Acht Sekunden lang muss sich der Cowboy in möglichst eleganten Posen auf dem „Wildpferd“ halten.
Von Reinholdl Willfurth, MZ
vilseck.
Zwischen dem traditionellen hawaiianischen Fest „Luau“ inklusive „diversen asiatisch-pazifischen Tanzaufführungen“ und dem Live-Auftritt der Partyband „Rotzlöffl“ wird die Luft schwer testosteronhaltig: Männer auf bockenden Pferden sollen beim „American Rodeo“ im Rahmen des Deutsch-Amerikanischen Volksfests vom 13.bis 16. Mai in Vilseck (Lkr. Amberg-Sulzbach) eine Ahnung von Freiheit und Abenteuer verbreiten. Mit dem Auftritt der „echten Cowboys“ (Eigenwerbung) in der Oberpfalz haben sich die Veranstalter jetzt aber den Vorwurf eingehandelt, „Volksbelustigung auf Kosten von Pferden und Rindern“ zu betreiben.
Tierschutzbund ruft zu Boykott auf
Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes verhängte den Bann über die Tiershow als Teil eines Festes, das eigentlich der Völkerverständigung dienen soll. „Es ist eine Schande, dass einem solchen Spektakel in Vilseck die Bühne geboten wird“, wetterte Wolfgang Apel und rief zu einem Boykott des Spektakels auf.
Daniel König, Vorsitzender des Festveranstalters, des deutsch-amerikanischen Vereins „Outreach-Kontakt“, versteht die Aufregung nicht. „Bei den Amerikanern ist das Rodeo so gut wie eine kulturelle Veranstaltung“, sagt König im MZ-Gespräch. Überdies passe Rodeo gut in den Rahmen des deutsch-amerikanischen Volksfestes. Der Verein verlasse sich darauf, dass „nichts Unrechtes“ passiere. Das Rodeo werde von einem Externen betrieben, sei also eine in das Fest „eingebettete Veranstaltung“. Überdies, so König: „Von den Tierschützern hat sich keiner bei uns gemeldet“.
Rodeo-Veranstalter Dieter Brand aus Darmstadt ist Kummer mit Tierschützern gewöhnt. Auf seiner Homepage findet sich sogar eine Extra-Rubrik „Unseriöser Tierschutz“. Brand zählt im Gespräch mit der MZ auf, wie schonend die Tiere bei seiner Art Rodeo behandelt würden: „Ohne Zügel, ohne Gebiss im Maul, keine Sporen, was will man mehr?“ Beim „Wildpferdreiten“ gehe es so: „Sattel drauf — sonst nichts. Das Pferd buckelt den Reiter runter, geht in den Stall zurück und frisst gleich wieder“ — für Brand ein sicheres Zeichen dafür, dass es dem Tier gut gehe. Außerdem achteten gleich zwei Tierärzte darauf, dass keine Tiere, wie von den Tierschützern behauptet, gequält würden.
Einer der Tierärzte wird Dr. Werner Pilz bzw. einer seiner Kolleg(inn)en vom Staatlichen Veterinäramt des Landkreises Amberg-Sulzbach sein. Pilz’ Aufgabe ist es, zu überprüfen, ob die „ziemlich strengen Bestimmungen“ des bayerischen Umweltministeriums für Rodeos im Freistaat eingehalten werden. Sporen oder Flankengurte bei Disziplinen wie „bareback riding“ sind demnach ebenso tabu wie das spektakuläre Bullenreiten. An allen vier Tagen des Volksfestes werde ein Amtstierarzt über die Gesundheit der Tiere wachen, kündigte Dr. Pilz an — möglicherweise ergänzt durch einen „Mitarbeiter des Vollzugs“, der dem Rodeobetreiber bei Verstößen sofort Einhalt gebiete.
Das könnte unter Umständen passieren, denn gegenüber der MZ kündigte Veranstalter Brand neben „Wildpferdreiten“ und „Rinderarbeit“ auch die Disziplin „Bullriding“ für seine 30 mal 40 Meter große Arena in Vilseck an. Zu einem „Showdown am Corral“ könnte es auch mit Tierschützern kommen. Die protestieren auch mal gerne vor Ort gegen die Behandlung der Tiere und dokumentieren die vermeintliche Tierquälerei mit Kameras.
Für die zahlreichen Amerikaner unter den knapp 10.000 erwarteten Volksfestbesuchern dürfte das ein kurioses Spektakel werden. In vielen US-Bundesstaaten gilt Rodeo als Volkssport, bei dem der Umgang mit den Tieren noch viel rauer ist als im domestizierten Europa. „Wir bringen den Jungs ein Stückchen Heimat nach Deutschland“, ist sich Veranstalter Brand sicher — auch wenn das brutale „Tie down roping“, das Einfangen von Kälbern mit einem starren Lasso, hierzulande verboten sei.
Die Retter der Lippizaner
Beim abgespeckten Rodeo wird also manche kleine Enttäuschung bei den GIs und ihren Familien nicht zu vermeiden sein – zumal die in Vilseck ansässigen Soldaten im „Zweiten Kavallerieregiment“ dienen, der ältesten noch aktiven Einheit der US-Armee, die bereits 1836 zu Pferde gegen die rebellierenden Seminolen-Indianer in Florida zogen. Noch heute setzen sich die GIs in der Freizeit gerne noch den aus Westernfilmen bestens bekannten Hut der US-Kavallerie auf. Unter der Führung von Oberst Charles H. Reed retteten die Vorgänger der Vilsecker Kavalleristen am Ende des Zweiten Weltkriegs auch die weltberühmten Lipizzaner-Pferde hinter den sowjetischen Linien. Dem Kommando der 3. US-Armee von General George S. Patton unterstellt, wurde das von den Nazis ins westböhmische Hostau verlegte Gestüt 1945 evakuiert.
Für ihren Einsatz in Afghanistan, zu dem die Einheit beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest offiziell verabschiedet wird, benutzen die Soldaten allerdings modernstes Gerät wie den Radpanzer „Stryker“. Von dem Streit zwischen Veranstalter und Tierschützern wollen sich die Amerikaner nicht den Spaß an ihrem Nationalspektakel kurz vor ihrem lebensgefährlichen Einsatz am Hindukusch nicht verderben lassen. „Wir freuen uns auf die Veranstaltung“, sagt Army-Sprecher Franz Zeilmann. Und „wir gehen davon aus, dass alles mit rechten Dingen zugeht“.