Silbergrau oder Unschuldsweiß gekleidet (Kostüme: Maria Preschel) – zusammen. Und arbeitet den sprechopernhaften Text ab, mit dem unbedingten Willen zur Perfektion.

Am Schluss muss niemand verärgert den Kopf schütteln, aus Verzweiflung, einen Samstagabend mit Fernsehkrimi verpasst zu haben, sondern darf sich freuen darüber, bereichert worden zu sein: um eine beeindruckende Theatererfahrung der synästhetischen Art.

Autor und Regisseurin

  • Lorenz Langenegger,

    Jahrgang 1980, schreibt Romane, Theaterstücke und Drehbücher für den Schweizer „Tatort“.

  • Charlotte Koppenhöfer

    aus Wien hat eine Reihe Preise erhalten. Die Theaterregisseurin arbeitete auch für den „Tatort“. Für Amnesty International ist sie als Menschenrechtsvermittlerin an Schulen tätig.

Charlotte Koppenhöfer inszenierte in Regensburg auch „Bilder von uns“.

Außerdem führte sie in Regensburg Regie bei „Caligula“ und bei „The King’s Speech“.

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