In Zukunft geht es nur miteinander, weil die Älteren mehr werden und die Jüngeren weniger. Foto: dpa
Von Christian Kucznierz, MZ
Regensburg. Deutschland in nicht all zu ferner Zukunft. Ältere Menschen prägen das Straßenbild. Die Jungen sind weniger geworden, vor allem auf dem Land. In den Unternehmen arbeiten viele auch jenseits der 67, weil sie gebraucht werden, denn der Nachwuchs, vor allem der qualifizierte, fehlt. Ohne Zusatzversicherungen kommt niemand mehr aus, denn es gibt zu wenig Einzahler und zu viele Empfänger. Familien ziehen vom Land in die Städte, weil der Kindergarten gerade geschlossen wurde. Die Senioren ziehen dorthin, wo sie noch zu Fuß zum Arzt und zum Supermarkt gehen können und wo es noch Bus- oder Bahnverbindungen in die Stadt gibt.
Klingt nach düsterer Prognose? Ist es aber nicht. Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass bis 2030 der Anteil der Hochbetagten um die Hälfte wachsen wird, während die Gruppe der jungen Menschen um mehr als ein Zehntel sinkt. Die Bevölkerungszahl schrumpft: Weil mehr Menschen sterben, als geboren werden, und dies nicht durch Zuwanderung ausgeglichen wird, leben zwei Millionen Menschen weniger in Deutschland, bis 2060 werden es mit unter 70 Millionen gar zwölf Millionen Menschen weniger als heute sein.
Das unerfüllte Versprechen
Wie also fühlt sich Deutschland dann in einer Zukunft, in der immer mehr Menschen immer länger alt sind, weil die Lebenserwartung steigt, während die Geburtenzahl sinkt? Und was bedeutet das für das Zusammenleben? Es sind diese Fragen, die am 18. Juli beim „Generationendialog“ im Regensburger Kolpinghaus diskutiert werden sollen. Auf dem Podium sitzen der CSU-Politiker Alois Glück, Jahrgang 1940, und der Autor Wolfgang Gründiger, Jahrgang 1984.
„Die Aufgabe der Generationengerechtigkeit ist ein unerfülltes Versprechen, obwohl es immer wieder als Ziel proklamiert wird“, sagt Glück. „Wir leben mittlerweile in einer Phase des langen Lebens, wo vier oder fünf Generationen innerhalb einer Familie miteinander leben. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Dabei wird vor allem die mittlere Generation zunehmend beansprucht, weil sie sich um die eigenen Kinder kümmert und teilweise schon um die pflegebedürftigen älteren Menschen.“
Glück sagt, wir lebten schon lange auf Kosten der Zukunft und der Handlungsspielräume der nachkommenden Generation. Aber: „Eigenartigerweise wehrt sich die junge Generation aber zu wenig dagegen. Offensichtlich haben wir gegenwärtig eine junge Generation, die weniger politisch ist als frühere. Gleichzeitig ist sie auch stark in Anspruch genommen, sei es durch Schule, Studium oder Ausbildung oder durch das Berufsleben.“
Vom Privileg der Älteren
Für den CSU-Politiker sind aber auch die Älteren gefordert. „Meine Generation – ich zähle ja zu den Senioren – ist in meiner Einschätzung privilegiert im Vergleich zu der nachkommenden. Wir haben unser Leben entwickelt und gestaltet in einer Zeit großen wirtschaftlichen Wachstums, die zugleich eine Zeit des Zuwachses von Lebenschancen war, etwa durch mehr Bildung, durch berufliche Alternativen, soziale Durchlässigkeit und Mobilität. Die Generation meiner Eltern hatte nicht annähernd diese Chancen. Die Nachkommenden werden einen anstrengenderen Weg gehen müssen. Das heißt für mich, dass wir, die Senioren, uns nicht zurücklehnen können und sagen: Wir haben ein Leben lang hart gearbeitet und wollen nun die Früchte ernten. Wir müssen einen Beitrag leisten zu den Aufgaben der heutigen Zeit.“
Für den Politik- und Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger ist klar: „Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag. In einer Gesellschaft, die immer weiter schrumpft und in der die Alten immer mehr, die Jungen immer weniger werden, brauchen wir einen starken Bündnispartner.“ Gründinger ist überzeugt: „Ohne die Alten können wir die Welt nicht mehr gestalten „Wir brauchen ihr Geld, ihren Einfluss und ihre offenen Ohren, damit sie uns zuhören.“ Letzteres sei heute zu selten der Fall. Es werde viel über die Jugend, aber zu wenig mit ihr gesprochen. Gründigers Forderungen: Erstens die Einführung eines „Zukunftssolis“, einer Abgabe auf große Vermögen. „Wir können von einer Generation, die wohlhabend und zahlreich ist erwarten, dass sie mehr an die Gesellschaft zurückgibt“, sagt Gründinger. Das Geld soll für Bildung und Kinderbetreuung verwendet werden.
