Schweinedame Enzi hat einen gesegneten Appetit – und einen stattlichen Hängebauch. Foto: Eisenschink
Von Gerhard Eisenschink, MZ
Pentling. „Enzi war langsam dabei, unser gesamtes Haus zu zerlegen“, erinnert sich Marianne Wild. Besucher bei Familie Wild in Pentling können heute noch die Kau-Spuren an Türen, Stuhlbeinen und Sesseln sehen. „Und Enzis Vorliebe sind Decken, die sie schmatzend in ihre Einzelteile zerkaut, um sich daraus ein Nest zu bauen“, beschreibt Marianne Wild die Unarten ihres acht Jahre alten weiblichen Minischweines. Zu denen auch gehört, Besucher in die Beine zu zwicken, denn Enzi hat ein starkes Revierverhalten. Doch anders als bei Familie Wilds eineinhalb Jahre alter Berner Sennenhündin Walli äußert sich das bei Enzis eher hinterlistig.
„Walli bellt eine Weile, dann ist Friede, und Besucher sind Teil der Hausgemeinschaft geworden. Enzi umschleicht den Besucher und wartet auf einen unbedachten Augenblick, um ohne Vorwarnung zu zwicken“, beschreibt Marianne Wild die Kriegslist ihrer Enzi. Die sie ansonsten wegen ihrer Klugheit bewundert, denn anders als Hündin Walli ist Enzi beim Betteln um Futter viel effektiver. „Walli jault und winselt, aber wenn man nicht reagiert, gibt sie schnell auf. Enzi hat Zeit, sie weiß genau, wie sie mein Herz erweicht und steht einfach nur da und schaut mich an“, schwärmt Marianne Wild über ihr Schweinchen.
Ein Geschenk zum Geburtstag
Die Herzensangelegenheit zwischen Marianne Wild und Minischwein Enzi begann 2004, als die Tochter ihrer Mutter das damals noch winzige Schweinchen zum Geburtstag schenkte. Enzi stammte von einem Züchter bei Straubing, der sich auf die besondere Haustier-Rasse spezialisiert hatte. Ein Name war schnell gefunden: Enzi nach Enzi Fuchs, der Regensburger Volksschauspielerin. So zog Enzi im Haus der Familie Wild ein und begann mit ihrem eigentlichen Lebenszweck: Fressen und wachsen. Denn auch ein Minischwein will groß werden.
Das Minischwein ist eine besondere Züchtung, die ursprünglich für Versuchslaboratorien entwickelt wurde, erst später wurden die Tiere in der Hobbyhaltung beliebt und dafür weitergezüchtet. „Meine Enzi hat die Borsten vom Wildschwein, die rosa Farbe vom Hausschwein und den Bauch vom Vietnamesischen Hängebauchschwein“, umreißt Marianne Wild das Aussehen ihres Lieblings.
Eine der ersten Rassen war in den 1940er Jahren in USA das Minnesota-Minischwein. Wegen der anatomischen Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Schwein bestand großer Bedarf an Versuchstieren. Je kleiner die Tiere waren, desto geringer die Haltungskosten. Auch bei den Versuchskosten hatte das Minischwein die Nase vorn, denn bei der Entwicklung neuer Medikamente werden diese nach dem Körpergewicht dosiert. Minischweine ermöglichten mit kleineren Portionen dieselben Einsichten wie ihre größeren Vettern mit viel höheren Dosierungen.
Doch Marianne Wild könnte nicht sagen, dass ihr Schweinchen mit kleineren Dosierungen beim Futter zufrieden wäre. „Enzis Appetit ist unersättlich“, meint sie und zeigt auf den dicken Bauch des Tieres. Enzi hat züchterisch den durchhängenden Bauch des Vietnamesischen Hängebauchschweines – und dieser nimmt immer gewaltigere Ausmaße an.
