Ein SS-Offizier fotografierte Julian Majkas Hinrichtung. Der Vergleich der Bäume zeigt: Die Fotos stammen von der gleichen Stelle.
Von Florian Sendtner, MZ
Michelsneukirchen. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto. Fast jeder würde es wohl wegschmeißen. Es ist nichts darauf zu sehen, zumindest nichts, worin man irgendeine Bedeutung erkennen könnte. Der unbekannte Fotograf ist offenbar auf einer Wiese gestanden und hat die Kamera auf den Waldrand gehalten. Man sieht nichts als Bäume, im Vordergrund links eine Birke mit einem leicht krumm gewachsenen Stamm, rechts eine Kiefer.
Gottseidank hat es niemand weggeschmissen, dieses Foto. Es ist das gespenstischste Foto einer Serie von mehreren Fotos, gespenstisch gerade deshalb, weil auf ihm all das schreckliche nicht zu sehen ist, was auf den fünf anderen zu sehen ist. Nach über 70 Jahren hat der Regensburger BR-Reporter Thomas Muggenthaler mit Hilfe dieses unscheinbaren Fotos einen Mord aufgeklärt, einen staatlichen Mord, eine Hinrichtung. Zwischen der Birke mit dem leicht verwachsenen Stamm und der Kiefer war am 18. April 1941 eine Holzstange als „Querbalken“ befestigt, an dem hat eine Rotte von Staatsbediensteten den jungen Polen Julian Majka aufgehängt. Sein Verbrechen: Liebe. Er hatte ein Verhältnis mit einem Mädchen, sie wurde schwanger, das befanden gewisse Herren für todeswürdig.
Das Grauen als Souvenir
Seit 2007 ist in der neugestalteten Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eine Serie von fünf Fotos zu sehen, die Charlie Hollenbeck, GI der 90. US-Infanteriedivision, bei der Befreiung des KZ Flossenbürg in der SS-Kommandantur erbeutet und als Souvenir mitgenommen hat. Jahrzehnte später fanden die Fotos den Weg zurück nach Flossenbürg. Auf ihnen ist die Hinrichtung eines jungen Mannes in einem Wald zu sehen.
Charlie Hollenbeck hatte die grausigen Bilder in sein Fotoalbum geklebt, um den Terror zu dokumentieren, von dem er und seine Kameraden die Welt befreiten. Er schrieb darunter: „Ein normales Ereignis im Konzentrationslager Flossenbürg im Zweiten Weltkrieg. Dieses Lager wurde am 23. April 1945 von der 90. Division befreit.“
Weil er ein deutsches Mädchen liebte und mit ihr einen Sohn zeugte, musste Julian Majka sterben.
Hollenbeck irrte. Zwar hatte er recht damit, dass Hinrichtungen im KZ Flossenbürg ein „normales Ereignis“ waren, auch war es alles andere als ein Zufall, dass er die Fotos in der dortigen Kommandantur gefunden hatte. Doch die auf den Fotos dokumentierte Hinrichtung fand weder in Flossenbürg noch in der Nähe des Oberpfälzer KZ statt. Sondern 70 Kilometer weiter südlich, in Michelsneukirchen, damals Kreis Roding, heute Landkreis Cham.
Die Verbindung zu Flossenbürg: Die Gestapo bediente sich zweier KZ-Gefangener als Henker. Und: zu deren Bewachung waren natürlich Herren von der SS aus Flossenbürg dabei. Einer dieser SS-Schergen hat die Fotos gemacht und sie dann an seinem „Arbeitsplatz“ in Flossenbürg in seinem Schreibtisch verwahrt – wo sie Charlie Hollenbeck schließlich fand, als das Mörderpack am 23. April 1945 endlich verjagt war.
