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Sonntag, 30. April 2017 13° 2

Ein Schatz, der im Verborgenen glüht

Von Christine Schröpf, MZ

Die Seele des Besucherbergwerks: Konrad Reichhart.

Auf festen Stufen geht es hinab, 30 Meter tief in die Schlucht des unterirdischen „Reichhart-Schachts“ im oberpfälzischen Stulln (Lkr. Schwandorf). Das Flussspat-Besucherbergwerk ist seit 25 Jahren ein Heimatmuseum der ganz besonderen Art. Hier gibt es keine historischen Dokumente in Glasvitrinen, keine archäologischen Funde, keine Kunstschätze von einst: Der Flussspatgang selbst ist das eigentliche Gesamtkunstwerk. Geschaffen von der Natur, vor 200 bis 250 Millionen Jahren. Die Schneise durch die wuchtigen Felsformationen aber haben vor Jahrzehnten Oberpfälzer Kumpels geschlagen – auf der Suche nach einem raren Bodenschatz.

Flusssphat ist eine andere Bezeichnung für Fluorit. Das Mineral dient als so genanntes Flussmittel und setzt z.B. bei der Glasherstellung oder der Metallverarbeitung den Schmelzpunkt deutlich herab. Man braucht den Stoff aber auch für Raketentreibstoffe, Kältemittel, Kunststoffe und Treibgase – oder ganz profan für Fluor-Zahnpasta, die vor Karies schützt. Bis vor wenigen Jahrzehnten war die Oberpfalz wichtiges deutsches Flussspatrevier. Anfang der 50er Jahre wurden in zwölf Gruben rund um Nabburg rund 130000 Tonnen pro Jahr gefördert. Als sich die Lagerstätten erschöpften, wurden die Gruben nach und nach stillgelegt – seit Mai 1987 ist der Flussspatbergbau im Raum Nabburg-Wölsendorf endgültig passe.

An die einst große Vergangenheit erinnert der Reichhart-Schacht. Eine vergleichsweise kleine, aber wunderschöne Grube, die Geologiestudenten aus ganz Deutschland anlockt. Konrad Reichhart – ein urwüchsiger Oberpfälzer – zeigt Besuchern sein Reich mit großem Stolz. Mit einem Scheinwerfer leuchtet er auf die Felswände, die sofort in prächtigen Farben erglühen: Flussspat leuchtet in honiggelb, türkis oder schwarz. Dazwischen durchziehen violette Amethyst-Bänder das Nebengestein, den rötlich-grauen Granit.

Seit vier Generationen ist der Schacht in Familienbesitz. Konrad Reichhart hat das Bergwerk von seinem Vater geerbt und anfangs keine rechte Freude daran gehabt. Der 42-Jährige ist gelernter Metzger, betreibt auch das Museumswirtshaus nebenan, das Steigerhäusl. Er war eigentlich für seine Schweinshaxn und die am Spieß gegrillten Spanferkel berühmt. Doch nach und nach kochte bei ihm die Leidenschaft für den Bergbau hoch. Inzwischen hat er viel Geld in den Reichhart-Schacht investiert, ist dabei manchmal am Rand der Pleite entlang manövriert. So ein Privatmuseum verschlingt ein kleines Vermögen. Doch mit der für Reichhart typischen Dickschädeligkeit hat er auch in widrigen Zeiten nicht aufgegeben. Nun plant er das nächste Projekt: Ein Förderturm von der ehemaligen Flussspatgrube Hermine soll noch heuer über dem Reichhart-Schacht neu aufgebaut werden. Kosten: rund 50000 Euro. Dafür hat der 42-Jährige pfiffig eine „Spendenaktion“ initiiert. Wer 50 Euro investiert, wird als Förderer mit einem Namensschild auf dem Turm verewigt.

Leiter eines Privatmuseums – das ist ein harter Job. Doch nichts, im Vergleich zur Knochenarbeit der Kumpels im Flussspatbergbau. Im Reichhart-Schacht lässt sich erahnen, wie mühselig die Bodenschätze aus dem Fels gestemmt wurden.

Zuerst wurden von Hand, später mit Pressluftbohrern Löcher gebohrt, dann gesprengt, am Ende die schweren Brocken, das so genannte Haufwerk, nach Übertage transportiert. Die Bergarbeiter steckten dabei in höchstens schulterbreiten Gängen. Feucht und oft eisig kalt war es dort. Ein Job, bei dem man nicht alt wird: Viele holten sich eine Staublunge, fanden einen jämmerlichen Tod, berichtet Linus Kestel, der regelmäßig Besucher durch das Bergwerk führt. Der 75-Jährige war früher Betriebsleiter im Flussspatbergwerk Schwarzenfeld. Er weiß, wovon er spricht.

Kestel kennt bittere Wahrheiten. Er hat aber auch schöne „Geschichterln“ aus der rauhen Welt der Bergleute zu erzählen, in der Frauen übrigens nichts zu suchen hatten. „Die Bergleute haben gedacht, dass sie Unglück bringen. Sie haben gedacht: Die Frauen vertreiben den Flussspat.“ Das Verbot ist natürlich im Stullner Besucherbergwerk außer Kraft gesetzt. Hier sind Frauen ausdrücklich erwünscht, machen sogar einen nicht unerheblichen Teil der jährlich im Schnitt 6000 Besucher aus.Reichhart-Schacht. Bergbaumuseum, Besucherbergwerk, Flussspatkristallsammlung. Stulln (bei Schwarzenfeld), Freiung 2, Tel. (09433) 1555. Öffnungszeiten: Dienstags bis Samstags Führungen um 10, 11, 14, 15 und 16 Uhr, sonntags um 14, 15 und 16 Uhr. Extra am Museumstag: Konrad Reichhart setzt Pressluftmaschinen in Betrieb. Infos auch unter: www.reichhartschacht.de

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