Während Enzi früher die Treppen zum Hochparterre des Hauses selber rauf und runterlaufen konnte, musste in den letzten Jahren eine Rampe helfen, denn treppab konnte Enzi mit ihren kurzen Beinen wegen des monströsen Bauches die jeweils untere Stufe nicht mehr erreichen. „Fressen ist Enzis wichtigster Lebensinhalt. Wenn ich morgens aufstehe, wartet sie schon schwanzwedelnd vor dem Haus auf Einlass, damit ich sie füttere.“
Der große Garten ist wichtig
Bei ihrer Kost ist die Schweinedame flexibel: Kartoffeln, Gemüse, Obst, Brot, Müesli, alles wird schmatzend vertilgt. Während des Tages, wenn die Wilds außer Hauses sind, ist das Minischwein im weitläufigen Garten unterwegs auf Nahrungssuche. Beeren, Äpfel und Gras ergänzen die Mahlzeiten im Haus. Ein großer Naturgarten ist damit für die Haltung eines Minischweines wichtig. „Ein Minischwein ist kein Haustier“, warnt Marianne Wild und berichtet von Nachbarn, die ihr Schweinchen nach einem Jahr weggeben mussten, weil ihr Reihenhaus mit kleinem Garten nicht mehr ausreichte. Tatsächlich möchte auch Enzi während des Tages ihren Schweinegelüsten nachgehen und wühlen. Unter den Büschen gräbt sie die Erde um und macht sich eine Kuhle. Wahrscheinlich der Alptraum für jeden Hobbygärtner und Ziergartenbesitzer.
Auch Familie Wild musste bei ihrem Minischwein umdenken. Ihre ersten vier Lebensjahre verbrachte Enzi nur im Haus und fühlte sich dort pudelwohl. Aber ihre unbefriedigte Wühllust machte sie immer mehr durch Kauen an Möbeln, Decken und Kissen wett. Ein unhaltbarer Zustand. Und so musste Enzi ausziehen in den Hundezwinger draußen im Garten. Anfangs eine schwierige Umstellung, die Enzi mit jämmerlichem Quieken quittierte. Doch mittlerweile hat sie ihren neuen Schlafplatz in frischer Luft bestens akzeptiert. „Nachdem wir inzwischen schon dreimal die Türe vergrößern mussten, weil Enzi immer dicker wurde“, lacht Marianne Wild.
Um 21 Uhr geht’s ins Bett
Trotzdem gehört das Innere des Wohnhauses nach wie vor zu Enzis Lebensbereich. Jeden Abend, wenn die Wilds von der Arbeit zurück sind, kommt sie die Treppen hochgeschnauft – zum Fressen, das ihr Frauchen richtet. Dann ist Feierabend und Enzi liegt zusammen mit Hündin Walli friedlich vor Marianne Wilds Füßen beim Fernsehen. Früher wurde sie gar noch auf das Sofa gehoben, was nunmehr bei Enzis 60 Kilo Gewicht der Vergangenheit angehört. Doch die Familienidylle ist auch so vollendet. Bis sie aus Enzis Sicht jäh jeden Abend um 21 Uhr unterbrochen wird. Dann ist Bettgehzeit. Das Schweinchen muss das Haus verlassen und in seinen Zwinger übersiedeln. Was Enzi auch nach vier Jahren nicht akzeptiert und regelmäßig mit lautem Quiek-Konzert beantwortet. Erst dann kehrt bei Wilds der nächtliche Friede ein.
Dass nicht alles nach ihrem Kopf geht, muss Enzi während des Tages auch im Garten lernen. Mit Berner Sennenhündin Walli hat sie ein völlig unbelastetes Verhältnis, die beiden kennen sich und haben keinerlei Rangeleien miteinander. Bei den 15 Laufenten, die Familie Wild im Garten hält, ist Enzi klar der Chef, man geht ihr respektvoll aus dem Weg. Aber da ist noch die Graugansfamilie mit Ganter Rudi und seinen zwei Damen.
Die haben dieses Jahr Nachwuchs bekommen und Rudi verteidigt seine zwei Gänschen heroisch. Wenn Enzi da zu nahe kommt und warnendes Zischen ignoriert, hagelt es Bisse, die Enzi schon mal blutige Stellen am Körper eingebracht haben. Schweine sind Rottentiere und in der Rotte muss eine klare Rangordnung ausgerauft werden. Im Garten bei Familie Wild hat das Gänserich Rudi übernommen.
Ansonsten herrscht im Garten Friede und Enzi kann tun und lassen, was sie möchte. Sich eben sauwohl fühlen. Selbst mit kalten Winternächten in ihrem Hundezwinger kommt sie perfekt klar. Dafür gibt es ja auch genügend zerkaute Decken, die man perfekt zu einem Nest arrangieren kann.