In den ersten 100 Tagen als Bundespräsident hat Joachim Gauck viele Anstöße gegeben, Aufmerksamkeit gefunden und auch Kontroversen ausgelöst. Foto: dpa
Von Thomas Lanig, dpa
Berlin. Wenn es so weitergeht, steht uns noch einiges bevor. Denn reibungslos waren sie nicht, die ersten 100 Tage des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Nach eher zaghaftem Beginn hat er fast Woche für Woche Aufmerksamkeit gefunden, auch Kritik und Kontroversen ausgelöst, zuletzt über die Auslandseinsätze der Bundeswehr, „Mut-Bürger“ in Uniform und die „glückssüchtigen“ Deutschen. Die Warnung vor Planwirtschaft bei der Energiewende, der Islam, der vielleicht doch nicht zu Deutschland gehört, und der spektakuläre Abschied von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) liegen noch nicht lange zurück.
Dazwischen hat uns der 72-Jährige starke Bilder beschert, dabei waren emotionale Jubelszenen aus Fußballstadien, Trauer in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, würdiges Gedenken im holländischen Breda. Fast immer dabei war Lebensgefährtin Daniela Schadt, die zwar zugibt, ihre neue Rolle noch nicht ganz gefunden zu haben, die aber große Sympathie und Anerkennung findet. Manchmal scheint das erste Paar der Republik noch überrascht von der neuen Rolle und Prominenz. Vor dem Treffen mit der niederländischen Königin Beatrix etwa sagte Gauck: „Ich übernachte heute im Schloss– auch schön, so etwas.“
Oft zählen die kleinen Dinge
Vielleicht erstaunlich, dass es die eine große Rede des großen Redners Gauck noch nicht gegeben hat, dass das große Thema seiner Amtszeit noch nicht zu erkennen ist. Vielleicht soll es das auch gar nicht geben. Plakative Botschaften sind dem Ex-Pastor aus der DDR fremd. Das unterscheidet Gauck wohl auch von seinem Vorgänger Christian Wulff. Manchmal sind es nicht die festlichen Reden, sondern kleine, eigentlich nur protokollarische Auftritte, die ein Zeichen setzen. Die Entlassung Röttgens mit sehr herzlichen Worten war ein solcher Moment, in dem Gauck – bewusst oder nicht– Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besonders schlecht aussehen ließ. Gauck und Merkel: Dieses Thema beschäftigt die Berliner Szene intensiv.
In Israel dachte Gauck laut darüber nach, was denn Merkels Satz bedeute, wonach das Existenzrecht Israels „deutsche Staatsräson“ sei. Das Wort könne sie in „enorme Schwierigkeiten“ bringen, fügt er hinzu. „Gaucks gefährliche Distanzierung von der Kanzlerin“, hieß es umgehend. Was er aber sagen wollte: Ist wirklich allen klar, was das große Wort von der Staatsräson bedeutet? Will Merkel tatsächlich militärische Unterstützung für Israel bei einem kriegerischen Konflikt mit dem Iran durchsetzen?
Die Methode Gauck
Ein gutes Beispiel für die Methode Gauck ist auch die Debatte um Auslandseinsätze der Bundeswehr. Während die einen die Äußerungen vor der Führungsakademie in Hamburg als Unterstützung der Einsätze verstanden und gar als „Kriegsrhetorik“ kritisierten, haben andere die Fragen hervorgehoben, die er gestellt hat. Die wichtigste Botschaft dürfte ihm gewesen sein: Militärische Gewalt mag notwendig sein, aber sie darf nicht in Hinterzimmern der Politik beschlossen, sondern muss in der Mitte der Gesellschaft diskutiert werden.
Gauck gibt sich nicht zufrieden mit den Sprechblasen der Politik. Er fordert die Politiker damit heraus – und die Bürger, die er zum Denken motivieren will. Inwieweit das möglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber Gauck ist Optimist.
„Mit Herz ist mehr möglich“, sagt er auch in Israel, und geht mit der häufigen Erwähnung seines Zentralorgans manchen ein bisschen auf die Nerven. Die deutsch-polnischen Beziehungen sind ihm ebenso eine „Herzensangelegenheit“ wie das Verhältnis zu den Holländern, Schweden war für den Pastor aus Rostock „Sehnsuchtsort“. Gauck ist ein emotionaler Mensch, ist leicht gerührt, ringt manchmal um Fassung. Aber er ist auch ein Intellektueller, der die Dinge abwägt, laut nachdenkt, hin- und herwendet.
Das ist nicht ganz ungefährlich. Beim Antrittsbesuch in Brüssel ließ er sich zu der Bemerkung hinreißen, er glaube nicht, dass das Verfassungsgericht die Beschlüsse zur Eurorettung „konterkarieren“ werde. Was ihm prompt den Vorwurf einbrachte, er stelle sich über die Karlsruher Richter. Und auch das Wort von der „glückssüchtigen Gesellschaft“ war eine Improvisation, im Redetext nicht vorgesehen. „Warum sollen mir keine Anfängerfehler unterlaufen?“, sagt er auf einer der Reisen. Und er weiß auch: Er wird sich wohl noch ein dickeres Fell zulegen müssen. Dabei ist sich Gauck seiner Sache aber ziemlich sicher. Selbstzweifel sind seine Sache nicht.
Die Bürger und Wähler honorieren Gaucks Stil. 79 Prozent sind mit ihm zufrieden. Das ist ein guter, wenn auch kein sensationeller Wert. Immerhin 63 Prozent waren mit Christian Wulff zufrieden– im Januar, als dessen Affäre um Hauskredit und Mailboxanruf schon auf dem Höhepunkt war.
In dieser Hinsicht kann auch die Kanzlerin mit Gauck zurechtkommen. Große Fehler hat er aus ihrer Sicht nicht gemacht, und Gauck ist eben Gauck. Einmal sagt er, während dieser 100 Tage: „Ich bin bei einem Prozess, mich selbst zu definieren. Und ich hoffe, dass dann noch ein bisschen Gauck überbleibt.“