Kultur 03.06.2010, 19:02 Uhr

Separatisten wollen es wissen: Geld oder Kultur?

Münchner Studenten zwingen zum Nachdenken über den Wert der kulturellen Bildung.

Geld oder Kultur? Vor Separatist Felix Kruis mussten sich die Passanten entscheiden. Foto: Meyer-Tien

Geld oder Kultur? Vor Separatist Felix Kruis mussten sich die Passanten entscheiden. Foto: Meyer-Tien

Von Katia Meyer-Tien, MZ

München. Der Mann mit der Montblanc-Tasche zögert keine Sekunde. „Ihr verschenkt Geld?“, fragt er, und als Felix Kruis nickt, grinst er und sagt: „Da nehm’ ich welches, das kann ich brauchen“

Felix Kruis und die anderen Theaterwissenschaftsstudenten, die an diesem regnerischen Nachmittag auf dem Münchner Marienplatz hinter einem wackligen Biertisch stehen, verschenken tatsächlich Geld. In Zeiten, in denen ihre Kommilitonen über zu hohe Studiengebühren und knappe Finanzen klagen, holt Felix Kruis einen Fünf-Euro-Schein nach dem anderen aus der kleinen Pappschachtel, die vor ihm steht. „Weil Geld nichts wert ist“, sagt er. Und bevor der Eindruck entstehen kann, dass Felix vielleicht ein wenig durchgedreht ist, ergänzt Charlotte Bucka, die neben ihm steht: „Zumindest nicht so, wie es momentan verwendet wird.“

Felix Kruis und seine Freunde wollen provozieren, sie wollen zum Nachdenken anregen. Und deswegen bekommt der Mann mit der Montblanc-Tasche das Geld auch nicht einfach so. Felix Kruis hebt die Hände, fünf Euro in der einen Hand, einen Theatergutschein in der anderen: „Geld ist rund und rollt weg, Bildung bleibt“, sagt er, „Geld oder Kultur?“

Das ist der Moment, an dem alle ins Stutzen kommen. Sogar die Schulklasse aus Fulda, die sich vorhin johlend um den Stand versammelt hat. Ein Junge nach dem anderen kam grinsend an, um sich Geld zu holen. Nach Felix’ Spruch wurden sie stiller, und dann sagte einer, ein Kleiner, Frecher mit Baseballcap, der die fünf Euro schon eingesteckt hatte, kleinlaut: „Von dem Geld gehe ich zu Hause ins Museum“.

Ob er das tatsächlich tut oder nicht – egal, das sind die Momente, für die die Studenten hier heute im Regen stehen. „Separatisten“ nennen sie sich, und die Aktion ist nur der erste Teil ihres Projektes. Am Ende steht ein Theaterstück, das „sich mit der Gesellschaft befasst und dem Einzelnen einen Spiegel vorhält“ und das am 5. Juli im Kulturhafen „Puerto Giesing“ in Obergiesing aufgeführt werden soll. Für Kruis ist das Engagement eine Herzensangelegenheit: „Ich habe das Glück, studieren zu dürfen, neue Ideen und neue Konzepte kennenlernen zu können“. Den langfristigen Nutzen kultureller Güter höherwertig einzuschätzen als den kurzfristigen Genuss durch Konsum, dazu will er anregen, und hat deswegen die 300 Euro in der Pappschachtel aus seiner eigenen Tasche genommen. Die Gutscheine sind zum Großteil gesponsort – nachdem in den Münchner Theatern lange über Sinn und Unsinn der Aktion diskutiert worden war.

 

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