Sandra Gröschl und ihre Tochter Lena zeigen die Einkäufe aus dem Bio-Laden.Foto: Heiner Stöcker
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ
Regensburg. Sandra Gröschl zeigt ihre Einkäufe: Bananen, Milch und Eier. Alles gesund und alles biologisch produziert. Vor einem halben Jahr hat die 38-Jährige aus Nittendorf (Lkr. Regensburg) die Ernährung ihrer Familie umgestellt. Obst und Gemüse, Eier und Milch kauft sie nur noch aus kontrollierter Bio-Produktion.
Es war kein Lebensmittelskandal der die zweifache Mutter zum Umdenken brachte. Vor einem halben Jahr erkrankte der Vater von Sandra Gröschl an Krebs. Die 38-Jährige begann, sich Gedanken zu machen, ob nicht eine falsche Ernährung mit dafür ursächlich sein könnte. „Wir stopfen ja doch tagtäglich viel Ungesundes in uns hinein.“ Von da an bekamen Ehemann Frank und die Töchter Lena (13) und Emma (8) Bio-Nahrung vorgesetzt. Jetzt, nach dem jüngsten Dioxin-Skandal, fühlt sich die 38-Jährige, die im Mai ihr drittes Kind erwartet, in ihrer Entscheidung bestärkt. Dennoch, so muss sie zugeben, ist Bio auch eine Preisfrage. Etwa ein Drittel mehr bezahlt sie im Bio-Supermarkt. Vor allem beim Fleisch macht Sandra Gröschl deshalb Abstriche. „Gutes Fleisch ist wirklich teuer, das können wir uns nicht immer leisten.“
60 Kilo Fleisch essen wir im Jahr
Dabei ist Fleisch das Lebensmittel, auf das die Deutschen am wenigsten verzichten wollen. Etwa 60 Kilo isst jeder Bundesbürger im Jahr. In den vergangenen 60 Jahren hat sich der Konsum fast verdreifacht. Schnitzel, Rouladen oder Hähnchenschenkel kommen mehrmals die Woche auf den Tisch. Lediglich 3,3Prozent der Fleisch- und Wurstwaren stammen nach einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus biologischer Produktion.
Dabei geben etwa 70 Prozent der Bundesbürger an, dass sie sich gerne gesund und hochwertig ernähren wollen. Doch wenn der Discounter mit frischen Hähnchen schon ab 2,79 Euro das Kilo lockt, bleibt das Produkt mit Biosiegel, für das man laut einer Statistik der Verbraucherzentrale Bayern mindestens 9,80 Euro berappen muss, dann doch liegen.
Diese Erfahrung musste etwa die Geflügelschlachterei Wiesenhof mit einem sogenannten „Weidehähnchen“ machen. Das Bayerische Verbraucherschutzministerium würdigte 2004 die besonders tierschutzgerechte Haltungsform mit dem Bayerischen Tierschutzpreis. Doch die Verbraucher griffen bei einem Kilopreis von etwa acht Euro nicht zu. Bis heute, so teilte der Konzern auf MZ-Nachfrage mit, sei Biogeflügel ein Nischenprodukt bei Wiesenhof und mache gerade einmal 0,2 Prozent der Produktion aus.
Dabei kann das Unternehmen ansonsten steigende Nachfrage vermelden. Allein in der Schlachterei in Bogen in Niederbayern – einem von 14 Wiesenhof-Verarbeitungsbetrieben in Deutschland – werden täglich rund 200000 Tiere geschlachtet. Erweiterungspläne für eine noch höhere Produktion laufen. .„Als Unternehmen orientieren wir uns an den Wünschen der Verbraucher“, so die Wiesenhof-Presseabteilung.
Hubert Heigl kann mit einer solchen Massenproduktion nichts anfangen. Dann lieber weniger Fleisch, plädiert der Öko-Landwirt aus Eichkreith (Lkr. Regensburg). Zusammen mit seiner Frau Evi führt er einen 69Hektar großen Ferkelerzeugerbetrieb. „Landwirtschaft zu betreiben und meine Tiere artgerecht zu halten, ist für mich eine Herzensangelegenheit.“ Heigl ist einer von 8894 landwirtschaftlichen Ökobetrieben in Bayern. Reich werden könne man von biologischem Anbau und artgerechter Tierhaltung nicht, sagt Heigl. Der Kostendruck sei hoch. Zertifizierte Futtermittel, die höheren Stallplatzkosten und die Mehrarbeit fielen im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft ins Gewicht. Das schlägt sich später im Preis nieder.
Der Konsument entscheidet
Dass Bio-Produkte langfristig durch mehr Nachfrage billiger werden könnten, glaubt Heigl nicht. „Den einzigen Spielraum für Preissenkungen sehe ich in der Logistik, etwa bei kürzeren Transportwegen zu zertifizierten Schlachthöfen.“ Für den Ferkelerzeuger steht aber fest, dass der Verbraucher über seinen Fleischkonsum selbst steuern kann, unter welchen Bedingungen produziert wird. Wer einen Knödel mehr und dazu ein kleineres, aber hochwertig produziertes Stück Fleisch isst, helfe auch den Tieren.
Das sieht auch Gudrun Beer so, die zusammen mit ihrem Mann in Pettenreuth (Lkr. Regensburg) „aus Überzeugung“ einen Biobauernhof betreibt. Drei Tage in der Woche bieten die Beers Produkte der im eigenen EU-zertifizierten Schlachthaus verarbeiteten Tiere auf Wochenmärkten in und um Regensburg an. Jetzt, nach dem jüngsten Dioxin-Skandal, sei die Nachfrage wieder etwas gestiegen.
Dass dies jedoch auf Dauer so bleibe, glaubt Beer nicht. „Die Leute vergessen die Lebensmittelskandale wieder. Das war nach BSE so und wird auch jetzt so sein. Sie fallen in ihre alten Einkaufsgewohnheiten zurück.“
Neue Leidenschaft fürs Kochen
Dabei prognostizieren die Forschungsinstitute für die Zukunft eine wachsende Zahl von Verbrauchern, die sich gesund, nachhaltig und regional orientiert ernähren will. Genuss werde in Zukunft eine Form von Luxus sein, sagt etwa das Denkwerk Zukunft voraus. Auch die Leidenschaft fürs Kochen werde neu entdeckt, glauben zumindest die Zukunftsforscher.
Das sei auch dringend nötig, sagt Biobäuerin Agnes Menzl aus Pentling (Lkr. Regensburg). Statt mit frischem Gemüse aus dem Garten oder vom Biobauernhof werde mit abgepackten Salaten, mit vorgewürztem Fleisch und Tütensoßen eine schnelle Mahlzeit gezaubert.
Einer der Gründe für die Hochkonjunktur von Convenience Food, also vorgefertigte Mahlzeiten, liegt nach Ansicht von Menzl darin, dass die jungen Generationen nicht mehr kochen können und sich auch nicht die Zeit dafür nehmen. „In den Schulen wird Hauswirtschaft nur noch als Wahlfach oder gar nicht angeboten. Das Wissen wird auch nicht mehr an die Jüngeren weitergegeben.“ Dabei könnte man nach Ansicht der Ökobäuerin gerade durch das Selbstkochen Geld sparen.
So sieht das auch Sandra Gröschl. Fertigprodukte serviert sie nur im Notfall. Wenn sie Zeit hat, backt sie sogar ihr Brot selbst. Nur an hausgemachtes Ketchup aus Bio-Tomaten konnte sie ihre Töchter bislang nicht gewöhnen. „Dazu waren ihre Geschmacksnerven einfach schon zu verdorben.“