Bei Müller-Brot steht die Produktion still.
Neufahrn/Berlin.
Müller-Brot-Chef Klaus-Dieter Ostendorf hat „grobe Fehler“ im Umgang mit den Lebensmittelkontrolleuren, den Kunden und der Öffentlichkeit eingeräumt. Für das Debakel der vergangenen anderthalb Wochen übernehme er persönlich Verantwortung, sagte der Mehrheitseigentümer der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstagausgabe). Das Vertrauen der Kunden wiederzugewinnen, „das wird ein verdammt steiniger Weg“, sagte Ostendorf.
Sowohl das Hygienemanagement als auch die Kommunikation mit Kunden, Mitarbeitern und Partnern seien falsch gelaufen. Momentan werde jede Maschine auseinandergebaut, in ihre Einzelteile zerlegt, gereinigt und wieder montiert. „Und mit Unterstützung der Behörden wird unsere Produktion wohl die sauberste in der Umgebung werden“, sagte Ostendorf.
Den Pächtern, die zwei Drittel der 240 Müller-Brot-Filialen führen, kündigte er einen Ausgleich für ihre Verluste an. Mit einem unabhängigen Expertenbeirat, Verbraucherinformationen und einem Tag der offenen Tür wolle er für Transparenz sorgen.
Nach Gewerkschaftsangaben steht Müller-Brot nach der erzwungenen Schließung seiner Backfabrik in Neufahrn vor einem Personalabbau. „Die Geschäftsführung befürchtet, dass es zu einem Stellenabbau kommen wird“, sagte der Vertreter der Gewerkschaft Nahrung-Genuss- Gaststätten (NGG), Mustafa Öz, am Freitag. Bei einem Treffen von Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft sei von Millionenverlusten seit dem Produktionsstopp die Rede gewesen. Der Betrieb ruht seit fast zwei Wochen.
Mit der Reform des Verbraucherinformationsgesetzes sollen künftig Verbraucher bei ähnlich unappetitischen Skandalen von den Behörden leichter Informationen erhalten. Der Bundesrat ließ die vom Bundestag beschlossene Reform am Freitag passieren. Die Neuregelung, die voraussichtlich zum 1. September in Kraft tritt, soll Hemmschwellen abbauen, zum Beispiel indem Anfragen bei Ämtern bis zu einem Verwaltungsaufwand von 250 Euro künftig kostenlos sind. Für Anfragen sollen fortan eine E-Mail oder ein Anruf reichen.
Eine Filiale der Bäckereikette Müller-Brot
Neue Gesetze für zukünftige Fälle
Als Konsequenz aus Lebensmittelskandalen sollen zudem Behörden von sich aus die Öffentlichkeit informieren, wenn Überwachungen bei bestimmten Produkten überschrittene Grenzwerte ergeben. Der Präsident des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), Andreas Zapf, erklärte, dass das neue Gesetz auch bei Fällen wie Müller-Brot greife: „Damit gibt es in Zukunft eine klare Regelung, die Öffentlichkeit in vergleichbaren Fällen zu informieren.“ Nach den bisherigen Vorgaben erfolgte eine Warnung nur, wenn ein Verdacht auf Gesundheitsgefährdung besteht. „Dies war im vorliegenden Fall zu keinem Zeitpunkt gegeben“, sagte Zapf.
Zapf betonte, dass kein Versagen der Lebensmittelkontrolleure vorliege. „Im vorliegenden Fall handelt es sich um das Versagen eines einzelnen Lebensmittelunternehmers“, sagte der LGL-Chef. „Die unhygienischen Zustände bei der Firma Müller-Brot wurden von der amtlichen Lebensmittelüberwachung aufgedeckt und konsequent bis hin zur Einstellung der Produktion verfolgt.“
Nach einer Abnahme durch die Lebensmittelbehörden sei beabsichtigt, in einer Woche wieder Semmeln und Brot zu backen, sagte Öz, „allerdings vorerst nur in Teilbereichen“. Alle hofften, dass die Produktion am nächsten Freitag wieder anläuft — „wenn nicht, wäre das eine Katastrophe“. Zu einer Betriebsversammlung werden zuvor an diesem Samstagabend rund 500 Müller-Brot-Beschäftigte erwartet.
Gesellschafter beklagt sich über fehlende Informationen
Mitgesellschafter Michael Phillips beklagte, dass er nicht über die Missstände in der Fabrik informiert worden sei. „Dies war sicher eine eklatante Fehlentscheidung.“ Die Maßnahmen zur Krisenbewältigung lägen „ausschließlich in der Verantwortung der Geschäftsleitung“. Phillips ist seit 2003 passiver Teilhaber bei Müller-Brot, er hält 40 Prozent der Anteile.
Das LGL betonte erneut, dass Mäusekot und Ungeziefer bei Müller-Brot nur in Backzutaten, nicht aber auf oder in fertiger Ware nachgewiesen worden sei. Mehrmals mussten jedoch Lebensmittel entsorgt werden, weil „im Umfeld der Produktion unhygienische Umstände vorgefunden wurden“, meinte eine LGL-Sprecherin. Dies habe auch bereits ausgelieferte Ware betroffen.
Die Verbraucherorganisation foodwatch kritisierte unterdessen erneut, dass die Behörden die Bürger in solchen Fällen nur unzureichend informiert hätten: „Ahnungslose Verbraucher haben seit März 2010 mehr als 640 Millionen Brötchen und 45 Millionen Brotlaibe von Müller Brot gegessen, während bayerische Beamte wegen Mäusekots und Kakerlaken in der Großbäckerei ein- und ausgingen.“