Achtung, Kreischalarm - beim Internationalen Filmfestival von Cannes, das vom 16. bis 27. Mai stattfindet, kommt die Generation "Twilight" ganz auf ihre Kosten: Über den roten Teppich gehen 2012 unter anderem Robert Pattinson, Kristen Stewart, "High School Musical"-Star Zac Efron und "Transformers"-Held Shia LaBeouf, um sich in Wettbewerbsfilmen der Jury unter Vorsitz von Nanni Moretti zu stellen. Ermöglicht wird die starke Präsenz dieser Jungstars, die an der Croisette auf die ganz Großen Hollywoods wie Brad Pitt, Nicole Kidman oder Reese Witherspoon treffen, durch einen starken amerikanischen Schwerpunkt. "Das US-Kino ist wieder zu Kräften gekommen", kommentiert Festivalleiter Thierry Frémaux die Auswahl.
Das immense Staraufgebot im Wettbewerb statt in Blockbuster-Premieren steht der 65. Ausgabe des Festivals gut. Auf Kuschelkurs geht Cannes deswegen noch lange nicht - die ausgewählten Filme fordern Cineasten, die sich auch radikalen Bildern, Sex und Gewalt stellen wollen. Der größte Ansturm auf die Tickets steht sicher bei David Cronenbergs Don-DeLillo-Verfilmung "Cosmopolis" (Kinostart: 5. Juli) bevor. Hier befreit sich Robert Pattinson als gefühlskalter Multimillionär, der sich durch Manhattan treiben lässt, von seinem Vampir-Image. Pattinsons Freundin und "Twilight"-Liebe Kristen Stewart hingegen macht in "On The Road - Unterwegs" (Regie: Walter Salles) auf Beatnik und bricht mit Sam Riley zum Roadtrip auf.
Während sich das Publikum von "On The Road - Unterwegs" (Kinostart: 4. Oktober) gemäß der Romanvorlage von Jack Kerouac auf Sex, Drugs und Jazz einstellen kann, ist beim Eröffnungsfilm absurde Situationskomik zu erwarten - schließlich stammt der Pfadfinder-Suchtrip "Moonrise Kingdom" von Wes Anderson, dem Regisseur von "Royal Tenenbaums" und "Darjeeling Limited". Der mit Bruce Willis, Edward Norton, Bill Murraay und Tilda Swinton hochkarätig besetzte Festivalauftakt konkurriert übrigens auch um die Goldene Palme - und startet in Deutschland schon am 24. Mai, bevor diese überhaupt verliehen ist.
Apropos höchste Ehren in Cannes: Unter den 22 Filmen im Wettbewerb - keiner übrigens von einer Frau - sind viele Dauergäste und Palmengewinner. Michael Haneke, der 2009 mit "Das weiße Band" den Preis holte, widmet sich nun mit "Liebe" (Start: 22. September) der Beziehung eines alten Ehepaars, das durch einen Schlaganfall auf die Probe gestellt wird. Ebenfalls eine Goldene Palme konnte der Rumäne Cristian Mungiu 2007 für das Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" ergattern. Jetzt kehrt er mit dem in einem Kloster spielenden Drama "Beyond The Hills" in den Wettbewerb von Cannes zurück.
Abbas Kiarostami, Regisseur des Palmen-prämierten Films "Der Geschmack der Kirsche" (1997), tritt in diesem Jahr mit der in Japan gedrehten Geschichte "Like Someone In Love" an. Für den Iraner ist es die fünfte Einladung in den Wettbewerb. Das kann Ken Loach, der für das sozialkritische Kino Englands steht und 2006 mit "The Wind That Shakes the Barley" die höchste Auszeichnung der traditionsreichen Filmfestspiele gewann, noch toppen: Der 75-Jährige ist mit "The Angels' Share" zum elften Mal im Wettbewerb dabei.
Jacques Audiard wartet noch auf seine Goldene Palme: Zuletzt konnte er sich 2009 mit "Ein Prophet" zwar nicht gegen den Gewinner Haneke durchsetzen, allerdings die Gunst und den Großen Preis der Jury gewinnen. Auf sein neustes Werk "Rust and Bone" dürfen die Cannes-Cineasten entsprechend gespannt sein: Oscarpreisträgerin Marion Cotillard ("La Vie en Rose") spielt eine Frau, die bei einem Unfall ihre Beine verliert und durch einen sehr gegensätzlichen Mann zurück ins Leben findet.
Den Platz des sperrigsten Regisseurs nimmt im Jahr eins nach der berüchtigten Lars-von-Trier-Pressekonferenz wohl Leos Carax ("Pola X") ein: Nach einigen Rückschlägen konnte er "Holy Motors" realisieren und schaffte es zurück ins Rampenlicht des Festivals. Sein Stammschauspieler Denis Lavant mimt einen geheimnisvollen Mann, der durch mehrere parallele Leben reist - als Mörder, Bettler und Geschäftsführer. Interessant ist hier auch die Zusammenstellung des Casts: Eva Mendes, Kylie Minogue und Michel Piccoli wurden besetzt.
Für die Deutschen bleibt auch 2012 wieder einmal nur die ewige Klage, nicht im Wettbewerb vertreten zu sein. Beim Deutschen Empfang am Strand wird der Kulturstaatsminister Bernd Neumann sicher wieder die richtigen Worte dafür finden. Die Ehrenrettung von Regieseite übernimmt Fatih Akin mit seiner in einer Spezialvorführung gezeigten Dokumentation "Müll im Garten Eden" über den geplanten Bau einer Mülldeponie vor den Toren des Dorfs, in dem seine türkischen Großeltern leben. Und vielleicht kann es ja auch der Nachwuchs richten. Eicke Bettinga darf sich mit seinem Kurzfilm "Gasp" Hoffnung auf die Palme d'or du court métrage machen.
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