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Freitag, 4. September 2015 21° 3

ABC-Inseln

Liebesgrüße aus Klein-Amsterdam

Für Karibik-Fans die schönste Art, das Alphabet zu buchstabieren: A wie Aruba, B wie Bonaire, C wie Curaçao – ein Inselglück zum Abtauchen
VON MANFRED KUNST

Wer durch die Schwingtür von „Charlie’s Bar“ in San Nicolas tritt, blickt verblüfft auf ein höchst originelles Sammelsurium. Decke und Wände sind über und über behängt mit verbeulten Kfz-Kennzeichen, Schiffsglocken, verstaubten Bikinioberteilen, Baseballmützen und abgewetzten Cowboystiefeln. Der inzwischen verstorbene Barbesitzer Charlie Brouns hatte vor Jahrzehnten den Einfall, Gäste zu bitten, ein persönliches Andenken an die Wand zu pinnen.

Bevor wir ein passendes Souvenir zur Hand haben, drängt Ruben zum Aufbruch. Der einheimische Guide führt über die kleine Insel, die zusammen mit ihren Schwestern Bonaire und Curaçao ein Dreiergespann bildet, das kurz und prägnant ABC-Inseln heißt. Vierzig Kilometer vor der Küste Venezuelas schwimmt das Trio im Karibischen Meer. Was die winzigen Eilande von anderen unterscheidet: Sie sind staubtrocken und sonnenverwöhnt. Und sie wirken mit ihren bunten Giebelhäusern, Windmühlen, Landhäusern und Brücken wie eine tropische Filiale des Mutterlandes Holland .

Eine glückliche Insel

„One happy Island“, so lautet Arubas Wahlspruch. Und mit „Bon Bini – herzlich willkommen!“ werden Besucher schon bei der Einreise begrüßt. In der Tat ist es kein geschäftstüchtiges, sondern ein ehrliches Lächeln, das die Bewohner – Europäer, Südamerikaner und Nachkommen afrikanischer Sklaven – ihren Gästen entgegenbringen. Etwa in den Straßen der Hauptstadt Oranjestad, einem karibischen Disneyland aus Shoppingzentren und bonbonfarbenen Giebelhäusern im Zuckerbäckerstil. Von babyrosa bis himmelblau leuchten auch Casinos, Bars, Discos, Uhrtürme und die Marktstände im Hafen.

Straßennamen wie Wilhelmina Straat und Beatrix Straat lassen unschwer die holländischen Wurzeln erkennen. Eigentlich war die Insel 1499 von dem Spanier Alonzo Ojeda entdeckt worden, jedoch glaubten die ersten Eroberer, dass sie unfruchtbar sei und zogen sich wieder zurück. 1634 ließen sich niederländische Seefahrer auf der vergessenen Insel nieder und blieben – abgesehen von einem Intermezzo der Briten – bis heute. Mit dem Mutterland ist Aruba heute durch einen „Status Aparte“ verbunden, der der Insel weitgehende Autonomie ermöglicht. Die schlauen Insulaner ließen sich dabei ein Hintertürchen offen: Das Abkommen sichert ihnen Finanzspritzen aus Den Haag zu, falls der Tourismus mal nicht mehr floriert.

Günstige iPods und Kameras

Noch darf der Finanzminister im fernen Holland aber ruhig schlafen. Täglich spülen bis zu drei Kreuzfahrtschiffe Tausende von amerikanischen Tagestouristen an Land. Innerhalb kürzester Zeit wimmelt es in allen Shopping Malls von Sandalenträgern in Bermuda-Shorts. Kein iPod und keine Digitalkamera ist vor ihnen sicher, denn Aruba wurde zur Freihandelszone erklärt – mit weitaus günstigeren Preisen als man sie aus Phoenix oder Denver gewohnt ist.

Dauerurlauber, davon immer mehr Gäste aus Europa, erleben die wahren Reize der kleinen Insel – feinsten Korallensand und wogende Palmen ohne Ende. Eagle Beach, Palm Beach, Bay Beach, allesamt so, wie man sich Karibikstrände in seinen Träumen vorstellt. Dahinter reihen sich komfortable Hotels und Cocktail-Bars. Und wenn man mal genug hat vom prickelnden Sand, gibt’s Dutzende von Ausflugsmöglichkeiten: Segeltrips zum Schnorcheln und Träumen, Tauchbootausflüge ans Riff. Nach Sonnenuntergang stechen Piratenschiffe in die samtweiche Tropennacht. Nicht verpassen sollte man auch das Bon-Bini-Festival im alten Fort Zoutman. In einem Crashkurs lernt man nicht nur mehrere Varianten der temperamentvollen Inselmusik kennen, wer will, kann auch selbst bei Salsa-Rhythmen den Hüftschwung proben.

