Erzrivalen treffen aufeinander
Die Atmosphäre vor dem Duell zwischen Polen und Russland bei der Europameisterschaft 2012 ist aufgeheizt.
Polnische Fans rüsten sich für die „Schlacht von Warschau“. Foto: dpa
Warschau. Sie marschieren an jedem Zehnten eines Monats. Mal kommen sie mit Fackeln, mal nur mit dem Rosenkranz in der Hand. PolensNationalisten und Ultrakatholiken versammeln sich in schöner Regelmäßigkeit vor dem Präsidentenpalast in Warschau, um an die Tragödie von Smolensk zu erinnern. An jenen 10. April 2010, als Lech Kaczysnki starb.
Längst ist er mehr für sie als ein Staatsoberhaupt, das bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Sie ehren ihn als Märtyrer, ermordet im Westen Russlands durch Agenten des Kremls – obwohl alle Ermittlungen ein Unglück belegen. Auch an diesem Sonntag, dem 10. Juni, marschieren sie wieder und beten. Diesmal aber ist vieles anders. Im Hotel „Bristol“, wenige hundert Meter vom Gedenkort entfernt, hat die russische Nationalmannschaft ihr EM-Quartier aufgeschlagen. Morgen treffen die Erzrivalen Polen und Russland in Warschau im Gruppenspiel aufeinander. Für die Marschierer allerdings sind die Sportler nicht Gegner auf dem Fußballplatz. Sie sind Repräsentanten eines Feindes, der Polen wieder unterwerfen möchte. Wie so oft seit dem 18.Jahrhundert.
„Smolensk, wir vergessen nichts“
Also machen sie sich mit Plakaten auf den Weg in die Warschauer Innenstadt, auf denen zu lesen ist: „Smolensk, wir vergessen nichts“ und „Präsidentenmord in Russland“. Die Polizei sperrt das Teamhotel, das sonst in diesen EM-Tagen frei zugänglich ist, ab. Bis zum frühen Abend gibt es vor dem „Bristol“ keine Ausschreitungen. „Wenn es dort zu einer Konfrontation kommt, haben wir ein Problem bis zum Ende der Europameisterschaft“, sagt ein Beamter des polnischen Staatsschutzes.
Denn noch etwas ist anders an diesem Gedenksonntag. Mehrere Tausend russische Fans sind in der Stadt und allem Anschein nach nicht gewillt, polnische Provokationen kampflos hinzunehmen. Für den morgigen Dienstag, wenn am Abend die „Fußballschlacht“ bevorsteht, organisieren sie einen eigenen Aufmarsch. Der 12. Juni ist der russische Unabhängigkeitstag. In Fankreisen kursieren zudem Pläne, auf der Tribüne ein Transparent mit der Aufschrift „Smolensk“ zu entrollen und davor Papierflieger auf den Rasen segeln zu lassen.