Zweitens fordert Gründinger die Abschaffung von Altersprivilegien im Arbeitsleben, etwa, dass Ältere mehr Anspruch auf Urlaub haben, oder dass sie einen höheren Kündigungsschutz genießen als jüngere Kollegen. Auch die Bezahlung nach Betriebszugehörigkeit sollte nach Gründingers Überzeugung abgeschafft werden. Drittens fordert der Autor, das Wahlrecht zu öffnen, um junge Menschen wählen zu lassen, sobald sie es wollen. Gründinger ist kein Feind der Alten. „Im Gegenteil, ich stelle mir eine älter werdende Gesellschaft ganz schön vor.“ Man müsse die Lasten, die der demografische Wandel mit sich bringe, gerecht aufzuteilen. „Jugend ist in einer alternden Gesellschaft eine knappe Ressource. So sollten wir sie auch behandeln – als wertvoll.“
Wie Jung und Alt sich gegenseitig sehen, hat die Körber-Stiftung, die Veranstalter des „Generationendialogs“ ist, zusammen mit dem „Stern“ mit der Forsa-Umfrage „Altern in Deutschland“ untersuchen lassen. Die Ergebnisse sind teils überraschend und dürften Gründinger oft nicht gefallen. So lehnen 91 Prozent der Befragten zum Beispiel ab, im Alter zu irgendetwas verpflichtet zu werden. Zwar stimmen 79 Prozent der Forderung zu, dass sich ältere ehrenamtlich betätigen sollten, aber nur 46 Prozent tun es. 96 Prozent der Alten sind der Meinung, viel für die Gesellschaft geleistet zu haben und sich ihr Auskommen verdient zu haben. Nur 15 Prozent der Alten würden auf Rentenerhöhungen verzichten, damit Studenten und Auszubildende mehr finanzielle Unterstützung erhalten können.
Ausruhen oder anpacken?
Franz Müntefering kennt das Thema Alter gut, und das nicht nur, weil er mit 72 Jahren einer der ältesten aktiven Bundestagsabgeordneten ist. „Das Bild vom Alter verschiebt sich“, glaubt der SPD-Mann. „Wenn man heute jemanden als alt bezeichnet, denkt man eher an Menschen zwischen 80 und 85. Meine Altersklasse, denke ich, fühlt sich älter, aber nicht wirklich alt.“ Die Menschen lebten im Schnitt länger und sind dabei fitter, sagt Müntefering. „Von den Menschen in Deutschland, die heute 80 Jahre alt sind, haben rund 80 Prozent keinen unmittelbaren Bedarf an Betreuung und Pflege. Das aber bedeutet auch, dass die Probleme dann in 20, 30 Jahren gehäuft auftreten, wenn diese Menschen betreuungs- oder pflegebedürftig werden.“
Aber nicht nur das Älterwerden stelle die Gesellschaft vor Herausforderungen. „Auf unser Land kommen viele Herausforderungen zu. Zum Beispiel, weil die Fachkräfte nicht schnell genug nachwachsen. Darauf müssen wir uns jetzt vor allem konzentrieren.“ Wobei das Problem nicht vom Himmel gefallen ist, wie der frühere Bundessozialminister zugibt. „Das ist ein Problem in der Politik, dass das größte Augenmerk immer bei den tagesaktuellen Problemen ist. Aber Kinder, die heute nicht geboren werden, haben selbst nie Kinder. Das erlebt man in 30 Jahren deutlich. Deswegen gilt es jetzt, die Weichen richtig zu stellen.“ Eine Schlüsselfrage für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands sei, ob es gelingt, jungen Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern.
Es gibt noch Luft nach oben
Einen Generationenkonflikt sieht Müntefering nicht aufziehen. „Es gibt genauso viele vernünftige und unvernünftige Junge wie Alte. Es geht darum, Koalitionen zu bilden, das miteinander zu organisieren.“ Alter sei keine Garantie dafür, dass man etwa gut macht, aber auch kein Grund, dass man etwas schlecht macht. „Entscheidend wird sein, wie sich die Gruppe der 60- bis 80-Jährigen verhält, ob sie sich abkapselt, oder ob sie sich engagiert, etwa im Ehrenamt. Da steckt ein großes Potenzial.“
Dabei sieht der SPD-Politiker Luft nach oben. „Ich denke, dass es gerade für uns Männer wichtig ist zu erkennen, dass die eigentliche Lebensentscheidung nicht die ist, ob man noch berufstätig ist oder nicht, sondern dass man davon unabhängig noch in der Gesellschaft, in der Familie oder im Verein aktiv sein kann. Demokratie hat keinen Schaukelstuhl. Auch wenn wir in 50 oder 60 Jahren nicht mehr da sind, haben wir doch jetzt die Mitverantwortung dafür, dass es dann immer noch eine vernünftige Gesellschaft und soziale Sicherheit gibt.“
Die MZ präsentiert den „Generationendialog“ mit Alois Glück und Wolfgang Gründinger am Mittwoch, 18. Juli, um 19Uhr im Kolpinghaus. Veranstalter ist die Körber-Stiftung und Deutschlandfunk/DRadio Wissen. Der Eintritt ist frei, Anmeldung erbeten unter www.koerber-stiftung.de/Generationendialog