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Freitag, 18. August 2017 30° 3

Reich der verlorenen Farben

Der Allgäuer Chemiker Georg Kremer entlockt der Naturdie historischen Pigmente alter Meister: Lapislazuli-Blauund Purpur. Farben, die kostbarer sind als pures GoldVon Thomas Olivier

Drachenblut und Elfenbeinschwarz, Galläpfel und Tintenstein. Dazu Diamantpulver und Ochsengalle, Goldrutenkraut und Grüne Erde, arsenhaltiges Realgar, getrocknete Farbläuse - und ein Extrakt aus Purpurschnecken, für zwei Millionen Euro das Kilo. Mischt sich so das Sortiment eines Magiers?

Pulverisiert und in durchsichtigen Plastikdöschen stehen die skurrilen Stoffe auf Regalen Spalier, Ingredienzen aus Edelsteinen, Gesteinsbrocken, Glas, Pflanzen und Tieren. Tierknochen sieden in Kesseln. Blau schimmernder Lapislazuli zerfällt in Backenbrechern zu Staub. Schössen jetzt noch giftige Schwefeldämpfe fauchend aus unzähligen Rissen und Löchern, wäre die Alchemisten-Küche perfekt. In der Höllenglut von 1200 Grad Celsius verschmelzen Quarzsand und Kobalterz zu einem blauen Glaskuchen: Smalte, ein uraltes Pigment, das schon Pharaonen-Särge schmückte. Das Geheimrezept hütet ein Safe. „Wir verraten Ihnen gerne, dass wir aus Kobalt und Glasversatz Smalte machen. Wir verraten nicht, mit welchem prozentualen Einsatz von Natriumcarbonat“, sagt der Herr der Farben: Georg Kremer, ein grauhaariger, wortkarger Mann hinter randloser Brille, Doktor der analytischen Chemie und kein Magier. „Chemie ist die Wissenschaft von der Stoffwandlung.“

Aichstetten, ein Weiler im Allgäu, beileibe nicht das Zentrum der Welt, aber das Weltzentrum historischer Pigmente, mit denen schon Michelangelo, Monet und van Gogh malten. Hammerschläge erklingen, Wasserräder surren, Antriebsriemen schwirren, Mühlsteine knarren. Ein angenehm öliger Geruch hängt in der Luft. Angetrieben von der Aitrach, einem Nebenflüsschen der Iller, knirscht hier eine ehemalige Getreidemühle aus dem 18. Jahrhundert für die Kunst. Sie ist das Herz eines florierenden mittelständischen Unternehmens, weltweit konkurrenzlos, mit Millionenumsätzen, 30 Mitarbeitern und Dependancen in New York, Stuttgart, München und Krakau.

Ohne Georg Kremer wäre die Welt um einiges farbloser. Ob Ägyptisch Blau, im Altertum die Farbe der Götter, oder das Zinnoberrot von Grünewalds „Isenheimer Altar“ – viele der verschollenen Pigmente hat der Chemiker wiederentdeckt: Das klare Blau von Vermeer oder van Eyck, das tiefe Siena-Braun Rembrandts. Unsterbliche Werke von Rubens bis Raffael könnten ohne die historischen Stoffe kaum noch restauriert werden. Unzählige Kunstschätze von Weltrang in Museen, Schlössern, Kirchen und Klöstern wären längst verblasst, würde die Farbmühle im Allgäu nicht klappern: Michelangelos David und die Fresken des San Marco in Venedig, der Altar von Gent und die Steinskulpturen des Freiburger Münsters sind nur einige Beispiele.

Mit einem halben Gramm Smalte für eine Kirchendecke in London fing alles an. Vor etwa 30 Jahren suchte ein befreundeter Restaurator nach der blauen Farbe, die es seit 1910 im Handel nicht mehr gab. Kremer, damals in Tübingen am Ende seines Chemiestudiums, nebenher Eis-Vertreter für Langnese und auf der Suche nach einem Job, forscht in seiner kleinen Experimentierstube nach dem Pigment. Ihm gelingt die Rekonstruktion; er stößt in eine Marktnische. 1977 gründet er sein eigenes Unternehmen. Heute tupfen mehr als 100000 Kunden ihre Pinsel in jene Farben, die schon die Genies vergangener Jahrhunderte angerührt haben. Sie ziehen die alten Geheimrezepturen den künstlichen und massenhaft hergestellten Industriefarben vor. Nicht nur Maler und Restauratoren, auch Werber, Architekten, Denkmalpfleger, Geigenbauer – und Fälscher.

Im Büro, zwischen Kunstbänden und 6000 Farbdöschen, alten Folianten und modernsten Computern, treffen pausenlos Anrufe, Faxe und Mails aus der ganzen Welt ein. Bestellungen aus Südkorea und Brasilien, aus den USA und aus fast allen Ländern Europas. Jeder Künstler in Paris, London, New York, Tokio, Berlin oder anderswo, der etwas auf sich hält, kennt Kremer. Die Maler Anselm Kiefer und Georg Baselitz kaufen hier ein, ebenso der Minimalist Sol Le Witt sowie der Amerikaner Dennis Stewart, dessen barocke Wolkengebilde an Tiepolo und Turner erinnern. Wie kam das? Der Herr der Farben reagiert schmallippig: „Die kamen.“ Über seine Kunden, ihre Einkäufe und Rezepturen hüllt sich der Schwabe in Schweigen.

