Kultur 30.06.2011, 07:50 Uhr

Eine Welt mit Hang zum Netten und Niedlichen

Die „Erste Regensburger Nacht der Poesie“: ein Sommerabend mit mitunter allzu lauschiger Lyrik

Von Florian sendtner, MZ

Regensburg. Wir schreiben das Jahr 1911. Die beiden Regensburger Schriftstellerverbände haben sich zu einer gemeinsamen „Nacht der Poesie“ zusammengetan. Der Wettergott ist den Dichtern hold: Es ist der erste lauschige Sommerabend, an dem 16 Schriftsteller vor 120 Zuhörern ihre Verse auf der Terrasse des Naturkundemuseums zum Besten geben. Liebesglück und Liebesleid, Irrungen und Wirrungen, auch manch humoristischer Vierzeiler, begleitet von Amsel- und Rotkehlchengesang aus dem dahinterliegenden Herzogspark, zwischendurch Gitarrenspiel – das Publikum ist begeistert.

Nur der Herr von der kaiserlichen Zensurbehörde ist unzufrieden: Wieder nichts von Belang, was er seinem Vorgesetzten melden könnte. Neun von zehn Autoren machen um die Politik einen großen Bogen, und der zehnte verliert sich in Andeutungen, die nicht der Rede wert sind. Alles in bester Ordnung: Politik und Militär bereiten den nächsten Krieg vor, und die bürgerliche Literatur kreist um die eigene Befindlichkeit.

Ja, o.k., der Vergleich hinkt natürlich. 2011 ist nicht 1911. Und überhaupt, warum sollte die Poesie nicht um die eigene Befindlichkeit kreisen dürfen? Muss sie das nicht? Worum sonst geht es in einem Gedicht, wenn nicht um die subjektive Gefühlslage, um das ach so abenteuerliche bürgerliche Seelenleben? Und ist politische Lyrik nicht ein Graus ganz besonderer Art? Wohl wahr. Nur: Zweieinhalb Stunden lang Gedichte anhören, und keine zehn Minuten sind mit der politischen Realität verlinkt, das ist Eskapismus, die Flucht in eine Scheinwelt, in der alles recht nett ist. Das Leben ist aber nicht nett, außer vielleicht zu den oberen Zehntausend, und nicht mal zu denen.

Die Realität kam kaum vor

Immerhin, es gab sie, die wenigen Einbrüche der Realität in die poetische Parallelwelt, bei dieser „Ersten Regensburger Nacht der Poesie“ des Schriftstellerverbands (VS) und der Regensburger Schriftstellergruppe International (RSGI) auf der Terrasse des Naturkundemuseums im Jahre 2011.

 

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