Regina Nützel betreut jede Woche Nachbarskind Sarah. Foto: Stöcker-Gietl
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ
Regensburg. Im Trampolin ist gerade was los. Wer kann wie hoch hüpfen und wer schafft den Überschlag? Regina Nützel lächelt. Das wilde Gerangel stört sie nicht. Denn Kinderlärm gehört in diesem Haus dazu, ist sogar erwünscht. Die 82-jährige Seniorin ist seit 2009 im Projekt Generationenübergreifendes Wohnen im Regensburger Stadtteil Burgweinting zuhause. Jung und Alt helfen einander unter einem Dach, das ist die Idee, die dahintersteht. Es ist das erste Projekt dieser Art in Ostbayern. Und bisweilen eine turbulente Form, seinen Lebensabend zu verbringen, wie Regina Nützel in den drei Jahren festgestellt hat.
Wie will ich im Alter wohnen? Diese Frage hat sich die ausgebildete Kirchenmusikerin schon vor über 20 Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, gestellt, doch weil sie sehr fit war, gab es keinen Grund, sich zu verändern. So lebte Regina Nützel in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung und ging ihrem Beruf als Organistin nach. Abends besuchte sie mit Freundinnen Konzerte. Einsam, sagt sie, habe sie sich nie gefühlt. Doch als sie 2008 ihren Beruf aufgab, da dachte sie verstärkt darüber nach, wie es in ihrem Leben nun weitergehen sollte. „Schließlich wollte ich im Alter nicht irgendwo alleine sitzen.“ Als sie vom Bau des generationenübergreifenden Wohnprojektes hörte, meldete sie sich sofort und gehörte zu den ersten Mietern, die einzogen.
Dienstags ist Oma-Tag
Es klingelt an der Tür. Nicht das erste Mal an diesem Tag. Aber Regina Nützel ist das gewöhnt. „Am Morgen ist es meine Freundin, um mir die Zeitung zu bringen und zu schauen, ob es mir gut geht“, sagt die Rentnerin. Ein Kontrollsystem, das alle älteren Bewohner im Haus pflegen. Beim nächsten Klingeln geht es für Regina Nützel zum Sport, zum Musizieren oder in die Italienischgruppe und dienstags steht nach der Schule die achtjährige Sarah vor der Tür. Dann ist die 82-Jährige mit Leib und Seele Oma für das Nachbarskind. Kochen, Hausaufgaben machen, spielen und musizieren gehören zum Betreuungsprogramm. Regina Nützel genießt das, denn ihre eigenen Enkel wohnen alle weit weg. Und für die alleinerziehende Mutter von Sarah ist die Hilfe der Seniorin überaus wertvoll.
31 Wohnungen mit zwei bis vier Zimmern sowie ein Gästeappartement gibt es in der Anlage. Die Bewohner gehören zu einem Drittel der älteren Generation an, zu einem Drittel der mittleren Generation und zu einem Drittel sind es junge Familien mit Kinder. Gerade bei den Familien gibt es immer wieder mal einen Wechsel, weil sich Nachwuchs angekündigt hat oder sich die Lebenssituation verändert. Wer als Mieter nachfolgt, bestimmt die Hausgemeinschaft mit. „Wir legen großen Wert darauf, dass sich alle Bewohner in die Gemeinschaft einbringen“, sagt Nützel. Wem der freitägliche Kaffeeklatsch im Gemeinschaftshaus, ein Engagment in Putztruppe oder Gartengruppe nicht zusagen, der ist in diesem Wohnprojekt an der falschen Adresse. Verlangt wird auch die gegenseitige Unterstützung. „Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, braucht Hilfe beim Einkaufen, wer mit Kindern berufstätig ist, muss bei der Betreuung Hilfe erfahren“, sagt Regina Nützel. Meist funktioniert das System sehr gut. Wer Helfer sucht, macht einen Aushang am blauen Brett. „Wer baut mir ein Schränkchen zusammen? Biete als Vergütung einen selbstgebackenen Kuchen“, steht dort zum Beispiel geschrieben. „Alle Generationen profitieren von diesem Miteinander“, sagt Regina Nützel.
Pflegebedürftigkeit wird ein drängendes Thema
Im Gemeinschaftshaus duftet es nach Kaffee. In der Küche steht Christina und schneidet den Kuchen in Stücke. Wie alle Bewohner wird auch sie mit Du und dem Vornamen angesprochen. Man sieht der älteren Dame an, dass ihr gerade eine Laus über die Leber gelaufen ist. Die Unordnung, die von mehreren Bewohnern im Gemeinschaftshaus hinterlassen wurde, bringt sie richtig in Rage. „Es ist in unserer Wohnanlage nicht anders als in einer Familie, natürlich gibt es auch hier Konflikte“, sagt Regina Nützel. Dann wird darüber gesprochen. Unter vier Augen, in wichtigen Angelegenheiten auch in der Mietervertretung.
Die Sozialgruppe beschäftigt derzeit noch ein anderes Thema. Wie gehen wir damit um, wenn Bewohner pflegebedürftig werden? „Bislang waren alle fit, doch nun zeichnet sich ab, dass die ersten Mieter mehr Hilfe brauchen“, sagt Regina Nützel. Eine Rund-um-die-Uhr-Pflege wird es unter dem Dach dieses Projektes aber nicht geben können. Und so schließt auch Regina Nützel nicht aus, dass sie in ihrem Alter noch einmal umziehen muss. „Aber solange ich einigermaßen zurecht komme, möchte ich hier bleiben. Denn eigentlich ist diese Wohnform für mich perfekt.“
Informationen kompakt
Im generationenübergreifenden Wohnprojekt zahlen die Mieter die für Regensburg ortsübliche Miete. Sie richtet sich nach Größe und Austattung der Wohnung. Darüber hinaus zahlt jeder Mieter im Monat 25 Euro Miete für den Gemeinschaftsraum. Weitere Leistungen wie Kuchenbacken für die freitäglichen Treffen oder Gartenarbeit werden verlangt.
Geboten wird ein interessantes Wohnumfeld durch die generationenübergreifende Ausrichtung, viele gemeinsame Aktivitäten, gegenseitige Hilfe.
Geeignet ist das Angebotz nur für rüstige Senioren, die keinen weiterreichenden Pflegebedarf haben.