„Mikado“ heißt die Installation mit Stellwänden von Annegret Hoch, die in Konkurrenz zu Architektur und Skulptur in der Minoritenkirche tritt . Foto: altrofoto.de
Von Ulrich Kelber, MZ
Regensburg. Was bleibt in Erinnerung? Ganz sicher die witzig-hintergründige Klanginstallation des Weidener Objektkünstlers Tone Schmid in der Minoritenkirche. Wassermusik ist dabei zu hören. Ein ganz primitiv und einfach gestalteter Brunnen: Ein Leitergerüst mit Wassertank und Plastikschläuchen, aus denen es unermüdlich in unterschiedliche Blechgefäße tropft, so dass ganz unterschiedliche Klänge entstehen. Diese monotone Sinfonie kann ganz konträre Empfindungen wecken, wie schon der Titel dieses Werks verrät: „Zwischen Meditation und Folter, Macht und Ohnmacht…“
Die Minoritenkirche mit ihrer imposanten Architektur, mit den wuchtigen Säulen, mächtigen Skulpturen und Epitaphen ist freilich ein schwieriger Raum für moderne Kunst. Mehr zu schaffen als kleine Akzente und Irritationen, ist da kaum möglich. Genau dies thematisiert Annegret Hoch, in den 90er Jahren Meisterschülerin bei Jerry Zeniuk an der Münchner Kunstakademie, in ihrem Objekt „Mikado“. In der Apsis der Kirche türmt sie umgestürzte Stellwände zu einem wirren Durcheinander. Direkt auf diese weißen Stellwände hat sie mit kräftigen Farben Linien gemalt, die wohl an Mikadostäbe erinnern sollen. Im Steingrau des ehemaligen Sakralbaus erweist sich dies als visuell recht effektvoll.
Ein offenes Forum
Keine Probleme mit den Räumlichkeiten gibt es dagegen im „Leeren Beutel“, wo der Hauptteil dieser Kunstschau zu sehen ist. Erstmals findet die „Große Ostbayerische Kunstausstellung“ des BBK Niederbayern/Oberpfalz in der Städtischen Galerie statt, die bislang eher eine gewisse Distanz zum Berufsverband Bildender Künstler hielt. Denn es handelt sich ja hier um keine kuratierte, an ein bestimmtes Thema gebundene Ausstellung, sondern um ein offenes Forum, bei dem die Verbands-Mitglieder den Stand der Dinge präsentieren können. Nur als Jury-Mitglied konnte Galerieleiter Dr. Reiner Meyer einen gewissen Einfluss nehmen. Ausgewählt wurden schließlich rund 150 Arbeiten von 109 Künstlern.
„Sandras“ von Sabine Wild, die bei ihren Bildern von „romantischer Sachlichkeit“ spricht. Foto: altrofoto.de
Der Ortswechsel hat auf jeden Fall gutgetan, denn so wurde die Erstarrung aufgebrochen, die sich im Lauf der Jahre eingestellt hatte. Bisher konnte man mit schlafwandlerischer Sicherheit vorhersehen, wo sich denn nun die Arbeiten der altbekannten „Platzhirsche“ finden lassen würden. Jetzt also ist alles neu und gründlich durcheinandergemischt worden. Sehr lebendig wirkt die Ausstellung, bietet viele spannende Kontraste.
Noch eine Neuerung gibt es: Erstmals wurden acht Gastkünstlerinnen vom BBK Düsseldorf eingeladen, der nach den Mitgliederzahlen mit dem Regensburger Verband durchaus vergleichbar ist. Die Beuys-Stadt Düsseldorf mit ihrer renommierten Akademie ist eine der wichtigsten deutschen Kunstmetropolen. Wie geht nun dieses Kräftemessen aus? Kurz gesagt: Ziemlich unauffällig mengen sich die Arbeiten dieser acht Frauen unter all die anderen Ausstellungsobjekte.
