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Dienstag, 17. Oktober 2017 20° 1

Glücklich auf der schiefen Bahn

Die Erfindung eines Oberpfälzers verschafft Sommertouristen Abfahrtsfreuden und Schlepplift-Betreibern eine MarktlückeVon Reinhold Willfurth, MZ

  • Sicherheit für Bayern: Innenminister Beckstein ließ sich von Lift-Betreiber Sepp Wolmuth überzeugen, dass der Abfahrts-Spaß kein riskantes Vergnügen ist.
  • Pilot-Anlage: Auf der „Alten Mulistation“ bei Lenggries in Oberbayern hängen die Vehikel bereits am Haken des Skilifts.
  • Rennoptik wie bei Schumachers
  • Motorrad-Bremsen sorgen für Sicherheit auf dem Skihang.
  • Abwärts mit Vergnügen: Karl Kroher auf einem seiner „Bullrider“ auf einer Wiese bei ParksteinFotos: Gabi Schönberger

Die Bullcarts sind soooo super, des ist so der Wahnsinns-Fun. Ich bin vor ein paar Wochen in Lenggries gewesen und hab die Bullcarts durch Zufall entdeckt. Ich bin gleich gefahren und das war echt sowas von toll“. Die Begeisterung von „Franziska“ im Gästebuch der „Alten Mulistation“ in Lenggries ist trotz eigenwilliger Orthografie echt gut abzulesen. Ebenso die von „Reinhard“ aus Linsengericht: „Papa schneller, die Mama schnappen wir uns: Wir alle hatten Riesenspaß, vor allem meine beiden Jungs (2+6). Empfehlenswert!“

Sollten Franziska und Reinhard auch nur ansatzweise recht behalten, dann steht dem Alpenraum, dem Bayerischen Wald und anderen bergigen Regionen ein neuer Boom ins Haus. Nach Snowboarding und -blading, Mountainbiking, Paragliding, Canyoning, Rafting und Freeclimbing könnte die Zeit fürs „Bullriding“ angebrochen sein. Doch während viele Kultsportarten von leicht verrückten, jungen Müßiggängern an den Stränden Kaliforniens oder in den Bergen Colorados erfunden wurden, kommt die allerneueste Neuigkeit aus einem Ein-Mann-Betrieb am Fuß eines verwitterten Basaltkegels in der nördlichen Oberpfalz.

Der Erfinder macht auch nicht gerade den Eindruck eines leicht verrückten, jungen Müßiggängers. Karl Kroher kommt eher wie ein gesetzter Sozialpädagoge und Familientherapeut daher, was er im richtigen Leben auch ist. Obwohl: „Leicht verrückt“ würde Kroher dann wohl doch durchgehen lassen. Dann das muss man wohl sein, um sich in der heilen Welt des Dorfes Parkstein (Landkreis Neustadt/Waldnaab) jahrelang in ein Projekt zu vertiefen, das alle glücklich machen soll, dessen Marktchancen allerdings lange Zeit in den Sternen standen. So mancher Dörfler wird das „leicht“ vor dem „verrückt“ schon gestrichen haben.

Die Hände klammern sich an die Griffe eines breiten Motorradlenkers. Die Füße liegen in eisernen Stützen, das Gesäß ruht auf einem mit Gurten befestigten Sitz wenige Zentimeter über der frisch gemähten Grasnarbe. „Füße oben lassen, bis das Fahrzeug steht!“, ermahnt der Erfinder, und dann geht es los. Der „Bullrider“ hoppelt verhalten über die Piste. Das Glücksgefühl will sich nicht so recht einstellen.

Probieren wir´s mal so: Lenker bergab geneigt. Und das Ding geht, es fährt, und wenn´s über kleine Hügel geht, dann fliegt es, und mit ihm der Pilot. Der hat gelernt, dass das Glück im Abgrund liegt — zumindest beim „Bullrider“, der auf einmal zum „Easy Rider“ geworden ist, wenn auch nur für die paar Sekunden bis hinunter ins Tal.

