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Männer wie Stein

Strongman: Warum eigentlich ganz vernünftige Menschen Lastwagen ziehen und riesige Steinkugeln durch die Gegend schleppenVon Martin Rutrecht, MZ

Körperliche Ertüchtigung für einen 48-Jährigen wie Werner Wieninger: Schubkarren fahren mit einem Auto (Gewicht: 230 kg)Fotos: Lex

Er könnte dem Kegelsport fröhnen. Oder dem Schafkopfen. Werner Wieninger, 48-jährig, müht sich lieber an 140 Kilogramm schweren Steinkugeln ab. „Opa, das geht schon noch!“ brüllt ihm die johlende Menge zu. Diese Zurufe sind durchaus anerkennend gemeint: Der Berufskraftfahrer aus Kelheim zählt zu den stärksten Männern Deutschlands in der Gewichtsklasse bis 105 kg.

Am Sonntag, 13 Uhr, treffen sich die „Strongmen“ in Kelheim, um ihren Deutschen Meister zu küren. Den ersten in der Leichtgewichts-Kategorie bis 105 kg überhaupt. Kostproben der munteren Disziplinen: Einen Lkw 20 Meter weit ziehen, besagte Steinkugel und ähnlich sackschwere Fässer auf ein Podest von 1,30 Metern Höhe hieven, einen 100 kg schweren Baumstamm so oft wie möglich in die Höhe stemmen. Ah, ja, Schubkarren gefahren wird auch: Ein Auto wird hinten angehoben und auf den Vorderreifen über den Volksfestplatz geschoben.

All das bewerkstelligen die Herrschaften allein mit Muskelkraft. „Auf die richtige Technik kommt‘s an“, sagt Werner Wieninger. Seine Zielsetzung für den Wettstreit: Ein Platz unter den ersten Fünf. Als Favorit gilt ein anderes Muskelpaket aus dem Kelheimer Strongman-Verein: der 28-jährige Tobias Stadler, Maurer und Inhaber einer Bau-Firma aus Viehhausen. „Durch dich sparen wir uns den Kran, sagt mein Vater“, erzählt das 102 kg-Lebendgewicht feixend.

Viel Muskeln, wenig Hirn? „Fälle, wo dieses Klischee zutrifft, gibt‘s sicher auch“, antwortet Oliver Dorsch besonnen. Der 32-jährige Kelheimer ist Soziologe, hat zudem englische Literaturwissenschaft studiert. Und er ist Strongman, mit 130 Kilogramm ein wahrer Brocken an Mensch. Zu schwer für den Wettkampf am Sonntag. Er ist ein Mann der (nach oben) offenen Klasse. „Gewicht muss immer gepaart sein mit der entsprechenden Kraft. Masse allein ist nichts“, sagt er.

Zuhause hat Dorsch, liebevoll „Riesenbaby“ genannt, seit längerem eine Doktorarbeit in Vorbereitung: die Geschichte der Strongman-Wettkämpfe. Berufsbedingt kommt er „nur in Urlaubszeiten dazu, an ihr zu arbeiten“. Schon bei den Griechen gab‘s die Vergleiche unter den Kolossen der Schöpfung. Dorsch nennt diese antike Form „Männlichkeitsrituale“. „Sie hatten früher viel weniger den Charakter eines Sports. Sie dienten der Vorbereitung auf Kriege oder bestimmten die Rangordnung.“

Als Wurzeln der modernen Strongman-Konkurrenzen können die Highland-Games in Schottland ausgemacht werden. Zwischen 1200 bis 1500 n. Chr. datiert man die ersten Austragungen. „Dabei ging es vor allem darum festzustellen, ob ein Junge den Sprung zum Mann geschafft hat“, erzählt der Soziologe. Die traditionsbewussten Schotten werfen heute noch in ihren Kilts Baumstämme durch Wald und Flur.

Den Siegeszug traten die Muskelprotze mit den Wanderzirkussen Anfang des 20. Jahrhunderts an. Jeder noch so kleine Rummel präsentierte den „stärksten Mann der Welt“, einen Samson oder Herkules. Einer der Bekanntesten, der Deutsche Eugen Sandow, füllte mit seinen Vorführungen die Royal Albert-Hall in London mit 40 000 Menschen. Ein Disziplinen-Kanon wie heute existierte noch nicht: Stattdessen wuchtete man(n) Pferde oder – so heißt es – ganze Kutschengespanne in die Höhe.

Endlich sollte es doch wieder ein Schotte sein, der die Historie abrundete. Ein Herr Dr. Douglas Edwards, einer aus der Highländer-Gemeinde, legte in den 70er-Jahren bestimmte Disziplinen fest, die bei einem Strongman-Bewerb zu erfüllen seien. Freilich wird die eine oder andere Variation eingestreut. Der Höhepunkt für die allerstärksten Akteure ist der „World Strongest Man“, bei dem sich die Profis unter den Muskelpaketen messen. DDavon sind die Herren Stadler und Wieninger noch weit entfernt, wie wohl der Sieger vom Sonntag ein Ticket für die WM löst.

Mit Vorurteilen habe man immer zu kämpfen, sagt Oliver Dorsch. „Vielleicht ist unser Nachteil, dass wir unser Sportgerät nicht wie einen Tennisschläger in die Ecke stellen können“, spielt der Soziologe auf das Kapital Körper an. „Wir leben in einer kopflastigen Gesellschaft. Ein muskelbepackter Körper hat etwas Dubioses.“

Also misst der Strongman schon mal den Bizeps-Umfang?! „Eine Bikini-Figur spielt für mich keine Rolle“, sagt Tobias Stadler. Aber dafür werden Pulverchen satt geschluckt? „Ich nehme viele Kohlehydrate zu mir und mal einen Eiweißshake mit Milch“, antwortet der 28-Jährige gelassen. Die Muskelmasse komme durch das beständige Trainieren in der Kraftkammer, an Steinkugeln, Baumstämmen – „oder auf der Baustelle“.

Oliver Dorsch muss sein Kampfgewicht von 130 kg halten. „Ich hab‘ heute morgen fünf Eier verspeist. Man braucht bei meiner Statur im Tag etwa 4000 Kalorien.“ Ob er nicht manchmal gerne etwas zierlicher wäre? „Schon, aber dann müsste ich die ganze Garderobe neu kaufen.“ Nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn wolle er aber behutsam auf rund 100 Kilogramm runtertrainieren. Werner Wieninger hat im Hinblick auf die Deutsche Meisterschaft abgespeckt. „Ganz langsam, von Januar bis jetzt von 111 auf 102,5 kg.“ Daheim auf dem Tisch steht als Snack für zwischendurch eine Schüssel mit Erdbeeren, „damit ich nicht wieder zunehme. Leider tendiere ich dazu.“

Letzteres beweist: „Die Randsportart der Arbeiterklasse“, so Dorsch, ist im Alltag angekommen. „Unsere Athleten repräsentieren einfach einen Querschnitt der Gesellschaft.“ Die Faszination an dieser „sportlichen Show“ (Dorsch)? „Mich reizt das Ungewöhnliche“, sagt Wieninger, der vor vier Jahren über Bodybuilding zum Strongman kam. Und Stadler ergänzt: „Die Aufgaben fordern einen heraus. Ich hab Kraftdreikampf gemacht – immer das gleiche. Das ist irgendwann langweilig.“

Und dann fällt den Herren noch ein prominentes Aushängeschild ihrer Zunft ein: Arnold Schwarzenegger, der es zum Gouverneur in den USA gebracht hat. Als Muskelmann und Österreicher.

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