Was selbstironisch gemeint war, trifft durchaus den Kern: Oberspielleiter Michael Bleiziffer (hier bei der Abschiedsgala „Addio“) genießt für seine Inszenierungen beim Publikum hohe Anerkennung. Foto: altrofoto.de
Von Ulrich Kelber, MZ
Regensburg. „Mir geht es wie einem Vater, der sein herangewachsenes Kind in die Freiheit entlässt, und dann erst einmal selber vereinsamt.“ Michael Bleiziffer räumt ein, dass er ein „bisserl Angst“ hat, betont dann aber: „Ich muss meinem Leben auch zugestehen, mal ein bisschen innezuhalten.“ Das Ende der Theaterspielzeit an diesem Wochenende, bedeutet für den Regisseur eine tiefgreifende Zäsur. 16 Jahre lang war er Oberspielleiter und hat in dieser Zeit dafür gesorgt, dass das Schauspiel in Regensburg, das immer ein wenig im Schatten des Musiktheaters gestanden hatte, einen ganz neuen Stellenwert bekam – was für die künstlerische Qualität genauso gilt wie für den Besucherzuspruch.
Ausverkaufte Vorstellungen sind da fast zur Normalität geworden: „Wir haben die Platzausnutzung des Schauspiels auf das Niveau des Musiktheaters angehoben und sind dort auch all die Jahre geblieben. Das sage ich nicht ohne Stolz.“ Dies sei, so Bleiziffer, an den deutschen Theatern eine ziemlich einmalige Situation. Gutes und anspruchsvolles Theater müsse nicht leere Häuser bedeuten: „Es macht viel mehr Spaß, wenn man mit dem, was man tut, auch ankommt.“ Sein Anliegen sei es gewesen, mit einem vielschichten Spielplan von der Klassik bis zur Moderne die Menschen in Regensburg und der Region zu erreichen.
Theatermann mit Bodenhaftung
Michael Bleiziffer ist ein Mensch, der nicht abgehoben und elitär ist, sondern die Bodenhaftung sucht. Und dies gilt für ihn ganz wörtlich. Er ist sesshaft geworden, lebt seit einigen Jahren mit seiner Familie in einem alten Mühlenanwesen im Ellbogental bei Bernhardswald, ist dort fast zu einer Art Nebenerwerbslandwirt geworden. Hühner, Hasen, Schafe und allerlei weitere Haustiere gibt es bei ihm. Und ein Angler ist er überdies. Die Ruhe, die Natur mit ihren Gesetzmäßigkeiten sind für ihn „ein wunderschöner Ausgleich, den ich brauche zu dem, was ich am Theater tue.“
Wenn man diese Art von Leben sucht, hat das sicher etwas „mit den Wurzeln zu tun“, wie Bleiziffer einräumt. Aufgewachsen ist er im Banat, in dem rumänischen Dorf Sanktanna. Später studierte er in Bukarest, kam dann als Schauspieler und Regisseur an das Deutsche Staatstheater in Temesvar. Bei Verhören durch die Securitate erlebte er den Druck des diktatorischen Ceausescu-Regimes, so dass Bleiziffer von „traumatischen Dingen“ spricht, die ihn bis heute nicht losgelassen haben.
Oberspielleiter Bleiziffer mit Paul Kaiser bei den Proben für „Die blaue Donau“ Foto: altrofoto.de/Mz-Archiv
1982 bekam er die Ausreisegenehmigung, während alle seine Familienangehörigen Rumänien schon vorher verlassen hatten. Ingolstadt wurde für Michael Bleiziffer zum Ort des Neuanfangs in Deutschland. Ernst Seiltgen, den Ingolstädter Intendanten, hatte er bereits in Temesvar kennengelernt, als dieser einer Einladung als Gastregisseur gefolgt war. Seiltgens Hilfszusage war kein leeres Versprechen: Als sich Bleiziffer im Herbst 1982 bei ihm meldete, vertraute er ihm gleich die letzte verbliebene Vakanz an, Büchners „Woyzeck“. Noch heute sagt er: „Das fand ich schon großartig von Seiltgen, und ich bin ihm auch unendlich dankbar für diese Zeit.“
Bis 1995 blieb Bleiziffer fest am Ingolstädter Theater, war aber auch immer wieder an anderen Bühnen als Gastregisseur tätig. So kam er 1987, noch zu Zeiten von Horst Alexander Stelter, erstmals nach Regensburg, um Edward Bonds „Sommer“ am Haidplatztheater zu inszenieren. Unter der Intendanz von Marietheres List wurde die Zusammenarbeit intensiviert. Michael Zochows „Kambek“, Peter Radtkes „Hermann und Benedikt“, Strindbergs „Totentanz“, Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ oder Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ waren Bleiziffers Regiearbeiten in dieser Zeit.