Was Strand-Fans freut: Alle Sehenswürdigkeiten auf Aruba (180 Quadratkilometer, 106000 Einwohner) liegen dicht beieinander und sind an einem Tag abgehakt: California-Leuchtturm, die Kapelle Alto Vista zwischen hoch aufragenden Säulenkakteen, ein vielfotografierter Felsbogen namens „Natural Bridge“. Der Rundfahrtbus von Ruben rumpelt mit uns auch durch den wüstenähnlichen Arikok-Nationalpark zur Fountain-Höhle. Indianische Ureinwohner haben hier in grauer Vorzeit Zeichnungen in den Fels geritzt. Nun hat das hundert Meter lange Gängesystem andere Bewohner – abertausende von Fledermäusen, die in der Dunkelheit leise fiepen.

Wer A sagt, muss auch B sagen: Eine Propellermaschine bringt uns nach Bonaire, der zweitgrößten, aber touristisch am wenigsten erschlossenen Insel (288 Quadratkilometer, 13400 Einwohner). Beim Klang dieses Namens bekommen auch Taucher glänzende Augen. Im kristallklaren Wasser des „Marine National Parks“ warten gigantische Korallengärten, tummeln sich unzählige bunte Fische.

Natur, Ruhe und Harmonie bietet die Insel auch auf festem Boden. Durch die Kakteensteppe ziehen Wildesel, durch Binnenseen staken rosafarbene Flamingos, und über staubige Pisten huschen Eidechsen und grüne Leguane. Zum Schutz vor gefräßigen Ziegen haben Farmer Zäune aus Kakteen wachsen lassen. Verträumt der Hauptort Kralendijk: Eine hübsche Promenade zieht sich drei Kilometer am Meer entlang, führt am Fischerhafen, einer kleinen Markthalle und dem knallgelben Oranje- Fort vorbei.

Der dunkelhäutige Chauffeur Kaya ist bereit, uns für 50 Dollar mit dem Taxi über die Insel zu kutschieren. Sein Großvater, so erzählt er, sei noch Sklave gewesen, der unter glühender Sonne in den Salzpfannen der Insel schuften musste. Als erstes fährt er uns zu den winzigen Hütten, wo seine Vorfahren einst ihr Dasein fristeten. Seit ein paar Jahren steht die kleine Siedlung unter Denkmalschutz.

Wir möchten unbedingt den Washington Nationalpark sehen, doch Kaya runzelt die Stirn. Schließlich lässt er sich doch erweichen und steuert den Wagen in den Norden der Insel. Die Pisten sind von Schlaglöchern übersät, dass unser Chauffeur schlicht Angst um seine Stoßdämpfer hat. Doch die holprige Fahrt lohnt sich: An den Ufern der Binnenseen rasten tausende von Flamingos, Reihern und Pelikanen. Auch den bis zu einem Meter großen Grünen Leguan entdeckt man im Unterholz.

Die Dritte im Bunde ist die Likörinsel Curaçao (444 Quadratkilometer 142000 Einwohner). Früher gehörte er zu jeder Hausbar – der blaue Curaçao-Likör. Insel-Urlauber können sich im Landhuiz Cholobolo zeigen lassen, wie die hochprozentige Spezialität aus Karamel, Zucker und Bitterorangen hergestellt wird.

Brücke führt in eine andere Welt

Mondsichelförmige Strände verstecken sich an der Südwestküste. Weithin sichtbar thronen auf grünen Hügeln bunte Plantagenhäuser, die „Landhuizen“. Alle Straßen auf der Insel führen letztlich nach Willemstad. Das kunterbunte „Klein-Amsterdam“ wurde von der Unesco zur Gänze zum Weltkulturerbe erklärt. Verspielte Kaufmannshäuser und Villen prägen die Straßen, bunter Stuck und anderer Zierrat künden vom Reichtum der ehemaligen Bewohner.

Durch quirlige Gassen bummeln wir zum „Schwimmenden Markt“ und bis zum Fort Amsterdam, das seit 1641 über die Einfahrt des Hafens wacht. Mittags-Imbiss im „Marché“, der alten Markthalle. Schmackhafte kreolische Gerichte wie Stoba (Eintopf aus exotischen Früchten) werden hier auf offenem Feuer zubereitet. Wer danach gestärkt über die „Swinging Old Lady“, die schwimmende Königin-Emma-Brücke, hinüber zum Stadtteil Otrabanda spazieren möchte, braucht oftmals Geduld. Wenn Schiffe passieren wollen, wird die Brücke komplett zur Seite geschwenkt. Auf der gegenüberliegenden Seite eine andere Welt – dort lebt die Bevölkerung schwarzafrikanischen Ursprungs. Über ihre „Roots“, über Seefahrt, Inselgeschichte und Sklavenhandel, informiert ein kleines aber feines Museum im Kura Hulanda Hotel unweit der Brücke.

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