Syrien: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg
Das Ende des Assad-Regimes naht – Beobachter befürchten einen zweiten Irak. Der Iran wird die Hisbollah im Libanon als Garant seiner Interessen aufrüsten.
Was passiert, wenn die syrischen Rebellen es tatsächlich schaffen, das Assad-Regime zu besiegen? Die Opposition ist tief zerstritten. Foto: afp
Damaskus/Beirut/Tel Aviv. Der Kampf um die Macht in Syrien kann noch Monate dauern – mit aller Grausamkeit gegen die Zivilbevölkerung. Nur eines ist sicher – und das nicht nur, weil es US-Außenminister Leon Panetta prophezeit und der türkische Ministerpräsident Erdogan bestätigt: Das Ende des Assad-Regimes ist eingeläutet. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.
Ein militärischer Sieg der Freien Syrischen Armee ist eher unwahrscheinlich. Obwohl sie von Saudi-Arabien, von Katar und Libyen mit Waffen unterstützt wird, ist sie kaum in der Lage, die reguläre Streitmacht des Landes mit ihren Panzern, Hubschraubern und Kampfjets zu besiegen. Endgültig niederschlagen kann die von Alawiten-Offizieren geführte Armee die Rebellen aber auch nicht.
Tief zerstrittene Opposition
Das wahrscheinliche Szenarium in Syrien ist ein Deal zwischen der Opposition und Kräften des alten Regimes, die nicht mit Baschar al-Assad und seinem unmittelbaren Clan untergehen wollen. Mit dem als „Kinder-Mörder“ gebrandmarkten 46-jährigen Assad will sich kein Oppositioneller an einen Tisch setzen. Auch Russland und China gelangen allmählich zur Einsicht, dass sie ihre Interessen in Syrien nicht mehr mit dem Schicksal des Diktators verbinden können. Ein Putsch ist nicht ausgeschlossen. Nur der Iran hält eisern an Assad fest. Garantiert der Alawit ihnen doch ein Syrien im Einflussbereich Teherans.
Was kommt nach Assad? Die Opposition ist tief zerstritten. Der Syrische Nationalrat, der in Istanbul residiert, wird zwar von dem Kurden Abdel Baset Seida geführt, steht aber unter dem Einfluss der Muslimbrüderschaft. Seida gilt als Marionette. Der Nationalrat ist dabei, eine Exilregierung zu bilden. Dem ist inzwischen ein neues Oppositionsbündnis in Kairo zuvorgekommen.
Nahostbeobachter sind sich einig: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Syrien erfüllt alle widrigen Umstände, die es zu einem zweiten Irak machen kann. Ein blutiger Streit um Macht und Einfluss ist entlang der religiösen Bruchlinien vorprogrammiert, wenn auch in umgekehrter Konstellation: Die Mehrheit der Sunniten gegen die Minderheit der Schiiten. Zu ihnen zählen auch die Alawiten, die jetzt die Führungselite in Politik und Militär stellen. Dazu kommen die Interessen der Kurden. Die wollen wie im Irak ein autonomes Gebiet. Die Region an der türkischen Grenze ist heute schon von der PKK dominiert. Die Türkei erwägt, mit militärischen Mitteln ein quasi staatliches Kurdengebiet zu verhindern.

