Ein lauter Knall, ein Feuerschweif, Pulverdampf: Die Drohne vom Typ KZO wird von einem Lastwagen aus zur Aufklärungsmission gestartet. Foto: Archiv
Von Fritz Winter, MZ
Grafenwöhr. Jetzt, kurz vor Mittag, hat sich der dichte Nebel über dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr endlich verzogen. Die Sonne bricht durch, ein strahlend blauer Himmel zeigt sich, und in etwa einem Kilometer Entfernung sieht man einen olivgrünen Laster auf einem Hügel stehen. Plötzlich ein lauter Knall, ein Feuerschweif, Pulverdampf rund um den Lkw – dann verschwindet ein winziger Punkt mit dem Surren eines übergroßen Rasenmähers am Horizont. Die Drohne ist gestartet.
Wir sind bei der 5. Kompanie des Aufklärungslehrbataillons 3 aus Lüneburg. Diese Kompanie – eine von sechs des Bataillons – ist die Drohnenkompanie und sie übt zusammen mit weiteren Einheiten zwei Wochen lang auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. „Hauptarbeitsgerät“ ist das „Kleinfluggerät Zielortung“, kurz KZO, wie die Drohne im Militärjargon genannt wird. Das Besondere an dieser Übung: Erstmals in der Geschichte des Bataillons flogen die Drohnen auch außerhalb des Truppenübungsplatzes und klärten über der Oberpfalz von Grafenwöhr bis kurz vor Burglengenfeld auf. „Luftraumkoordination, Flugplanung und Schießsicherheit hatten dabei eine besondere Bedeutung“, sagt Oberleutnant Jacob Schwarz, der Zugführer des Drohnenzuges.
Einsatzerfahrung in Afghanistan
Das Aufklärungslehrbataillon 3, das zu den Divisionstruppen der 1. Panzerdivision in Hannover und damit zu den Eingreifkräften der Bundeswehr gehört, hat schon umfangreiche Einsatzerfahrung in Bosnien und in Afghanistan gesammelt. Im vergangenen Jahr war die 2. Kompanie in Mazaar-i-Sharif und in Kundus eingesetzt und flog mit dem KZO Aufklärung rund um das dortige deutsche Feldlager. Dieses Jahr bleibt ohne Auslandseinsatz und wird für die Aus- und Weiterbildung genutzt, bevor das Bataillon 2013 die Aufklärungskomponente der EU-Battle-Group und voraussichtlich 2014 wieder einen Einsatzauftrag in Afghanistan übernehmen wird. „Wegen der Nähe zum Flughafen München mit einer hohen Flugfrequenz ist die Übung durchaus mit der Realität des militärischen Flugverkehrs in Afghanistan vergleichbar“, sagt Bataillonskommandeur Oberstleutnant Dr. Christian Freuding. „Die Abstimmung mit der zivilen Flugsicherung ist wesentlich komplexer als auf dem Truppenübungsplatz in der Lüneburger Heide.“
Befehlsausgabe für die Soldaten einer Aufklärungskompanie Foto: Winter
In der Ferne kann man die Drohne hören. Sie zieht wie einprogrammiert Kreise über einem Aufklärungsraum und sendet die Infrarotbilder als Live-Stream an die Bodenkontrollstation. In dem klimatisierten Laster sitzen drei Soldaten: der Kommandant, der Drohnensteuerer und der Luftbildauswerter. Die Steuerung des KZO darf man sich nicht wie im Film vorstellen, wo der Pilot per Joystick die Drohne wie ein ferngesteuertes Flugzeug über das Gefechtsfeld jagt. Sie fliegt den vorher berechneten Kurs entsprechend der eingegebenen Koordinaten bis zu sechs Stunden lang ab. Kurskorrekturen sind durch Eingabe neuer Koordinaten bedingt möglich. Falls die Verbindung mit der Kontrollstation abreißen sollte – was die Ausnahme ist – fliegt sie automatisch direkt zum berechneten Landeplatz zurück. Notfalls kann auch eine sofortige Sicherheitslandung ausgelöst werden. Dann sinkt sie an einem Fallschirm zu Boden.
