Die Großbäckerei steht wegen Hygieneproblemen unter Beobachtung.
Neufahrn.
Der Skandal um Hygienemängel in der oberbayerischen Großbäckerei Müller-Brot weitet sich aus, immer mehr unappetitliche Details werden bekannt. Dabei haben die Lebensmittelkontrolleure die mittlerweile geschlossene Bäckerei wegen Mäusekot und ähnlicher Mängel bereits seit zweieinhalb Jahren im Visier. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit fast neun Monaten. Bei den gefundenen Schädlingen handelte es sich um Mäuse.
Wiederholt Mäusekot und Speisereste in der Produktion gefunden
Die Öffentlichkeit erfuhr allerdings erst vor wenigen Tagen, dass das Unternehmen mit massiven Problemen zu kämpfen hat. Der Leiter des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), Andreas Zapf, sagte dem Bayerischen Rundfunk, man habe wiederholt Mäusekot und Speisereste von früheren Produktionen gefunden. Die Anlagen seien daraufhin gereinigt worden, später sei der Kot aber an anderen Stellen wieder aufgetaucht.
Das Landratsamt Freising wies die Staatsanwaltschaft Landshut am 10. Mai 2011 auf Hygienemängel in dem Neufahrner Betrieb hin, wie Oberstaatsanwalt Markus Kring am Freitag sagte. Besondere Kontrollen der Lebensmittelüberwachung gab es bereits seit zweieinhalb Jahren. Eine Spezialeinheit des LGL habe den Betrieb erstmals am 9. Juli 2009 unter die Lupe genommen, sagte Zapf am Freitag in Freising. Bis Ende 2011 folgten weitere sechs Überprüfungen. Dazu kamen Kontrollen des Landratsamts.
„Es wird wegen des Inverkehrbringens von Lebensmitteln ermittelt, die für den Verzehr durch den Menschen ungeeignet sind“, sagte Oberstaatsanwalt Kring. Ungeziefer habe bislang nicht die Hauptrolle gespielt. Es sei aber in der Branche bekannt, dass Mäuse und Schaben in Backstuben dazugehören. Die Staatsanwaltschaft habe sich vor allem dafür interessiert, „welche Lebensmittel den Betrieb verlassen haben“, sagte Kring. Danach sei es in erster Linie darum gegangen, wie die Verschmutzungen der Produktionsanlagen abgestellt werden können. Der Staatsanwalt nannte das Bemühen um bessere Hygiene in der Großbäckerei ein „stetiges Auf und Ab“.
Von den hygienischen Mängeln seien „verschiedene Produktlinien und Teile des Betriebs betroffen gewesen“, sagte Zapf - etwa Maschinen, die Warenausgabe oder das Lager. Das Landratsamt ordnete daraufhin mehrfach eine Reinigung des Betriebs an und überwachte deren Umsetzung. Es wurden mehrfach Bußgelder verhängt, darunter zweimal 25.000 Euro.
Müller-Brot wurde verboten, Waren aus den beanstandeten Produktionsbereichen zu verkaufen. Es sei auch mehrfach zu Rückholaktionen gekommen, wenn Mängel festgestellt worden seien, sagte Ingo Schwarz, bei der Kreisbehörde zuständig für Gesundheitsangelegenheiten. „Das betrifft Waren, die aus rechtlichen Gründen nicht in den Verkehr gebracht werden durften. Eine Gesundheitsgefahr für die Verbraucher bestand nicht.“
„Die Situation hat sich leider nicht so verbessert, wie wir das erwartet haben“, sagte Zapf über die wiederholten Kontrollen. Wegen des „derart massiven Schädlingsbefalls“ habe man beschlossen, dass eine wirkliche Sanierung nur möglich ist, wenn die gesamte Produktion stillgelegt wird. Am 30. Januar waren nach Angaben des Freisinger Landrats Michael Schwaiger (Freie Wähler) 20 Kontrolleure bei Müller-Brot tätig. Danach habe man entschieden: „Es kann so nicht mehr weitergehen“, sagte Zapf. Man habe den Betrieb angehalten, den Betrieb stillzulegen, sagte Schwaiger.
Backöfen bleiben bei Müller-Brot weiter aus
Auch eine erneute Kontrolle am Freitagnachmittag brachte keine Entwarnung. Die Behörden entschieden, dass die Großbäckerei ihre Produktion vorerst nicht wieder aufnehmen darf. Die bisher durchgeführten Reinigungs- und Sanierungsarbeiten seien zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausreichend, um den Ansprüchen an eine hygienisch einwandfreie Herstellung von Lebensmitteln zu genügen, teilte das Landratsamt Freising am Abend mit. „Die Produktion in der Betriebsstätte von Müller-Brot in Neufahrn bleibt daher bis auf weiteres stillgelegt.“
Die Großbäckerei erzielt nach eigenen Angaben einen Umsatz von rund 115 Millionen Euro pro Jahr. Müller-Brot backt bis zu eine Million Semmeln und Brezen pro Tag sowie an die 70.000 Brote. Die Firma beschäftigt insgesamt etwa 1300 Mitarbeiter, davon etwa 450 in Neufahrn.
Der Skandal beschäftigt mittlerweile auch den Landtag in München. SPD und Grüne forderten volle Aufklärung des Parlaments. Unter anderem müsse gesagt werden, welche Kontrollergebnisse die Überprüfungen in den vergangenen Jahren brachten. Zudem interessiere, ob das Landratsamt möglicherweise für Verzögerungen bei der Aufklärung mitverantwortlich ist. „Es ist massiv erklärungsbedürftig, warum sich die Verstöße bei Müller Brot über einen so langen Zeitraum hinziehen konnten“, sagte der Vorsitzendes Gesundheit des Gesundheitsausschusses, Christian Magerl (Grüne).
Das Gesundheitsministerium verteidigte die Arbeit der Behörden: „Der Vorgang zeigt, dass die Lebensmittelüberwachung in Bayern funktioniert und die Behörden gut zusammenarbeiten.“ Die Maßnahmen des Landratsamts hätten sich stets am Grundsatz der Verhältnismäßigkeit orientiert. Das Unternehmen trage die Verantwortung für hygienisch einwandfreie Lebensmittel. Das Ministerium habe Ende vergangenen Jahres „mit Nachdruck darauf gedrängt, dass die Mängel schnell und dauerhaft beseitigt werden und dass auch eine Betriebsschließung in Betracht zu ziehen ist“.
Die Verbraucherorganisation foodwatch forderte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) auf, schnellstmöglich alle amtlichen Kontrollergebnisse zu veröffentlichen. Der Verband Deutscher Großbäckereien bedauerte die Hygienemängel bei seinem Mitgliedsbetrieb. „Nur Betriebe mit hohen Hygienestandards werden wettbewerbsfähig bleiben“, sagte Hauptgeschäftsführer Armin Juncker in Düsseldorf.
Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) befürchtet nun einen Stellenabbau und forderte, unverzüglich die Geschäftsführung in Neufahrn auszuwechseln. „Nur so besteht noch die geringe Chance, das Vertrauen der Verbraucher, der Behörden, der Öffentlichkeit und vor allem der Beschäftigten zurückzugewinnen“, sagte ein Sprecher.