Die Welt in falschen Farben
„Das Hellgrüne Rentier“ von Rüdiger Woog liest sich dank solidem Schreibstil sehr kurzweilig. Trotz des guten Plots, bleibt die Geschichte aber blass.
Sein Weihnachtsmann ist braun, seine Abendhimmel orange und die Rentiere, die er malt, sind hellgrün: Der Grundschüler Gabriel Tannhus leidet seit dem Tod seines Vaters unter einer Farbfehlsichtigkeit. „Maler oder Fotograf sollte der Junge vielleicht nicht gerade werden“, attestiert ein Arzt, aber genau diesen Weg schlägt Gabriel ein. Er wird zum weltberühmten Comiczeichner.
„So sehr ihn seine Augen betrügen, sind andere Sinne stärker ausgeprägt.“ Die Ausgangslage klingt ein bisschen nach sensorischer Wundergeschichte à la Patrick Süskind. Leider wird dieses Versprechen nicht eingelöst. Zwar liest sich „Das Hellgrüne Rentier“ dank Rüdiger Woogs solidem Schreibstil sehr kurzweilig, erzählt wird aber eine relativ flache Geschichte, die auch durch Momente des Übersinnlichen nicht an Tiefe gewinnt.
Nicht alles kann der Leser nachvollziehen: Wenn Gabriel seine große Liebe Vera Sundberg betrachtet oder sich an den Urlaub mit dem Vater erinnert, glaubt er, Farben wie jeder andere sehen zu können. „Schweden ist da, wo die Farben sind.“ Man erfährt es, versteht aber nicht, warum. Und anstatt mit der außergewöhnlichen Weltsicht seines Protagonisten zu spielen, lässt der Autor das Thema verblassen.
Der Werdegang zum Zeichner-Talent wird knapp und sachlich erzählt. Es ist sehr schade, dass der Leser hier nicht mehr Details erfährt. Stattdessen tritt der Alltag des Comic-Noir-Meisters, dessen Markenzeichen das hellgrüne Rentier ist, in den Vordergrund. Lesungen, Vorträge an der Universität, Autogrammstunden.
Im Wechsel beleuchten die als „Bilder“ durchnummerierten Kapitel die Kindheit des Protagonisten. Die Mutter erkrankt an Demenz, Gabriel muss sich um sie kümmern. Durch die große Verantwortung wird der Junge schnell erwachsen. Im verzweifelten Kampf gegen das Vergessen der Mutter sind seine Zeichnungen eine wirksame Gedächtnisstütze. Gabriels Fähigkeiten werden immer besser.
Eigentlich ist die Hauptfigur bodenständig: „Gabriel konnte dieses pseudowissenschaftliche Zitieren und Zerreden nicht leiden. Muss man denn unbedingt in rückwärts gespielten Led-Zeppelin-Songs Teufelsbotschaften erkennen?“ Seine Erklärung für diesen Wahn: Die Menschen erfinden irgendwelche Mythen, um an den großen Werken teilzuhaben, ein kleines Stückchen Unsterblichkeit abzustaubenDoch der Held selbst verstrickt sich in metaphysische Sphären. Etwa beim Klavierspielen: „Wenn er die Zeichen deutete und den richtigen Ton traf, dann konnte Gabriel mit seinem Vater sprechen. Die Harmonien waren die Codes.“