Dauerbrenner „Faust“
Zum Einstand als Oberspielleiter gab es dann 1996 den furiosen „Faust“ mit Martin Hofer in der Titelrolle und Adele Neuhauser als Mephisto – ein Dauerbrenner, der sechs Jahre auf dem Spielplan stand.
Auf rund 150 Inszenierungen, davon 80 in Regensburg, kann Michael Bleiziffer inzwischen zurückblicken. Bei all seinen Regie-Arbeiten fällt auf, wie wichtig ihm die visuelle Komponente ist. Immer wieder entwickelt er machtvolle Bilder. „Die Sinnlichkeit ist für mich etwas sehr Entscheidendes am Theater“, betont er. Neugierig und vielseitig ist er, erfüllt von „der Lust am Erfinden“.
Die großen Klassiker hat er genauso inszeniert wie bayerische Volksstücke, die amerikanischen Dramatiker der Nachkriegszeit, aktuelle Gegenwartsstücke, dazu Musicals und auch Kinderstücke. „Der Sängerkrieg der Heidehasen“, diese zauberhafte Geschichte von James Krüss, war jetzt seine letzte Arbeit als Oberspielleiter.
Michael Bleiziffer im Gespräch mit Adele Neuhauser im Jahr 2000 Foto: MZ-Archiv/Kober
Welche seiner Inszenierungen er im Rückblick für besonders gelungen hält? Neben „Faust“ nennt Bleiziffer „Iphigenie auf Tauris“ (preisgekrönt bei den Bayerischen Theatertagen), vor allem aber Marieluise Fleißers „Pioniere von Ingolstadt“, außerdem Brechts „Galileo Galilei“, Felix Mitterers „Die Beichte“ und aus der letzten Spielzeit „Sein oder Nichtsein“ nach dem berühmten Lubitsch-Film.
Michael Bleiziffer, der sich als einen „harmoniesüchtigen Menschen“ bezeichnet, hat nie Theaterskandale provoziert, nie auf Spektakel gesetzt: „Ich will nicht auf den Putz schlagen, ich will so gut wie möglich inszenieren.“ Er habe sich aber nie die Frage gestellt, ob ein Stück dem Stadttheater-Publikum zumutbar sei: „Ich glaube, dass das Publikum grundsätzlich gute Sachen akzeptiert. Es bleibt dem Theater nichts anderes übrig: Es muss gut sein. Was gut ist, wird auch angenommen.“
Wie geht es nun für Michael Bleiziffer weiter? „Ich schiebe keine Panik“, sagt er. Ein neues Fest-Engagement hat er nicht angestrebt, weil er ja weiterhin in Regensburg wohnen bleiben will. So hofft er „auf drei, vier Gastinszenierungen pro Spielzeit.“ Als Gastregisseur kehrt er 2013 auch ans Regensburger Theater zurück, wird „Die Spitzeder“ von Martin Sperr als Freilichtaufführung im Thon-Dittmer-Hof inszenieren.
Vom Turmtheater nach Temesvar?
Geplant ist außerdem ein Projekt mit seinem Freund Martin Hofer am Turmtheater. Am Theater Siegen, wo er schon bisher jedes Jahr eine Produktion übernommen hatte, wird er weiter tätig sein. Auch ans Theater von Temesvar ist er schon einmal zurückgekehrt, hat dort vor zwei Jahren die „Virginia Woolf“ gemacht. Lust hätte er auch auf ein Wiedersehen mit dem Ingolstädter Theater. Mit demonstrativer Gelassenheit betont er: „Auf das Neue sollte man gespannt sein.“