Stehen sich am Mittwochabend (Ortszeit) im TV-Duell gegenüber: US-Präsident Barack Obama (r.) und sein Herausforderer Mitt Romney Foto: afp
Von Christian Kucznierz, MZ
Denver. Die Analysten und Kommentatoren waren sich schnell einig: Der Gewinner heißt Mitt Romney. Und das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Denn die politischen Nachrufe und Abgesänge auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten waren entweder schon veröffentlicht oder lagen bereits zur Veröffentlichung bereit. Aber ganz offenbar haben alle die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Mitt Romney hat die Debatte, die in der Nacht zum Donnerstag unserer Zeit zwischen 40 und 60 Millionen Amerikaner vor die Bildschirme lockte, klar dominiert. Das muss auch der zugeben, der für den früheren Gouverneur von Massachusetts nichts oder nur wenig übrig hat.
Obama nicht schlecht, aber auch nicht gut
Freilich hat Obama seine Sache nicht wirklich schlecht gemacht. Nur eben auch nicht wirklich gut. Seine Worte an seine Frau Michelle, dass er den nächsten Hochzeitstag nicht vor der Kamera verbringen will, mögen fürs Herz gewesen sein; was er sonst noch sagte, eher weniger. Obama, der Mann, der vor vier Jahren auch in Deutschland bewies, dass er Menschen in seinen Bann schlagen kann, hat seine Magie am Donnerstag zu Hause vergessen.
In den USA werden TV-Duelle akribisch verfolgt. Es geht nicht nur um die Fakten, wobei die Fact Checker, also diejenigen, die die Fakten in den Aussagen der Politiker prüfen, schon während der Debatte viel zu tun hatten. Schließlich waren die Aussagen von Obama wie von Romney voll mit Fakten und Details, zu voll für viele Zuschauer, sollte man annehmen. Aber es geht eben nicht nur um die Fakten. Legendär ist das TV-Duell zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy, in dem Nixon in Nahaufnahme zu sehen ist, wie er, noch von einer Grippe geschwächt schwitzt, wie sich sein Bartschatten abzeichnet - und wie ihm diese Bilder, die ihn düster und wenig sympathisch wirken ließen, am Ende mit den Sieg gekostet haben. Es geht um die Macht der Bilder. Nichts ist dem Zufall überlassen, und wer sich die Mühe macht, ein wenig im Netz zu recherchieren, wird schnell erkennen, wie groß der Druck ist, der heute auf Kandidaten lastet: Kein peinliches Grinsen, kein Augenrollen, kein Naserümpfen entgeht den Zuschauern mehr - umso weniger, weil unzählige Blogger und Social-Media-Affine diese Bilder oder kleinen Filme ins Internet stellen.
Weil das also alles so ist, ist kaum verständlich, warum ein Medienprofi wie Barack Obama es die längste Zeit des Duells nicht schafft, ansprechend zu wirken. Warum er verbissen schaut, seinen Konkurrenten nicht, dafür den Moderator dauernd ansieht, wenn er antwortet. In wenigen Momenten wendet er sich direkt an die Kamera und spricht die Amerikaner zuhause an den Bildschirmen direkt an - ein wichtiger Trick, eigentlich Standard bei TV-Debatten, aber Obama setzt ihn zu spärlich ein.
Romney dagegen, dem immer eine gewisse Steifheit nachgesagt wird, wirkt wie entfesselt. Er spricht immer in Richtung Präsident, sein Lächeln wirkt wie festgezurrt, seine Körpersprache ist offen, er hat Spaß an der Attacke, die aber nie unter die Gürtellinie geht.
Romney attackiert Obamas Wirtschaftspolitik
Es ist fast kein Wunder, dass die Akzente in den 90 Minuten von Romney ausgehen. Die ersten Attacken lanciert Romney beim Thema Wirtschaftspolitik. Bei einer Wiederwahl Obamas drohe eine „chronische Arbeitslosigkeit“ und ein „Auspressen“ der Mittelschicht. „Das ist nicht die richtige Antwort für Amerika“, sagt Romney. Er wolle sich für Steuererleichterungen für kleine und mittlere Unternehmen einsetzen - worauf Obama kontert, dass in Romneys Definition auch der Milliardär Donald Trump als kleiner Unternehmer gelte. Obamas Verteidigung, er habe das Amt zu einer Zeit übernommen, als die US-Wirtschaft die schlimmste Krise seit der Großen Depression durchlaufen habe, und dass er von seinem republikanischen Vorgänger George W. Bush wegen der Kriege im Irak und in Afghanistan und nicht gegenfinanzierter Steuersenkungen ein Haushaltsdefizit von mehr als einer Billion Dollar geerbt habe, ist in der Sache richtig, aber defensiv. Die Angriffslust, die Romney versprühte, sie fehlt Obama in weiten Teilen.
