Kultur 10.03.2011, 09:31 Uhr

Dornröschen in Bayerns kuriosestem Jazzclub

In der Künstlerwerkstatt spielen hochkarätige Jazzmusiker wie Almut Schlichting neben der Bandschleifmaschine.

Von Michael Scheiner, MZ

Pfaffenhofen. An den Balken hängen runde Sägeblätter, ein Feuerlöscher und andere Werkzeuge, die in einer Schreinerei gebraucht werden. Die Ecke neben der ebenerdigen Bühne nimmt eine gigantische Presse ein. Und die große Bandschleifmaschine wurde mühsam zur Seite geschoben, um Platz für Stuhlreihen, ausgemusterte Sofas und alte Plastikgartenstühle zu schaffen. In der Pfaffenhofener Künstlerwerkstatt von Bernhard Singer hat einer der kuriosesten Jazzclubs Bayerns seinen festen Platz.

Zwei- bis dreimal im Monat werden hier Maschinen umgestellt, Arbeitsbereiche geräumt, damit Konzerte stattfinden können. Neben der Holzfräse spielt dann aber keineswegs der Sparkassenleiter mit Hobbyband oder der pensionierte Dixietrompeter, wie der Großstädter in seinem Dünkel vielleicht erwarten würde. Letztes Wochenende trat die Berliner Saxofonistin und Komponistin Almut Schlichting mit ihrer formidablen Band „Shoot The Moon“ in der Tiefe der bayerischen Provinz auf. Sängerin Winnie Brückner, ausgestattet mit einem delikaten Sopran und mit einem bayerischen Pianisten liiert, schwor Stein und Bein, Schafkopf spielen zu können und nach dem Konzert für einen „Geier“ oder ein „Sauspiel“ zur Verfügung zu stehen.

Vorher stand ein musikalischer Abend, wie er auch in renommierteren Clubs und Metropolen nicht häufig zu erleben ist. Komplexe Kompositionen, die von ihrer Suitenform her der ernsten Musik manchmal näher sind als dem Jazz, gepaart mit der Freiheit ungestümer Improvisation und inhaltlicher Bestimmtheit, geben Schlichtings Tondichtungen ein ganz eigenes, ja eigenwilliges Gepräge.

Der Groll der Nadelbäume

Andere Komponisten überlegen sich meist hinterher passende – oder unpassende – Titel für ihre Songs. Schlichting dagegen beschäftigt sich mit Themen der Natur (Fir Trees Looming Silently And Menacingly – Der stille Groll der Nadelbäume), ähnlich wie Oliver Messiaen oder Albert Mangelsdorff, oder jüngst der englischen Königinnengeschichte und entwickelt daraus ihre oft groß angelegten, formstarken Stücke (Elizabeth), in denen sie allerlei Stilelemente vermengt. „Sie lässt Tom-Waits-Polkas mit dem kontrollierten Irrsinn eines Ornette Coleman kollidieren“, wie es eine Journalistin ziemlich treffend formulierte.

 

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