Sibylle Gröne etwa zeigt drei große Bilder, die durch ihr Format fast fahnenartig wirken. Rudimentäre Landschaftsimpressionen mit fast monochromen, chthonischen Farben werden erkennbar, ergänzt durch ein paar kalligraphische Linien. „Tar“ – das englische Wort für Teer – ist der Titel für diesen Zyklus.
Abstrahierte Landschaften mit kräftigen Farben (Sabine Clemens und Vera Herzogenrath) stehen neben stillen, filigranen Kompositionen (Irmgard Kramer und Anne Friedrichsen). Ingrid Obendiek steuert eine Rauminstallation bei, eine Art Paravent mit Rutenbündeln und Nesselschals: „Fasces“ verweist auf die Machtsymbolik der italienischen Faschisten. Da befremdet es, dass die Installation so indifferent bleibt, so untauglich als Mahnmal.
Bewegen sich nun die ostbayerischen und die rheinischen Künstler tatsächlich auf einer Augenhöhe, oder ist es so, dass der BBK in Düsseldorf – ähnlich wie es in München der Fall ist – in der örtlichen Kunstszene eine eher untergeordnete Rolle spielt? Zwei Mal BBK, zwei Mal ansprechendes, hohes Niveau, jedoch keine „Ausreißer“ aus dem künstlerischen Mainstream.
Renate Hönigs Installation ohne Titel vor Eveline Kooijmans „Deep Green“. Foto: altrofoto.de
Noch eine Beobachtung: Obwohl hier Künstler aller Altersgruppen vereint sind, lassen sich kaum Generationsunterschiede, kaum Unterschiede in der künstlerischen Sprache erkennen. Elemente konkret-konstruktiver Kunst finden sich da in den Arbeiten des 1928 geborenen Johann Babtist Wölfl genauso wie bei dem 45 Jahre alten Matthias Eckert. Verbindend wirkt vor allem die Rückbesinnung auf die Figuration – ganz gleich, ob das eher ironisch gemeint ist wie bei den Kostümgestalten von Rayk Amelang oder mehr realistisch wie bei Sabine Wild, die bei ihren Bildern von „romantischer Sachlichkeit“ spricht. Sogar bissig und karikierend wird es, etwa bei den Zeichnungen des in Vornbach am Inn lebenden Fritz Klier, wo der Kopf eines Dickwanstes von Fliegen umschwirrt wird.
Ton-Helden und Gießharz-Figuren
Ähnlich das Spektrum bei der Bildhauerei. Auch hier gibt es einerseits das Spiel mit klaren, einfachen Formen (wie bei Alfred Böschl, Manfred Bachinger, Helmut Langhammer und Günter Mauermann). Den Kontrast dazu bildet der in München lebende Peter Tischler mit den ironischen Keramikfigürchen seiner Anti-Walhalla mit den „Helden des Westens“, deren Betrachtern nur noch das Kotzen kommt. Archaisch muten die Figuren der Keramikerinnen Gabi Hanner und Michaela Geissler an, während die kleinen Terrakotten von Theodor Holzer mit barocker Üppigkeit aufwarten. Ein Beispiel für den frischen Wind, den neue, junge Mitglieder einbringen, bietet Stefan Giesbert Fromberger: Seine lackierten Gießharz-Figuren lassen Art déco mit einer surrealen Verfremdung aufleben.
Ein wesentlicher Reiz dieser so traditionsreichen Ausstellung: dass sie immer wieder schöne Neuentdeckungen bietet und dazu ein lohnendes Wiedersehen mit guten alten Bekannten – von Johanna Obermüller bis zu Manfred Sillner, von Maria Seidenschwann zu Jürgen Huber, von Maria Maier bis Paul Schinner. Auch sind viele spannende Entwicklungen zu beobachten. Ein „Seismograf der regionalen Kunstszene“ – so BBK-Vorsitzender Ludwig Bäuml – will die Ausstellung sein. Nicht mehr und nicht weniger.