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Der ewige Gewinner

Mythos, Kultfigur, Ikone: „Kaiser“ Franz Beckenbauer wird 60Von Heinz Gläser, MZ

Vom Giesinger zum Weltbürger: Franz Beckenbauer Fotos: ddp, Sven Simon, dpa (5)

Es ist der Vorabend des WM-Endspiels zwischen Argentinien und Deutschland. 28. Juni 1986. Teamchef Franz Beckenbauer lehnt sich im feudalen Hotel „Mansion Galindo“, dem WM-Quartier der Fußball-Nationalmannschaft in Mexiko, entspannt zurück und gewährt einem deutschen Nachrichtenmagazin ein Interview, in dem er den Verlauf dieser Welttitelkämpfe Revue passieren lässt. Unvermittelt, so erinnert sich „Spiegel“-Autor Jürgen Leinemann, sei der „Kaiser“ in schallendes Gelächter ausgebrochen, habe sich fast nicht mehr eingekriegt: „Einfach unfassbar. Das muss man sich mal vorstellen: Vielleicht sind wir morgen Weltmeister! Mit Eder, mit Jakobs, mit Briegel…“

Weltmeister wird Argentinien. So ganz reicht es also nicht für Norbert Eder, Ditmar Jakobs, Hans-Peter Briegel – und eben Beckenbauer. Den Begriff „Rumpelfüßler“ für spieltechnisch minderbemittelte Fußballprofis prägt Letzterer erst viel später, anlässlich der Katastrophen-EM 2000 in Holland und Belgien. Während des Turniers in Mexiko 1986 spricht der Teamchef unter anderem eine Morddrohung gegen einen deutschen Boulevard-Journalisten aus und schmeißt den renitenten Ersatztorhüter Uli Stein aus dem WM-Quartier, weil ihn dieser respektlos als „Suppenkasper“ tituliert. An dieser Stelle sei nicht verschwiegen, dass damals nicht wenige Steins Ansicht zuneigen.

Nun wird er also 60. An diesem Sonntag. Franz Beckenbauer – „Mythos, Kultfigur, Ikone der Neuzeit“ (Frankfurter Rundschau), „Tausendsassa und Fußballgott“ (Züricher Sportmagazin), „nationales Maskottchen und gefühlter Präsident“ (Süddeutsche Zeitung) und immer wieder „Lichtgestalt“. Oder schlicht der „Firlefranz“. Dieses Etikett verpasst ihm Leinemann im „Spiegel“, es bleibt haften und ist nicht despektierlich gemeint. Vielmehr erlebt Leinemann, der sich in seinem eigentlichen Aufgabengebiet als Politik-Reporter stets von Staatsschauspielern, Charaktermasken, Wichtigtuern und Betonköpfen umstellt sieht, Beckenbauer als angenehm authentisch, unverfälscht.

Der Franz spricht eben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er sei „der Einzige in Deutschland, der sich innerhalb von fünf Tagen 27 Mal widersprechen darf“, höhnt Hannovers Trainer Ewald Lienen. Natürlich. Weil Beckenbauer mit seinem gewinnenden Lächeln, einer staatsmännischen Attitüde, seiner liebenswürdigen Art, einem jovialen „Ja, gut…“ und einem lausbübischen „Schau mer mal…“ jeden Ärger ins Leere laufen lassen kann wie früher auf dem Platz die Gegenspieler. „Der Mann hat kein Unrechtsbewusstsein, weil er seinen Worten weit weniger Bedeutung beimisst, als seine Umgebung es tut“, vermutet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Er kann auch anders. Dann mutiert der Bauchmensch Beckenbauer schon mal zum wilden Kaiser. Nach dem WM-Viertelfinale 1990 gegen die Tschechoslowaken brüllt er trotz des 1:0-Sieges in der Kabine Jürgen Klinsmann derart an, dass dieser „befürchtet, mein Trommelfell fliegt raus“.

Dass Beckenbauer das WM-Finale 1986 verliert – und sich anschließend unwirsch dem einnehmenden Klammergriff von Kanzler Helmut Kohl entwindet – hat für uns Normalsterbliche etwas Tröstliches. Denn ansonsten ist er fast durchweg der ewige Gewinner. Das Füllhorn des Glücks wird beinahe unverschämt über ihm ausgeschüttet. Den ersten Europapokal der Landesmeister holt er als Libero 1974 mit Bayern München, weil sein treuer Kumpan „Katsche“ Schwarzenbeck mit einem Zufallstor in letzter Sekunde ein Wiederholungsspiel gegen Atletico Madrid erzwingt. Im selben Jahr führt er als Kapitän die Nationalelf zum WM-Titel, obwohl Holland im Finale die bessere Mannschaft ist. Das Endspiel 1990 gegen Argentinien dominiert zwar die Auswahl des Teamchefs Beckenbauer, benötigt aber einen fragwürdigen Elfmeter zum Triumph. Anschließend wandelt Beckenbauer entrückt über den Rasen des Olympiastadions von Rom, als könne er all das selbst nicht mehr fassen. Und als Fifa-Präsident Sepp Blatter im Juli 2000 verkündet, dass Deutschland – und nicht wie erwartet Südafrika – die WM 2006 ausrichten darf, liegt auf dem süß-sauren Gesichtsausdruck des Schweizers die bittere Erkenntnis, dass er im Wettlauf der begnadeten Strippenzieher im bayerischen Märchenkaiser seinen Meister gefunden hat.

Heute leitet Beckenbauer das WM-OK, 2007 wird er wohl zum Chef des europäischen Fußball-Verbandes Uefa avancieren, die letzte und logische Stufe auf seiner Karriereleiter. Seinen Bayern, denen er 1977 gen New York entflieht, um vom Giesinger (O-Ton beim Eintreffen in den USA: „I know not, what in three years is…“) zum Weltbürger zu reifen, steht er als Präsident vor. Die Geschichte von der Watschn, die ihm ein „Sechziger“ verpasst und die ihn in die Arme des FCB treibt, darf in keiner Story zum „Runden“ fehlen. Ein Ereignis, das offenbar in seiner Wichtigkeit für die bundesrepublikanische Nachkriegszeit gleich hinter der Währungsreform rangiert.

Aber ein Franz Beckenbauer nimmt sich ja nicht so ernst. Ein Reporter will anlässlich der Vorstellung der Dokumentation „100 Jahre FC Bayern“ sinngemäß von ihm wissen, wer wohl rückblickend den größten Anteil am Aufstieg der Münchner zum Weltverein gehabt habe. Sicherlich könnte man genauso gut den lieben Gott fragen, wer wohl für die Schöpfung zuständig gewesen sei. Aber Beckenbauer antwortet ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich denke, das war Gerd Müller.“ Reiner Kaiser-Schmarrn.

In diesem Sinne: Alles Gute zum Geburtstag!

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