Es ist erst in der zweiten Hälfte der Debatte, dass der Präsident aufzutauen scheint. Da kommt ihm auch einmal ein Lächeln oder ein breites Grinsen über das sonst so strenge Gesicht, da wird er auch einmal schnell frech: Als ihm der an diesem Abend offenbar überforderte Moderator Jim Lehrer sagt, er habe für seine Antwort nur noch fünf Sekunden, sagte Obama: „Hätten Sie mich nicht unterbrochen, hätte ich noch fünf mehr gehabt.“ Überhaupt ist die Moderation so gut wie nicht vorhanden. Jeder der Kontrahenten hat eigentlich zwei Minuten Zeit pro Antwort; daran gehalten hat sich keiner. Nachfragen des 78-jährigen Moderations-Urgesteins Lehrer gibt es keine.
Gesundheitsreform als Zankapfel
So haben Obama und Romney dann auch Zeit und Raum, ihre jeweiligen Politikvorstellungen noch einmal zu präsentieren. Es werden bekannte Argumente ausgetauscht. Als Romney sich dafür entschuldigt, die Gesundheitsreform des Präsidenten als „Obamacare“ zu bezeichnen - ein Begriff, mit dem die Republikaner die Reform im Wahlkampf diffamieren - entgegnet Obama, er möge diesen Begriff immer mehr; ein cleverer Schachzug, nimmt er doch der geplanten Kritik die Schärfe. Schließlich ist die Reform sein Prestigeobjekt. Erwartungsgemäß nimmt die Gesundheitspolitik auch einen guten Teil der Debatte ein. Während Obama betont, dass sein Modell nicht nur viele bisher nicht versicherten Amerikanern Sicherheit biete, sondern auch in den kommenden Jahren dazu beitragen werde, die Kosten im Gesundheitsbereich zu senken, bleibt Romney auf dem Standpunkt, dass mehr Eigenverantwortung und mehr Wettbewerb für ein besseres und effizienteres System sorgen würden. Es sei eine seiner ersten Aufgaben, sollte er gewählt werden, Obamas Gesundheitsreform zurückzunehmen, sagte Romney. Dasselbe will er auch mit dem Dodd-Frank-Act machen, jenem Gesetz, mit dem in Folge der Finanzkrise der Bankensektor in den USA neu geregelt wurde. Romney bezeichnet den im Gesetz enthaltenen Passus, dass systemrelevante Banken in jedem Fall gestützt werden müssen, als das größte Geschenk an die New Yorker Wall Street, weil es einen Freibrief für riskante Spekulationen darstellte. Obama meint, Romney werde einen stressigen ersten Tag im Amt haben, so er es denn gewinne, wenn er sich daran machen wolle, gleich alle Reformen rückgängig zu machen. Es sind Momente wie diese, in denen Obama zeigt, dass er könnte, wenn er nur wollte. Er will aber offensichtlich nicht wirklich.
Wirklich deutlich wird das noch einmal in den Schluss-Statements. Obama verspricht, weiter dafür zu kämpfen, dass Amerika ein besserer Ort werde. Dass er immer noch an sein Land glaubt, weil er an die Menschen glaube. Es klingt fast wie eine Entschuldigung. Romney nutzt seine Zeit, um noch einmal zu sagen, was er will: Zwölf Millionen Arbeitsplätze schaffen.
Reaktionen bei Republikanern euphorischer
Erwartungsgemäß fallen die Reaktionen bei den Republikanern euphorischer aus. „Mitt Romney hat Amerika ganz klar die Alternativen aufgezeigt. Er ist der Mann des Augenblicks und wird uns zu einem wirklichen Aufschwung führen“, sagt Paul Ryan, Romneys Mann für das Amt des Vize-Präsidenten. Drastischer formuliert es John McCain, Obamas republikanischer Präsident bei der letzten Wahl 2008: „Wenn diese Debatte ein Boxkampf gewesen wäre, hätten man sie abgebrochen.“ Joe Biden, Obamas Vize, versucht es aufmunternd: „Leute, ich hoffe Ihr habt gesehen, was ich heute Abend gesehen habe: Präsident Obama ist die richtige Wahl, um uns voran zu bringen.“
Es ist Al Gore, der frühere demokratische Vize-Präsident, der einen wichtigen Punkt anspricht: „Gouverneur Romney stellt seine Strategie nur theoretisch vor, aber es fehlt an sämtlichen Details“, sagt er nach der Debatte. Das ist richtig, und es ist auch eine Kritik, die Obama selbst in der Debatte anbringt. Aber, wie Obamas Sprecherin Jennifer Psaki zugibt: „Romney hat Punkte im Stil gewonnen. Er war vorbereitet.“
Hunderte von Auftritten hatten Obama und Romney in den vergangenen Monaten hinter sich gebracht. Keiner hatte dabei ein gutes Haar am anderen gelassen. Warum gerade dann der erste direkte Schlagabtausch nicht gut für Obama ablief, wird sein Geheimnis bleiben. Noch hat er die Chance, den Vorsprung auf Romney, der sich verkürzt haben dürfte, wieder auszubauen: Es wird noch zwei weitere Debatten geben. Und Experten warnen, die langfristige Wirkung der TV-Duelle zu überbewerten: In den vergangenen 50 Jahren habe es nachweisbar vielleicht zwei solcher Debatten gegeben, die den Ausgang der Wahl beeinflusst haben. Wobei hier wie bei allen Statistiken zur Wahl, von denen es in den USA unzählige gibt, gilt: Für die Zukunft sagen sie nichts aus.