Der Fahrer kann sich seinem Glück unbeschwert hingeben. Das 45 Kilo schwere Gefährt beschleunigt bis auf 40 Stundenkilometer. Wer so schnell ohne sichtbaren Schutz eine steile Wiese hinabbrettert, freut sich, abgesehen vom Nervenkitzel, über ein gewisses Sicherheitsgefühl. Das stellt sich beim „Bullrider“ schnell ein. Tüftler Kroher hat dafür gesorgt, dass der Schwerpunkt weit unten liegt und der Lenkereinschlag nicht zum Überschlag führt. Motorrad-Scheibenbremsen ziehen dem „Bullrider“ die Zügel an: Glücksgefühle mit TÜV-geprüfter Sicherheit. Und dem Segen des Landratsamts, des Bergamts und des Gemeinderats.

Mit Sicherheit freuen sollen sich auch die vielen kleinen Liftbetreiber, die Kroher mit seinen geländegängigen Dreirädern als Abnehmer im Auge hat. Vor allem in den Mittelgebirgen steht mancher Eigentümer nach vielen grünen Wintern am Abgrund. Ein österreichischer Liftbetreiber gab Kroher den Anstoß, etwas für den Sommer zu entwickeln. Das war 1998. Erst im letzten Jahr war die Lösung aus Parkstein serienreif. Die „Bullrider“ lassen sich an die Leine nehmen, an die Schleppleine des Skilifts, der so in der Sommersaison zum zweiten Leben erweckt werden kann.

Nur dort will sie Kroher übrigens sehen, seine Vehikel: auf den ohnehin bewirtschafteten Wiesen, weitab von den Naturschutzgebieten. „Alpine Hochlagen sind tabu“. Kroher hat aus den Sünden der Mountainbiker in den Bergen gelernt.

Der „Pilotlift“ läuft seit Juli letzten Jahres in Lenggries südlich von Bad Tölz, neben der „Alten Mulistation“ von Sepp und Agnes Wolmuth. Und er läuft und läuft: „Wenn das Wetter mitmacht und in der Ferienzeit ist´s ein voller Erfolg“, schwärmt die Chefin. Geschätzte zehntausend Mal haben sich ihre Gäste von Juli bis Oktober letzten Jahres auf die 15 „Bullrider“ geschwungen. Gezahlt haben sie acht Euro für vier Fahrten. Ein schönes Geschäft.

Und wer donnert die 130 Meter Gefälle auf dem Streidlberg hinunter? Karl Kroher hatte als Zielgruppe eigentlich Kinder auf dem Weg zur Pubertät im Sinn, die bei der Ankündigung der Eltern, den Sommer in den Bergen zu verbringen, eher die Augen verdrehen als ihnen um den Hals fallen. Doch Agnes Wolmuth hat beobachtet, dass sich „alles und jeder“ auf den „Bullrider“ hockt. „Einer unserer ersten Kunden war ein 75-Jähriger“, erzählt die Betreiberin. „Der hot se gor nimmer kriagt“. Sogar der bayerische Innenminister Günter Beckstein ließ alle Sicherheitsbedenken sausen und brauste den Streidlberg hinunter.

In dieser Saison haben die Liftbetreiber in den Mittelgebirgen und in den deutschen, österreichischen, Schweizer und Südtiroler Alpen die Marktlücke offenbar endgültig entdeckt. Auf der „Interalpin“ in Innsbruck heimste Karl Kroher im April Anfragen zuhauf ein. Sogar aus Korea und Japan klopfen jetzt Interessenten an.

Wenn die Erfindung eines Tüftlers in Massenproduktion geht, verliert er üblicherweise das Interesse daran und stürzt sich auf das nächste Projekt. Und das heißt dann wie? Karl Kroher wedelt mit den Händen: „Da kommt nichts mehr, ganz bestimmt nicht“. Recherchen im Dorf lassen andere Schlüsse zu. „Fir den howe scho vül g´macht“, sagt der Schlosser mit viel sagendem Blick und wendet sich seinem Werkstück zu. Auftraggeber: Karl Kroher.

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