Man ist fast ein wenig enttäuscht, dass er nüchtern ist. Denn die Interviews, die Rhys Ifans im angetrunkenen Zustand gibt, sollen die besten sein. Doch auch ohne vorherige Stärkung aus der Flasche ist der Waliser, der zuletzt die Hauptrolle in Roland Emmerichs Shakespeare-Thriller "Anonymus" spielte, beim Interview zu "The Amazing Spider-Man" (Start: 28.06.) gut gelaunt. Spider-Mans Gegenspieler gibt der 44-Jährige in der Comic-Verfilmung; den einarmigen Wissenschaftler Dr. Curt Connors, der im Rahmen eines missglückten Experiments zur wütenden Echse mutiert. Eine Herausforderung in vielerlei Hinsicht, verrät der Hobby-Rocker, der mit Lederjacke und zwei Goldketten im Berliner Hotel Adlon auftaucht.
teleschau: Mr. Ifans, es heißt, dass Sie schon seit langer Zeit großer Fan der Spider-Man-Comics seien.
Rhys Ifans: Das ist richtig.
teleschau: Dann Hand aufs Herz: Welche Figur aus dem Spider-Man-Universum hätten Sie gespielt, wenn man Ihnen freie Wahl gelassen hätte?
Ifans: Ob Sie es glauben oder nicht, die wäre tatsächlich auf Dr. Curt Connors gefallen. Ich mag ihn, weil er von allen Spider-Man-Gegnern der komplizierteste und der menschlichste ist.
teleschau: Inwiefern?
Ifans: In den Comics lernt man Connors als Wissenschaftler kennen, der vielleicht ein wenig verrückt ist, aber eigentlich gute Absichten hat: Er als Einarmiger will ein Verfahren entwickeln, mit dem er nicht nur seinen eigenen Körper wieder vervollständigen kann, sondern von dem auch der Rest der Welt profitieren würde. Schließlich kehren täglich junge Männer aus Kriegsgebieten zurück, die Gliedmaßen eingebüßt haben. Darum war mir wichtig, dass das Publikum so lang auf Connors' Seite ist, bis sein Therapie-Selbstversuch ein verheerendes Ergebnis zeigt - nämlich "Die Echse", das Monster. Die Zuschauer sollenn erkennen, das in jedem von uns ein Monster schlummert.
teleschau: Wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde?
Ifans: Zum Beispiel. Aber es gäbe noch viele andere Beispiele in der Mythologie. Eigentlich macht Hollywood in Superheldenfilmen ja nichts anderes, als uralte Themen der griechischen und nordischen Mythologie in unsere Zeit zu übertragen. Wir treffen bestimmte Charaktere im Kino immer wieder, weil sie jede Generation ansprechen.
teleschau: Versuchen Sie gerade der Frage vorzubeugen, ob es nicht ein bisschen früh ist, eine neue "Spider-Man"-Reihe zu beginnen?
Ifans: Ich habe kein Problem mit Neuauflagen. Jeder großartige Rock'n'Roll-Song wird immer und immer wieder gecovert, einfach weil er immer wieder berührt.
teleschau: Ihre Figur Dr. Connors spricht im Film oft von der Schwäche des Menschen. Was wäre Ihre größte?
Ifans: (lacht) Ich glaube, ich rauche zu viel.
teleschau: Haben Sie schon probiert, diese Schwäche zu überwinden?
Ifans: Nein, bisher nicht. Ich bin zu beschäftigt.
teleschau: ... mit intensiver Rollenvorbereitung beispielsweise. Sie sollen das Leben als Einarmiger ausgiebig geübt haben - mit dem rechten Arm auf den Rücken gebunden.
Ifans: Das stimmt. Ich unterhielt mich vor Drehbeginn mit vielen Menschen, die einen Arm verloren haben. Ich lernte von ihnen, dass man nach der Überwindung des Traumas großes Geschick entwickelt, sich als Einarmiger in einer Welt zurechtzufinden, die für Zweiarmige gemacht wurde. Das kann soweit gehen, dass sie sich Partytricks ausdenken, die mit zwei Händen nicht durchführbar wären.
teleschau: Sind Sie im Selbstversuch so weit gekommen?
Ifans: Ich war schon sehr zufrieden mit mir, als ich mir einhändig eine Krawatte binden konnte!
teleschau: Was fiel Ihnen einarmig besonders schwer?
Ifans: (grinst) Klatschen.
teleschau: Wenn Sie im Film nicht gerade einarmig die Welt verbessern wollen, machen Sie sie in Gestalt einer großen Echse kaputt. Mochten Sie Ihr Monster?
Ifans: Nunja, es ist schon irgendwie cool, in der Lage zu sein, ein Taxi über die Brooklyn Bridge zu werfen.
teleschau: Motion-Capture-Technologie macht's möglich ... Erkennen Sie sich selbst unter den vielen computeranimierten Schuppen überhaupt wieder?
Ifans: Absolut! Früher bekam man bei Motion-Capture-Drehs sechs oder sieben Referenzpunkte ins Gesicht geklebt, um Mimik aufzuzeichnen - da war es schon schwieriger, seine eigenen Züge zu sehen. Aber die Technologie ist mittlerweile so weit, dass mir zum Übertragen meiner Mimik bis zu 3.000 Referenzpunkte ins Gesicht gesprüht wurden. 3.000 ultraviolette Punkte! In einem Nachtclub wäre ich ein Star gewesen.
teleschau: Waren Sie bei den Action-Szenen der Echse eigentlich nur Zuschauer?
Ifans: Das habe ich versucht. Aber als ich mir am Set eine Szene ansah, in der ich gedoubelt wurde, meinte ich zu Regisseur Marc Webb: "Nein, so bewegt er sich nicht." Damit habe ich mir viel zusätzliche Arbeit eingebrockt ...
teleschau: Worauf ist denn zu achten, wenn man sich wie ein CGI-Monster bewegen will?
Ifans: Nunja, man muss beim Verlassen eines Raumes gewisse Vorsicht walten lassen, wenn man einen drei Meter langen Schwanz hinter sich herzieht ...
teleschau: Und in einem dieser Räume, in dem die Echse wütet, stand Spider-Man-Erfinder Stan Lee für seinen Cameo-Auftritt bereit.
Ifans: Ich war so nervös vor dieser Szene. Stan Lee ist ja quasi Gott, als Echse traf ich mit ihm meinen Schöpfer. Das versuchen Christen seit Jahrhunderten! An einem der Drehtage, als ich gerade halb Mensch und halb Reptil war, kam er in meinen Wohnwagen und meinte: "Gute Arbeit." In dem Moment war die Welt für mich in grünes Licht getaucht.
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