Ein Zeugnis Oberpfälzer Industriegeschichte: Das Stahlwerk Maxhütte mit dem markanten Hochofen im Vordergrund. Luftbilder: Winter (2), dpa
Von Fritz Winter, MZ
Sulzbach-Rosenberg. Die „Bayerische Eisenstraße“ von Pegnitz nach Regensburg führt in Sulzbach-Rosenberg (Kreis Amberg-Sulzbach) an einem gewaltigen Industriekomplex vorbei. Er wird geprägt von hohen Schornsteinen, einem imposanten Hochofen und riesigen Werkshallen – aber er macht einen heruntergekommenen, verlassenen, traurigen Eindruck. Die Maxhütte, benannt nach dem bayerischen König Maximilian II. Joseph, war das traditionsreichste und technisch führende Stahlwerk der Region, bis sie im Jahre 2002 nach langem Siechtum der Konkurs dahinraffte. Wo zu Blütezeiten 9000 Menschen einschließlich Außenstellen in Lohn und Brot standen, regiert heute der Rost. Aber es gibt einen Funken Hoffnung.
Das Ruhrgebiet des Mittelalters
Die Region um Amberg und Sulzbach galt als das „Ruhrgebiet des Mittelalters“. Seit 1285 ist der Erzabbau urkundlich nachgewiesen. Im Umfeld entstanden zahlreiche Floßöfen, wo das Roheisen ausgeschmolzen und in Hämmern weiterverarbeitet wurde. Die Geschichte der Maxhütte beginnt im Jahr 1851, als die belgische Firma T. Michiels, Goffard & Cie. beschloss, mit der Eisenbahnschienenfabrik in Haidhof (Kreis Schwandorf) ein Schienenwalzwerk zu bauen. Bereits 1864 wurde der erste Kokshochofen in Rosenberg angeblasen, der in direkter Nähe zu den angekauften Erzgruben Annaschacht und Grube Eichelberg lag. Später wurden in der Gegend von Auerbach die Erzgruben Maffei und Leonie erworben.
1929 erwarb der deutsche Industrielle Friedrich Flick die Aktien der Maxhütte. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es mehrere Eigentümerwechsel: Zunächst übernahm der Freistaat Bayern 26 Prozent der Geschäftsanteile, ab 1955 gehörte die Maxhütte wieder vollständig zur Flick-Gruppe. In den 70er Jahren stiegen die Klöckner-Werke aus Duisburg ein, was bedeutende Neuentwicklungen wie das Klöckner-Maxhütte-Stahlherstellungsverfahren mit sich brachte. Im April 1987 kam es zum ersten Konkurs der Maxhütte, die letzte deutsche Eisenerzgrube Leonie wurde geschlossen. Die Neue Maxhütte Stahlwerke GmbH und das Rohrwerk Neue Maxhütte setzten den Betrieb fort bis zum zweiten Konkurs 1998. Gesellschafter waren Thyssen, Krupp, Klöckner, Mannesmann und der Freistaat Bayern. 1993 übernahm der Freilassinger Bauunternehmer Max Aicher die Anteile – ohne Erfolg: Der letzte Hochofenabstich war am 23. September 2002. Der Verlust von Tausenden von Arbeitsplätzen bedeutete zunächst eine strukturpolitische Katastrophe für die Region Sulzbach-Rosenberg.
Ein Bild aus besseren Tagen: Ein Stahlarbeiter in der Maxhütte.
Größtes Stahlwerk Süddeutschlands
Aufgrund ihres Alters und ihrer teilweise einmaligen technische Ausstattung besitzt die ehemalige Maxhütte heute hohen Denkmalwert. Laut Beate Zarges vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ist für die Maxhütte die Denkmaleigenschaft bereits seit langem festgestellt. Sie erfülle wegen ihrer „geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung sämtliche Bedeutungskategorien des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes. „Davon eine besonders, nämlich die der geschichtlichen Bedeutung“, so Zarges. Als seit 1914 größtes Hüttenwerk nicht nur Bayerns, sondern Süddeutschlands, besitze die Maxhütte eine herausragende wirtschafts- und industriegeschichtliche Bedeutung. Die Gesamtanlage und einzelne Teile dokumentierten „einen historisch gewachsenen technologischen Produktionsstand mit einer Maschinenausstattung, die teilweise bis in das Jahr 1907 zurückreicht“. Die gebauten Hüllen, die für die technische Ausstattung geschaffen wurden, bildeten wichtige Zeugnisse des Industrie- und Ingenieurbaus.
Immerhin ist die Maxhütte das einzige integrierte Stahl- und Hüttenwerk Deutschlands, das auf engstem Raum alle Phasen der Produktion vom Erz bis zum fertigen Endprodukt beinhaltet. Die Konverter des Werks sind die letzten verbliebenen Zeugen des in der Maxhütte entwickelten Oxygen-Bodenblas-Metallurgie-Verfahrens und mit dem Hochofen III ist ein einmaliges Exemplar eines Hochofens mit Setzkübelbegichtung über Vertikalaufzug und elektrischen Möllerwagen erhalten. Er zählt neben dem Ofen der Henrichshütte im Ruhrgebiet zu den ältesten in Deutschland erhaltenen Hochöfen. Dies ist Zeugnis eines technologischen Standards, der seit Jahrzehnten der Vergangenheit angehört. Historisch weitgehend einmalig sind auch die Cowper-Winderhitzer.
Ideen gibt es viele – das Geld fehlt
In der Maxhütte sieht es zwar aus, als ob die Arbeiter nach der letzten Schicht das Gelände fluchtartig verlassen hätten – aber es wird über die Zukunft nachgedacht. Die Gesellschafteranteile von 45 Prozent des Freistaates sind mit dem Konkurs erloschen, das Werksgelände wurde vom Konkursverwalter an eine zur Aicher-Gruppe gehörende Projektentwicklungsgesellschaft veräußert. Während die Eigentümer nur den Hochofen, die Gießhalle und den Platz darum als Denkmal nutzen wollen, schwebt Denkmalschützern eine große Ensemble-Lösung vor. „Ein begehbares und erlebbares Museum könnten sich die Denkmalschützer gut vorstellen“, sagt die Sulzbach-Rosenberger Stadtbaumeisterin Petra Schöllhorn, die aber gleichzeitig darauf hinweist, dass die finanziell klamme Stadt die Trägerschaft für ein Kultur- und Museumsprojekt nicht übernehmen könne. Deshalb wolle man zunächst abwarten, welche Teile der Maxhütte das Landesamt als Denkmal festsetzt, um dann in großer Runde nochmals über mögliche Nutzungskonzepte zu diskutieren. Auszuloten sei auch, welche Fördermittel beispielsweise von Europäischer Union, Bund oder Land erschlossen werden könnten. „Wir brauchen vor allem eine finanzielle, weniger eine ideelle Unterstützung“, sagt Schöllhorn.