Konflikt auf der Insel Pandora
Die Übung ist in ein realitätsnahes Szenario eingebettet, erläutert Hauptmann Martin Mittmesser, dessen 2. Kompanie den Ablauf entwickelt hat. Die Soldaten befinden sich auf der fiktiven Insel Pandora, wo ein Konflikt zwischen den Ländern Obsidia und Wislawien ausgebrochen ist. Auftrag ist nun, mit Drohnen über Obsidia, in der Realität der Bereich Niederbayern bis über die Donau Richtung Landkreis Schwandorf, die Stärke des Feindes, dessen Truppenteile, Marschrichtung oder Bewaffnung aufzuklären. In enger Abstimmung mit der Deutschen Flugsicherung wurde dazu am vergangenen Wochenende ein Korridor von Grafenwöhr über Amberg bis nördlich Burglengenfeld für die Drohnen ausgewiesen und die Zivilluftfahrt über den Sektor informiert. Aus Sicherheitsgründen durften dabei bebaute Gebiete nicht überflogen werden. Die Flughöhe musste zwischen 600 und 1500 Meter über Grund betragen. „Alle Flüge sind absolut problemlos verlaufen“, so Oberstleutnant Freuding, ein gebürtiger Weidener.
Der heutige Flug wird den Bereich des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr nicht verlassen. Das „Kleinflugzeug Zielortung“ wurde mit Hilfe einer Feststoff-Rakete aus einem Container auf einem Lkw heraus gestartet und brummt jetzt mit seinem 33 PS starken Zweitakt-Motor durch den Himmel. Neben dem KZO verfügt die Bundeswehr über weitere unbemannte und unbewaffnete Drohnen. Dazu gehört das Mini-Luftaufklärungssystem Aladin und das Luftaufklärungssystem Luna. Für den Afghanistan-Einsatz sind drei israelische Aufklärungsdrohnen vom Typ „Heron 1“ bis Oktober 2014 gemietet. Der Kauf der von den US-Streitkräften seit 1995 eingesetzten bewaffneten „Predator“-Drohne wird von der Luftwaffen-Führung befürwortet. Die Einsätze der ferngesteuerten Kampfjets gegen Aufständische in Pakistan sind völkerrechtlich umstritten: In den vergangenen Jahren sollen hunderte unbeteiligte Zivilisten dadurch ums Leben gekommen sein. Die Bundeswehr will dies durch strenge Einsatzregeln vermeiden.
Den Drohnen gehört die Zukunft
Drohnen sind nach Ansicht von Militärexperten wie auch vielen Politikern ein Waffensystem, dem die Zukunft gehört. Bereits heute testet die Bundeswehr auf dem Stützpunkt in Manching eine eigene Version eines „Global Hawk“, der mit europäischer Technik von 2016 an als „Euro Hawk“ zum Einsatz kommen soll. Insgesamt soll die Luftwaffe in den nächsten Jahren fünf dieser Neuentwicklungen beziehen. Sie können als fliegender Lauschposten fungieren, liefern nicht nur Luftbilder, sondern sollen auch den Datenverkehr auffangen können. Die Drohne mit der Spannweite einer Boeing 737 kann 28 Stunden in der Luft bleiben. Sie soll nicht bewaffnet sein.
Das ist Zukunftsmusik. Mittlerweile befindet sich die KZO auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr im Anflug auf den programmierten Landeplatz. Der Gleitwinkel wird immer flacher, in 100 Metern löst der Fallschirm aus. Das Mini-Flugzeug schwebt zu Boden, der Aufprall wird von Luftkissen gedämpft. Die Drohne ist gelandet. Mission erfüllt.