Um das alles herauszufinden, brauchte es indes ein bisschen mehr, als das, was an Scharfsinn, Hartnäckigkeit und siebtem Sinn nötig ist, um einen „Tatort“ oder einen anderen Fernsehkrimi aufzulösen. Da war zu allererst: Thomas Muggenthaler. Seit bald 30 Jahren erforscht der Regensburger Reporter, der in Cham aufgewachsen ist, das, was ganze Dörfer seit Generationen wissen und gleichzeitig unter den Teppich kehren: dass allein zwischen 1941 und 1943, nur in Niederbayern und der Oberpfalz, 22 polnische Zwangsarbeiter wegen verbotener Beziehungen zu deutschen Frauen hingerichtet wurden. Der Rassenwahn der Nazis in Reinkultur: Nur „fremdrassige“ Männer, die „arische“ Frauen „geschändet“ hatten, waren des Todes. Polnische Zwangsarbeiterinnen, die von deutschen Männern schwanger waren, kamen mit dem Leben davon, die deutschen Männer sowieso. Die Wahnidee, die heute immer noch herumgeistert, lautete: Das „edle“ Erbgut der „Arier“ darf unter keinen Umständen herabgemindert werden.
Spur von Amberg nach Regensburg
Entscheidend bei Muggenthalers Recherchen war ein Aktenfund im Staatsarchiv Amberg: Zu Beginn der 50er Jahre ermittelte die Regensburger Staatsanwaltschaft gegen drei Herren von der Gestapo wegen Beihilfe zum Mord. Fritz Popp, Sebastian Ranner und Luitpold Kuhn, die ihren Schreibtisch in der Regensburger Polizeiwache am Minoritenweg 1 hatten. Zeugen wurden vernommen, Akten akquiriert – die Nazis brachten bekanntlich ungern jemanden um, ohne eine akkurate Todesurkunde auszufertigen. 2500 Seiten hatten die Ermittlungsakten am Ende – und dann wurde alles eingestellt. Wie das eben so war Anfang der 50er: Zuerst wurden die Mörder noch ins Visier genommen, und dann, wie über Nacht, war jeder Strafverfolgungseifer erloschen. Man schloss Frieden mit den Henkern.
An einem Waldrand bei Michelsneukirchen wurde am 18. April 1941 der polnische Zwangsarbeiter Julian Majka erhängt. Ein Einheimischer fotografierte die Stelle später und bewahrte das Foto jahrzehntelang auf.
Doch das entscheidende Puzzleteil, das den Mord endlich aufklärte, der auf den fünf Fotos zu sehen ist, die Charly Hollenbeck am 23. April 1945 in Flossenbürg erbeutete, war das eingangs erwähnte sechste Foto. Es stammt nicht von dem SS-Fotografen und auch nicht vom Tag des Mordes, sondern wurde später aufgenommen. Ein Einheimischer, der die Hinrichtung mitbekommen hatte, fotografierte den Tatort, an dem keinerlei Spuren mehr zu sehen sind. Wiederum Jahrzehnte später gelangte Thomas Muggenthaler in den Besitz dieses unscheinbaren Fotos, auf dessen Rückseite ein Kreuz zu sehen ist, und erfuhr: Hier wurde ein polnischer Zwangsarbeiter ermordet.
Dass es sich hierbei um Julian Majka handelte, war aus den Akten im Amberger Staatsarchiv zu erfahren. Aber dass die fünf Fotos der bis dahin nicht lokalisierten und nicht identifizierten Hinrichtung mit dem einzelnen, späteren Foto, auf dem nur die Bäume zu sehen sind, tatsächlich übereinstimmt, das brachten erst zwei Spezialgutachter heraus. Der Regensburger Forstsachverständige Alois Schambeck verglich „Baumarten, Wuchsformen und räumliche Anordnung der Bäume zueinander“ und kam „mit nahezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ zu dem Schluss, „dass die auf den Bildaufnahmen dargestellten Waldorte identisch sind.“
Gutachter bestätigt den Ort
Ein noch ausführlicheres Gutachten erstellte Anton Fischer, Professor für Geobotanik in Weihenstephan. Anhand zahlreicher Details stellte er eine eindeutige Übereinstimmung fest, darüber hinaus entdeckte er bei den Fotos von der Hinrichtung im Hintergrund des Waldes durchscheinende Häuser und glaubt, diese anhand zeitgenössischer Fotos von Michelsneukirchen einwandfrei identifizieren zu können.
Zwei Monate, bevor Julian Majka hingerichtet wurde, brachte seine Geliebte einen Sohn zur Welt. Bis Mai 1942 saß sie im Gefängnis. Der Sohn dieser von Staats wegen verbotenen Liebe verließ später die Oberpfalz. Genaueres über seinen ermordeten Vater erfuhr er zum ersten Mal 2003 im Autoradio: in der Sendung „Verbrechen Liebe“ von Thomas Muggenthaler.