Kremers Kunden rechnen nicht in Farbe pro Quadratmeter. Ihre Maßeinheit ist die Schönheit. Wo sich einst Weizen- und Roggensäcke stapelten, erquicken Mineralien in unzähligen Farbtönen das Auge: Roter Zinnober aus China, glimmerndes Bleizinngelb, smaragdgrüner Malachit, gelber und roter französischer Ocker aus Burgund, grüne Erde aus den Bergen bei Verona, roter Jaspis, türkische Krappwurzeln, und Cochinelle-Läuse, aus denen Kremer den Saft für das Karminrot herstellt. Sie warten in Kunststoff-Tonnen auf ihre Verwendung.

Gerade ist Lapislazuli aus Afghanistan eingetroffen. Dicht an dicht stehen die vollgepackten Säcke in der Farbmühle. Aus einem Kilo des Halbedelsteins entstehen gerade mal 20 Gramm Pigment – das reinste und kostbarste Blau der Welt, 15600 Euro das Kilo. Seine Leuchtkraft schätzten schon alte Meister wie Mondrian, van Ruysdael und van Gogh. In der Renaissance wurde die fast unerschwingliche Farbe mit Edelmetall aufgewogen. Leonardo da Vinci belegte seine „Felsengrottenmadonna“ nur mit einer hauchdünnen Lasur aus Lapislazuli. Dürer murrte über den hohen Preis und löste 30 Gramm des himmlischen Blaus mit 42 Gramm Gold ein.

Kremer ist weltweit der einzige, der das reine, echte Lapislazuli ultramarinum (ultra mare = jenseits des Meeres) herstellt. Er hat das Pigment nach dem Schöpfer der weltberühmten Fresken im Florentiner Markuskloster benannt: „Fra-Angelico-Blau“. Für ein einziges Kilo mühen sich drei Laboranten länger als einen Monat ab. Einem italienischen Kunden Kremers ergeht es derzeit wie weiland den irischen Mönchen, die im Mittelalter halbe Ewigkeiten auf das kostbare Lapislazuli-Blau aus dem Orient warten mussten. Der Künstler vom Stiefel sprengte die Kapazitäten der Farbmühle, weil er innerhalb eines Jahres gleich eineinhalb Kilo bestellte. Jetzt kommt das wertvolle Pulver in Raten: „Hundert Gramm pro Monat, mehr ist nicht drin.“

Die Entschlüsselung der jahrhundertealten Geheimrezepte ist jedes Mal Sisyphusarbeit. Kremer analysiert historische Objekte, wälzt uralte Folianten, durchstöbert Alchimisten-Handbücher und experimentiert im Labor, wie ehemals Luthers Portraitist Lucas Cranach: „Er hatte noch selbst eine Apotheke, wo er die verschiedensten Farben mischte.“

Etwa 80 historische Pigmente hat Kremer bis heute rekonstruieren können. Spitzhacke und Schaufel liegen stets im Kofferraum griffbereit. Immer wieder reist der Chef mit Mitarbeiter und Lieferwagen quer durch Europa. An 40 geheimen Fundstätten gräbt er pro Jahr nach den verloren geglaubten Mineralien.

Naturfarben leuchten unter dem Mikroskop wie Sternenhimmel aus zahllosen kleinen Kristallen: „Sie reflektieren stärker an der Oberfläche und bringen so die Farbe zum Strahlen.“ Im Gegensatz zu künstlichen Farben sind Naturpigmente wesentlich lichtbeständiger. Industriefarben seien wunderbar geeignet für Druckertinte und Lackierarbeiten im Autowerk, aber nicht für Gemälde, sagt Kremer. „Nur reines Material erzeugt Brillanz und Lebendigkeit.“

Fast alle Pigmente werden in aufwändiger Handarbeit gewonnen. Entsprechend teuer sind sie: Ein Kilo blauer Azurit, den Italiens Renaissance-Meister Raffael so liebte, kostet 2000 Euro, Grünewalds Zinnoberrot 2300 Euro. Geradezu billig im Vergleich zu königlichem „Purpura Lapillus“, der nicht unter 500 Euro zu haben ist – das Viertelgramm! Das kostbarste Pigment der Welt, einst Symbol der Macht und bis zur Renaissance die Farbe der Kardinäle, Kaiser und Päpste, wird nur noch äußerst selten und in kleinen Mengen angefordert.

Derzeit sucht Kremer fieberhaft nach der Kermeslaus. Mit dem Saft des Tierchens färbten Ägypter, Griechen und Römer Seide, Wolle und Leder in einem herrlichen Rot. Bislang fand der Chemiker am Mittelmeer gerade mal eine Laus, ausgerechnet ein untaugliches männliches Exemplar.

Auch die Suche nach dem legendären Russischgrün, mit dem Albrecht Dürer seine Stiche kolorierte, blieb erfolglos. In kleinen Mengen gibt es das Chromsilikat durchaus noch, weiß Kremer: „Es wird im Ural abgebaut.“ Doch bis heute gelangte kein einziger Brocken nach Aichstetten: „Das ist ein mafiöses Problem“, sagt der Farbenmeister.

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