Kultur 26.09.2012, 07:57 Uhr

Baupionierin der Nachkriegszeit: Hilde Weström wird 100

Von -Von Caroline Bock, dpa

Berlin. Im Juli, mit 99 Jahren, ist Hilde Weström in ein Berliner Heim gezogen, das sie einst selbst entworfen hat. Die alte Dame ist eine Architekturpionierin der Nachkriegszeit.

Zu ihrem Werk zählen Häuser, soziale Wohnungsbauten, Kindergärten, Künstlerdomizile und nicht zuletzt eine Norm für Einbauküchen. Weström denkt praktisch: Den Herd mag sie am Fenster. «Man kocht und man kann sehen, wer kommt.»

Zu Weströms 100. Geburtstag am 31. Oktober zeigt die Berlinische Galerie seit dem 26. September Zeichnungen, Fotos und Modelle - ein schlaglichtartiger Einblick in ihr Schaffen. Der Titel lautet: «Die zerstörte Stadt war meine Chance» - ein Zitat der Architektin.

1945 fehlten allein im Westen Berlins 250 000 Wohnungen. Da waren nicht nur die zupackenden Trümmerfrauen gefragt, sondern nach der Bestandsaufnahme auch Ideen am Zeichentisch - für die Lücken zwischen den Altbauten, für bezahlbare Wohnungen.

Weströms Credo: «Wesentlich ist, dass man sein Bauwerk in Harmonie mit anderen einfügt und nicht unbedingt alles Alte wegnimmt.» Ihr erstes Haus am Landwehrkanal bot Wohnungen für Singles. 1951 wurde Platz für Flüchtlinge gebraucht.

Der Weg zu ihrem Heim in Moabit führt vorbei am einst hochmodernen und heute wiederentdeckten Hansaviertel. 1957 war es Schauplatz der Architekturausstellung «Interbau». Es ging um die «Die Stadt von Morgen». Weström, deren Bauten bis dahin vor allem von Sparsamkeit und Pragmatismus geprägt waren, entwarf die viel bewunderte Vision einer Wohnung für die Zukunft. Der Clou waren Schiebewände, die per Knopfdruck verschwanden. «Da habe ich an Familien gedacht, die ihr eigenes Umfeld haben konnten», erklärt die vierfache Mutter. Der Flur war groß genug, dass Kinder Roller fahren oder schaukeln konnten.

Studiert hat die in Neisse geborene Oberschlesierin in Berlin und Dresden. Sie war eine der ersten Frauen, die in den Bund Deutscher Architekten aufgenommen wurde. War es ein Traumberuf? «Ich könnte mir nichts anderes vorstellen.» Nur die Archäologie hätte sie noch gereizt. Einer ihrer liebsten Bauten war das «Haus Küster», ein Bungalow mit Töpferwerkstatt in Berlin-Zehlendorf.

Auch Architekturlegenden wie Alvar Aalto und Walter Gropius hat Weström kennengelernt. Gut erinnert sie sich noch, wie Gropius von seiner Frau getadelt wurde, weil er bei einer Durchreiche in der Wand die Abstellfläche für das Essen vergessen hatte. «Walter, was hast du denn da gemacht?» Das wäre Weström vermutlich nicht passiert. Sie hatte im Kopf, was Familien brauchen. Lange war sie selbstständig und hatte ihr Büro im eigenen Haus. Das passte noch am besten zum Familienleben.

Hans Scharoun stellte sie 1971 für den Bau der Staatsbibliothek ein, die zur Architektur-Ikone wurde. Nach dem Ende ihres Arbeitslebens in den 80er Jahren widmete sich Weström der Malerei und dem Reisen. 2000 gab es in Berlin eine Retrospektive. Die Museumspräsentation zu ihrem 100. Geburtstag findet die wache alte Dame «entzückend», sie will diese auch besuchen.

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